Musik_Norrington und Gergiev in Wien

London Calling

Offenbar finden die echten Wiener Festwochen nicht im goldgeschwängerten Haus des Musikvereins, sondern ein paar hundert Meter weiter im Wiener Konzerthaus statt. Sir Roger Norrington und Superstar Valery Gergiev bewiesen, daß ehrliche Emotionen und Können der Musik dienlicher sind als politische Netzwerke und sonstige Beziehungen.    03.06.2012

Am 11. und 12. Mai 2012 trat das phantastische Chamber Orchestra of Europe mit dem britischen Altmeister Sir Roger Norrington im großen Saal des Konzerthauses auf. Das Kammerorchester ist zutiefst mit dem Wiener Konzerthaus verbunden, spielte es doch die meisten Konzerte nach seiner Entstehung im Jahre 1981 eben in diesem Haus. Das Orchester war seinerzeit eine "Abspaltung" des von Claudio Abbado gegründeten European Community Youth Orchestra; Abbado förderte übrigens auch das Chamber Orchestra. In mehr als 30 Jahren wurde aus dem Ensemble eines der beliebtesten Orchester für Stardirigenten: Nikolaus Harnoncourt setzt es beispielsweise am liebsten für seine nicht-barocken Programme ein.

Im Konzerthaus dirigierte der manchmal etwas schrullig wirkende Sir Norrington zwei der Londoner Symphonien (Nr. 92, "Oxford", und Nr. 94, "mit dem Paukenschlag") in einer sehr eigenwilligen Orchesteraufstellung. Flöten und Oboen waren gemeinsam mit einem Kontrabaß hinter den ersten Geigen, während Fagotte mit den anderen Kontrabässen rechts hinter den zweiten Geigen versammelt waren; die Pauken waren in der Mitte hinten positioniert. Für den Zusammenklang der Holzbläser ist die Aufstellung zwar schwierig, wobei sie aber im Gesamtklang wieder ihren Charme hat.

Die Haydn-Symphonien könnte man sich nicht besser dirigiert vorstellen; der britische Maestro ließ hier als Dirigent seinen Humor durchblicken, und die Musiker reagierten auf jede kleinste Regung des Maestros. Es war witzig, wie Roger Norrington manchmal provokant ins Publikum blickte, wenn im Finalsatz die überraschende Wiederholung der Durchführung kam.

Im Mittelteil sang die Südafrikanerin Michelle Breedt mit ihrem mächtigen und gänsehautfördernden Mezzo fünf Lieder von Franz Schubert, die Max Reger instrumentierte. Sir Norrington breitete den schönsten Klangteppich unter die Schubert-Lieder; schade, daß Breedts deutsche Aussprache katastrophal war. Sie hätte sich vielleicht beim vor kurzem verstorbenen Dietrich Fischer-Dieskau abschauen und -hören können, wie man Lieder des österreichischen Liederkönigs gestaltet.

 

Gut zwei Wochen später trat das fulminante London Symphony Orchestra im gleichen Saal unter seinem Chefdirigenten Valery Gergiev mit einem russischen Programm auf. Die britischen Supermusiker begannen mit Tschaikowskis "Romeo und Julia"-Ouvertüre, die man mit Gergiev und dem Orchester schon 2007 in Grafenegg hören konnte. Dieses Mal - wie auch damals - wäre schon die Interpretation dieser Ouvertüre den Besuch des Konzerts wert gewesen. Der Maestro schwankte zwischen zartesten Pianissimi und wildesten Fortissimi hin und her; das Ergebnis klang nie aufgesetzt, sondern immer natürlich. So sauber intoniert und im Zusammenklang hörte man den Holzbläserchoral der Ouvertüre übrigens bis jetzt noch nie - durchaus nachahmenswert.

Danach spielte der französische Meistercellist Gautier Capuçon, der Bruder des Geigers Renauld Capuçon, mit Tschaikowskis "Rokoko-Variationen" auf. Es war mehr als fulminant, wie der Cellist mit seinem Instrument sang. Der russische Komponist hat aus dem kantablen, einfach klingenden Thema ein wahres "Fingerbrecher-Werk" gemacht. Bei Capuçon klang das jedoch niemals vordergründig virtuos - nur die Musik war für ihn wichtig. Manche Läufe hörten sich ein ganz klein wenig hektisch und leicht verwaschen an, was aber für den Gesamteindruck nicht von Bedeutung war. Wenn Capuçon so weiter macht, kann er bald in die Fußstapfen des legendären Mstislaw Rostropowitsch treten. Als Zugabe spielten er und Gergiev mit dem Orchester Tschaikowskis "Andante Cantabile" für Solocello und Streicher op. 11: eine unendliche (im positiven Sinn) Liedmelodie, einfach und meditativ gespielt. Danach war sogar das Publikum totenstill.

Nach der Pause hieß es Sicherheitsgurte anlegen - nun begann nämlich die Reise durchs heidnische Rußland. Valery Gergiev und die Londoner begleiteten die einzelnen Bilder von Strawinskis Balletts "Le Sacre du Printemps" als souveräne Reiseleiter, von den zarten Passagen des "Frühlingsreigens" oder des "Mystischen Reigens der jungen Mädchen" bis zu den wilden Passagen des "Tanzes der Erde" oder des "Opfers". Die "Frühlingsweihe" ist eines der schwierigsten Werke für Orchester und Dirigent. Ständige Rhythmus- und Taktwechsel sollen so umgesetzt werden, daß es kein Stückwerk, sondern ein großartiges Gesamtwerk wird. Niemand hat das bis jetzt besser umgesetzt als Gergiev und das London Symphony Orchestra. Gergiev kostete die Musik so gekonnt aus, daß man trotz der riesigen Orchesterbesetzung jede Stimme hören konnte. Dafür war dann der "Tanz der Erde" so wild, daß man als Zuhörer fast Sicherheitsgurte benötigt hätte ...

Zum Dank für den mehr als berechtigten Jubel gaben die Musiker als Zugabe den Marsch aus Sergej Prokofjews Oper "Liebe zu den drei Orangen". Auch hier bewiesen der Maestro und "sein" Orchester, auf welch unschlagbarem Niveau sie sind.

Herbert Hiess

Werke von Joseph Haydn und Franz Schubert

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Orchesterkonzert

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Wiener Konzerthaus

 

Joseph Haydn:

Symphonie Nr. 94 in G-Dur "Mit dem Paukenschlag"

Symphonie Nr. 92 in G-Dur "Oxford"

Franz Schubert:

Fünf Orchesterlieder (orchestriert von Max Reger)

 

Michelle Breedt, Mezzosopran

 

Chamber Orchestra of Europe

Sir Roger Norrington

 

Aufführung am 11. Mai 2012

Links:

Werke von Tschaikowski und Strawinski

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Orchesterkonzert

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Wiener Konzerthaus

 

Peter Iljitsch Tschaikowski:

Fantasieouvertüre h-moll "Romeo und Julia"

Rokoko-Variationen in A-Dur für Violoncello und Orchester

Igor Strawinski:

"Le Sacre du Printemps" Bilder aus dem heidnischen Russland

 

Gautier Capuçon, Violoncello

 

The London Symphony Orchestra

Valery Gergiev

 

Aufführung am 21. Mai 2012

Links:

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