Musik_Richard Strauss - Capriccio

Phänomenaler Saisonschluß

Eingerahmt von zwei konzertanten Opernaufführungen - beide mit prominenten Countertenören - von Händel und Mozart beschloß das Theater an der Wien mit der szenischen Aufführung von Richard Strauss´ "Capriccio" die Saison 2015/2016 auf höchstem Niveau. Dank eines interessanten Regiekonzepts war auch die letzte dieser szenischen Produktionen eine Sternstunde.    09.05.2016

Thusnelda ist nicht nur eine Biermarke aus dem schönen lippischen Land rund um Detmold (Anmerkung: Nordrhein-Westfalen); sie ist auch die Gefährtin von Hermann dem Cherusker, nach dem die berühmte "Hermannsschlacht" benannt ist, die im Teutoburger Wald um etwa 15 n. Chr. stattfand.

Georg Friedrich Händels Oper zum Thema heißt "Arminio" und wurde 1737 uraufgeführt, stammt also aus der späteren Schaffensperiode des britischen Komponisten mit deutschen Wurzeln. Händel verstand sein kompositorisches Handwerk natürlich perfekt; "Arminio" ist eine faszinierende Oper, die schon stark die akademischen Eigenheiten des Komponisten in sich trägt. Leider fehlt hier zeitweise der Mut zu Klangfarben und musikalischen "Überraschungen" des frühen Händel.

Der aktuellen Aufführung an der Wien ging eine heftig umworbene CD-Produktion voraus, die offenbar mit dieser Tournee beworben werden sollte. Zentrum der Produktion ist der jugoslawische Countertenor Max Emanuel Cencic, der zu den besten seines Fachs gehört. Händel würzte die Partie mit allen Finessen, die der Counter mit Bravour bewältigte. Leider konnte das Ensemble rund um ihn absolut nicht mit diesem Niveau mithalten - am meisten überzeugte noch Sandrine Piau als "Tusnelda", die schon mit der langsamen Arie im ersten Akt das Publikum bezauberte. Der Rest der Sänger war eher farblos, was recht schade ist. Phantastisch spielte dafür das griechische Barockensemble "Armonia Atenea" unter George Petrou auf.

 

Richard Strauss´ kompositorisches Schaffen ist von Werken mit autobiographischen Zügen durchzogen. Das ist nicht nur in der "Sinfonia Domestica" hörbar, die von seinem anscheinend heftigen Familienleben erzählt, sondern vor allem in "Ariadne auf Naxos" und eben bei "Capriccio". Während bei der "Ariadne" die Nöte und Ängste eines Komponisten erzählt werden, gelangt bei "Capriccio" der ewige Wettstreit zwischen Wort und Musik auf die Bühne. Die zentrale Frage des Werkes ist es, ob zuerst die Musik und dann das Wort ("Prima la musica dopo le parole") kommt oder umgekehrt - und diese Frage ist halt niemals wirklich zu beantworten.

Auf jeden Fall verpackte Strauss sein Sujet in wunderbare Töne und Klänge. Die Entstehungsgeschichte des Librettos war mehr als bewegt: Ausgehend von der Arbeit Stefan Zweigs, der auch die Idee dazu lieferte, stellten Künstler wie Hans Swarowsky, Clemens Krauss, Joseph Gregor und Richard Strauss selbst das Libretto fertig. Das Konversationsstück ist sozusagen eine Art Vermächtnis des bayrischen Komponisten.

Die Regisseurin Tatjana Gürbaca, die unter anderem bei Konwitschny und Ruth Berghaus studierte, ließ das Werk mitten im Krieg spielen, als sehe sie den Wettstreit zwischen Wort und Musik schon als Schlacht. Auf alle Fälle lieferte sie in ihrer vielleicht manchmal abstrusen Interpretation berückende und faszinierende Bilder. Ein Highlight war beispielsweise das "Standbild", wo plötzlich alle Personen in der Bewegung verharrten, als eine Stimme das Sonett "Nichts and´res, das mir so im Herzen loht" vorlas, um das eigentlich der künstlerische Wettstreit entbrennt. Es war gut, daß die Aufführung ohne Pause stattfand, weil dadurch nur der dramatische Fluß zerstört worden wäre ...

 

Die musikalische Umsetzung kann man nur in Superlativen beschreiben. Mit Maria Bengtsson, die die Gräfin Madeleine verkörperte, hat man endlich wieder eine Strauss-Primadonna zur Hand, die man ohne Einschränkung als Nachfolgerin einer Gundula Janowitz, Anna Tomowa-Sintow oder Anne Schwanewilms bezeichnen kann: ein silberheller Sopran, der sowohl im Forte als auch (und vor allem) im Pianissimo begeistert. Und niemals vergißt die Schwedin auf die Wortdeutlichkeit.

Aber auch die anderen Protagonisten waren festspielreif, allen voran Daniel Behle als Flamand oder Daniel Schmutzhard als Dichter Olvier. Lars Woldt als Theaterdirektor begeisterte mit seinem orgelnden Baß, während André Schuen als gräflicher Bruder wieder sein großes Talent zeigte, Nicht zuletzt überzeugten die Wiener Symphoniker unter Bertrand de Billy. Vor allem der Solohornist, der die "Mondscheinmusik" in ein musikalisches Fest verwandelte, ist mehr als erwähnenswert.

 

Mozarts "Titus" war um den prominenten Countertenor Franco Fagioli zentriert, der sich aber bei dieser Produktion bei weitem nicht als der Beste herausgestellt hat. Vielmehr konnte man bei der Aufführung interessante Entdeckungen machen, allen voran den großartigen Tenor Alessandro Liberatore als Lucio Silla und die Russin Olga Pudova als Giunia. Der Tenor verfügt über ein wunderbar abgedunkeltes Timbre mit einer sicheren Höhe, die Russin über einen interessanten und höhensicheren Koloratursopran. Beide sollte man sich unbedingt merken - vor allem den Tenor mit Starcharakter.

Die frühe Opera Seria des jungen Mozart (er begann sie im 15. Lebensjahr zu komponieren) hat den Weltklassecharakter eines "Idomeneo" und zeigt die genialen Züge des Teenagers bereits sehr ausgeprägt. Mozarts Musik sprengt hier das "barocke Korsett" und ist völlig eigenständig. Faszinierend an diesem Abend war die musikalische Arbeit des Insula Orchestra unter Dirigentin Laurence Equilbey. Die quirlige Französin leitete Mozarts musikalisches Drama mit Begeisterung. Manchmal hätte man sich vielleicht weniger verwaschene Einsätze und dafür mehr dramatischen "Drive" gewünscht, insgesamt aber lieferte sie eine hervorragende Leistung.

Rita Cosentino hatte die Aufführung szenisch so eingerichtet, daß wenigstens einmal die (gefühlte) Statik einer "normalen" konzertanten Aufführung wegblieb. Und auch dafür gebührt dem führenden Wiener Opernhaus wieder einmal großes Lob.

Herbert Hiess

Georg Friedrich Händel - Arminio

ØØØ

Oper in drei Akten

Leserbewertung: (bewerten)

Solisten: Max Emanuel Cencic, Sandrine Piau, Ruxandra Donose u. a.

 

Armonia Atenea/George Petrou

 

Konzertante Aufführung am 20. April 2016 im Theater an der Wien

Links:

Richard Strauss - Capriccio

ØØØØØ

Konversationsstück in einem Aufzug

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Solisten: Maria Bengtsson, André Schuen, Daniel Behle, Daniel Schmutzhard, Lars Woldt u. a.

 

Regie: Tatjana Gürbaca

 

Wiener Symphoniker/Bertrand de Billy

 

Theater an der Wien

 

Premiere: 18. April 2016

Reprisen: 21., 23., 25., 29. April & 2. Mai 2016

 

(Photos: Herwig Prammer)

Links:

Wolfgang Amadeus Mozart - Lucio Silla

ØØØØ 1/2

Dramma per Musica in drei Akten

Leserbewertung: (bewerten)

Solisten: Alessandro Liberatore, Franco Fagioli, Olga Pudova, Chiara Skerath und Ilse Eerens

 

Szenische Einrichtung: Rita Cosentino

 

Arnold Schoenberg Chor

Insula Orchestra/Laurence Equilbey

 

Konzertante Aufführung am 27. April 2016 im Theater an der Wien

Links:

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