Musik_Tonkünstler in Grafenegg und Salieri an der Wien

Das Beethoven-Ereignis

Vor nicht allzulanger Zeit massakrierten ein berühmtes Orchester und dessen Chef Beethovens Siebente in Grafenegg. Jetzt überraschten Ivor Bolton und die Tonkünstler als Grafenegger Hausorchester das Publikum mit einer der besten Aufführungen des oft gespielten Werks. Und im Theater an der Wien hörte man in einer brillanten Aufführung, warum ein "Opernkoloß" zu Recht nicht mehr aufgeführt wird.    14.12.2018

Im Sommer 2017 gelang es Manfred Honeck mit "seinem" Pittsburgh Symphony Orchestra, dem EVOLVER-Klassikexperten ein veritables Beethoven-Trauma zu verpassen. In diesem Konzert wurde eines der beliebtesten Werke des Meisterkomponisten bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.

Beethovens 7. Symphonie Symphonie ist eine der am schwersten aufzuführenden, da die Grenze zu Kitsch und interpretatorischem Untergang sehr schmal ist. Wo Honeck aufs Tragischste scheiterte, vollbrachten Ivor Bolton und die Tonkünstler mit ihrer Deutung und Aufführung des Werks eine überraschende Glanzleistung. Das Orchester war in Top-Form; mit kleiner (!) Streicherbesetzung (also vier Kontrabässen usw.) erspielten sich die Musiker eine veritable Erfolgsgeschichte. Brillante Streicher, ebensolche Bläser (wobei die Holzbläser beim Hauptthema des ersten Satzes noch mehr synchron hätten spielen können) und eine großartige Paukistin (Margit Schoberleitner) machten mit Bolton aus dem Abend ein unvergeßliches Ereignis. Der Maestro zeigte vor allem seine musikantische Seite, die man am schönsten im Trio des dritten Satzes hören konnte, wo sich die Musik zu einem Landler mit gekonnten Steigerungen verwandelte. Höhepunkt war der zweite Satz. Das sogenannte "Allegretto", das eigentlich ein Trauermarsch ist, wurde von Bolton und den hervorragenden Musikern ausnahmsweise auch als solcher gespielt. Der meistens zu gehetzt gespielte Satz kam hier voll zur Geltung, und man hörte hier Beethovens Genialität (großartig im Mittelteil das Fugato der Streicher).

Auf dem Programm standen weiters Beethovens Ouvertüre zu "Die Geschöpfe des Prometheus" und Hector Berlioz´ Liederzyklus "Les nuits d´été", der von der deutschen Mezzosopranistin Eva Vogel mit ihrer wunderschönen runden tiefen Stimme gesungen wurde. Der Liederzyklus ist nicht wirklich der "Reißer" in einem Konzertprogramm; wurde aber hochinteressant gebracht.

 

Der französische Barockspezialist Christophe Rousset widmete sich im Theater an der Wien in einer konzertanten Aufführung einem ausufernden Werk des ewigen Mozart-Konkurrenten Antonio Salieri. Die Oper "Tarare" besteht aus fünf Akten inklusive Prolog und Epilog.

Das Libretto schrieb niemand Geringerer als Pierre Augustin Caron de Beaumarchais (der Verfasser der "Figaro"-Geschichten), der hier seine antimonarchistischen und revolutionären Gedanken niederschrieb. Die Handlung dreht sich um den tyrannischen Herrscher Atar und den Milizführer Tarare - und nach (schier endlosen) vier Stunden siegt das Gute (also Tarare). Die Entstehungs- und Wiederentdeckungsgeschichte dieser Oper ist sehr bewegt; letztlich ist es dem Theater an der Wien zu danken, daß Rousset mit "Tarare" den Salieri-Zyklus (nach "Les Danaides" und "Les Horaces") komplettieren konnte.

"Tarare" ist das mit Abstand schwächste Werk Salieris; es ist zwar meisterhaft komponiert und instrumentiert, jedoch fehlt der Oper der dramatische Impetus. Schon der Schluß des zweiten Aktes ist mehr als unbeholfen - nach einem interessanten Marsch reißt die Musik nach ein paar Takten Gesang plötzlich ab. Dabei hätte Salieri daraus viel mehr machen können. Beeindruckend an der Instrumentierung ist das volle Orchester inklusive Posaunen und "Janitscharen-Instrumenten" (große Trommel und Becken). Fünf Jahre nach der Uraufführung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" (1782) läßt Salieri diese Schlaginstrumente hier aufs Feinste hören. Er schließt jedoch eher an die Gluck-Tradition an als Mozart. Das Uraufführungsjahr der Oper (1787) war übrigens Glucks Sterbejahr.

Christophe Rousset zauberte mit seinen Talens Lyriques und dem hervorragenden Chor eine grandios umgesetzte Aufführung. Die Solisten (allen voran Cyrille Dubois als Tarare und Jean-Sébastian Bou) konnten bis zum Schluß überzeugen. Nicht unerwähnt sollte der grandiose Chor aus Versaille bleiben.

Es war zwar interessant, Salieris Oper zu hören - aber an mehr als an ein langatmiges Werk wird man sich nicht wirklich erinnern. Damit ist es fast schade um die Mühen, die sich Rousset mit seinem phantastischen Ensemble gemacht hat. Die wären bei Rameau-Werken und ähnlichem viel eher angebracht gewesen.

Herbert Hiess

Beethoven 7

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Orchesterkonzert im Auditorium Grafenegg

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Werke von Ludwig van Beethoven und Hector Berlioz

 

Eva Vogel, Mezzosopran

 

Tonkünstler-Orchester Niederösterreich/Ivor Bolton

 

Konzert am 17. November 2018 im Auditorium/Grafenegg

Links:

Antonio Salieri: Tarare

ØØØØØ

Oper in einem Prolog, fünf Akten und einem Epilog

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Solisten: Cyrille Dubois, Jean-Sébastian Bou, Karine Deshaies, Tassis Christoyannis u. a.

 

Les Chantres du Centre de Musique baroque de Versailles

 

Les Talens Lyriques/Christophe Rousset

 

Konzertante Aufführung am 24. November 2018 im Theater an der Wien

Links:

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