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Schmauchspuren #33

Kaum ein Krimiautor hat sich bisher beim Herumstochern in menschlichen Abgründen über eines der größten Verbrechen getraut: die Außenpolitik der USA. Schon deswegen muß man Don Winslow verehren - meint Thrill-Experte Peter Hiess.    20.08.2014

Peter Hiess

Don Winslow -Tage der Toten

Suhrkamp Tb. 2010

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Es ist ein blutiger Krieg, das wird gleich zu Beginn von Tage der Toten klar. Und es ist ein Krieg, den man nicht gewinnen kann - oder nur dann, wenn man auf der Seite der Rauschgifthändler steht.

Don Winslow, der in letzter Zeit durch seine Krimis im Umfeld der Surfer-Kultur auch im deutschsprachigen Raum bekannt wurde, behandelt in seinem Monumentalwerk Tage der Toten den amerikanischen "War on Drugs" (ein Begriff, der übrigens von "Tricky Dick" Nixon geprägt wurde) und all die üblen politischen Machenschaften, die dahinterstecken. Sein Protagonist heißt Art Keller, ist Veteran einer Vietnamkriegs-Killertruppe und arbeitet 1975 für die Ami-Rauschgiftbehörde DEA. Während er in Mexiko Mohnfelder niederbrennt, freundet er sich mit dem Barrera-Clan an, verhilft dessen Patriarchen und seinen zwei Neffen jedoch unabsichtlich zur Übernahme des landesweit größten Drogenkartells. Später, nach dem Foltermord an einem DEA-Kollegen, werden die Barreras Kellers erbittertste Feinde. Er jagt sie drei Jahrzehnte lang, geht dabei fast drauf und verliert über diese Obsession auch seine Familie.

Das wirklich Spannende und Umwerfende an der epischen Story sind jedoch die Beobachtungen, die Keller über die amerikanische Politik dieser Jahrzehnte macht: die von der CIA ausgebildeten südamerikanischen Todesschwadronen, die Iran-Contra-Affäre, die Ausbeutung durch das ekelerregende NAFTA-Abkommen, die von der eigenen Regierung betriebene Überschwemmung der Vereinigten Staaten (und vor allem ihrer Slums) mit Heroin, Kokain und Crack. Winslow zeigt deutlich, wie eine Supermacht funktioniert - und warum man den USA niemals trauen darf, egal, welche Präsidentenmarionette sie gerade installiert haben. Ein wahres Meisterwerk.

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John Sandford - Im Sog des Bösen

Goldmann Tb. 2010

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Nach einer derart erbaulichen Lektüre fällt einem viel eher auf, wenn ein Autor zwar routiniert, aber ohne echte Inspiration schreibt. John Sandford zum Beispiel, der mit seinen Thrillern um den Ex-Spieleentwickler und Immer-noch-Polizisten Lucas Davenport wahrscheinlich schon vor einigen Büchern hätte aufhören sollen - aber das ist halt schwierig, wenn man immer in der Bestsellerliste landet. Trotzdem: Im Sog des Bösen, wo Davenport in einer Mordserie unter der Goth-Population Minnesotas ermittelt, erfreut zwar wieder durch die minutiösen und nachvollziehbaren Beschreibungen der Polizeiarbeit, wagt sich aber mit seiner Auflösung auf Brian-De-Palma-Terrain, was dem Roman nicht gerade guttut. Da ist die Nebenhandlung um die Beschattung einer Gangsterbraut schon um einiges witziger und realistischer ...

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Ilona Mayer-Zach - Schlangenwald

Wien live/Echomedia Tb. 2010

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Aber daß es in Kriminalgeschichten nicht um Realismus gehen muß, wußten ja schon Alfred Hitchcock und Agatha Christie. Letztere ist eindeutig eines der Vorbilder der Autorin Ilona Mayer-Zach, deren beliebte Heldin Paula Ender - selbst Schriftstellerin und Promotion-Texterin - in ihrem dritten Abenteuer Schlangenwald einen willkommenen Ausflug aus der sozialdemokratischen Idylle Wiens macht. Ein Großauftrag führt die Hobbyermittlerin nach Costa Rica, wo sie Werbebroschüren für ein neues Öko-Urlaubsresort recherchieren soll. Dort ist natürlich auch nicht alles so sonnig und freundlich, wie es auf den ersten Blick scheint, also schnüffelt Paula herum, wo sie nicht soll. Und bald erweist sich der Manager der Feriensiedlung, der ihr anfangs so attraktiv schien, als äußerst verdächtiger Charakter. Daß der Roman dann doch nicht "das Spannungsfeld zwischen Tourismus und Ökologie" behandelt, wie der Klappentext so anödend behauptet, ist dem sympathischen Humor der Hauptfigur und dem Können der Autorin zu verdanken. Weil: Wenn’s nicht wahr ist, dann sollte es doch zumindest gut erfunden sein.

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Lester Dent - Honey In His Mouth

Hard Case Crime (Dorchester Publ.) 2009

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Das gilt natürlich auch für alten und neuen Pulp, wie er in der Reihe Hard Case Crime zur Freude dieser Kolumne seit einigen Jahren regelmäßig erscheint. Das vorliegende Taschenbüchlein mit dem verführerischen Cover, Honey In His Mouth, stammt von Lester Dent, dem Verfasser der wunderbaren Abenteuer um Doc Savage, und wurde 1956 (in wahrscheinlich zwei Wochen) runtergeschrieben. Sein Protagonist Walter Harsh ist A. ein kleiner Gauner und B. alles andere als sympathisch oder C. intelligent. Aber er ist einem südamerikanischen Diktator wie aus dem Gesicht gerissen - was ein paar geldgierige Landsleute des Politikers auf die Idee bringt, mit Hilfe des Doppelgängers an ein paar Millionen Dollar auf den Auslandskonten von „El Presidente“ zu kommen. Walter läßt sich auf das gefährliche Spiel ein, sieht die Chance seines Lebens gekommen, ist jedoch als geborener Loser und mieser Charakter nicht imstande, sie zu nutzen. Bis zum bitteren Ende.

Das übrigens ist entgegen aller Befürchtungen für Hard Case nicht gekommen. Wie vor kurzem verlautete, hat der britische Verlag Titan Books die plötzlich heimatlose Serie gekauft und plant sie ab Herbst 2011 weiterzuführen.

Manche Geschichten gehen ja doch gut aus ...

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"Schmauchspuren"


... erscheint in gedruckter Form seit 2005 in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.

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