Print_R. Topor - Memoiren eines alten Arschlochs

Der Arsch der Welt

Der Brachialhumorist zeigt, was dabei herauskommt, wenn ein richtiger Widerling seine Memoiren schreibt. Das Ergebnis kommt erfahrenen Lesern durchaus bekannt vor.    25.08.2006

"Mit keinem Mann habe ich so viel gelacht, so viele Flaschen Wein getrunken und in so vielen Bistros gesessen. Niemand hat sich so hemmungslos des Lebens gefreut wie er. Und niemand, der so viel konnte und so viel zu sagen hatte, nahm sich so wenig wichtig. Er tanzte wie ein Kork auf den Wellen des Lebens, sein gellendes Lachen war das Nebelhorn, mit dem er sich vor Kollisionen schützte. Bis jemand den Stöpsel zog. Er war ein Multitalent, Zeichner, Maler Schriftsteller, Dramatiker, Regisseur, Schauspieler, er war Jarrys Enkel und unser aller Bruder, er war der letzte Bohemien; nach ihm kamen die Stadtneurotiker."

Soweit ein Auszug aus einem gleichermaßen begeisterten wie bedauernden Bericht Wolfram Siebecks über seine letzte Begegnung mit Roland Topor. Wenn einer das hübsche Beiwort "Enfant terrible" verdient, dann der 1997 verstorbene Sohn polnisch-jüdischer Emigranten und Mitbegründer des "mouvement panique". Drastisch waren die Romane des Spaßvogels ebenso wie seine Filme und Karikaturen. Der im Grunde tragische und gesellschaftskritische Roman "Der Mieter" (1976 von Roman Polanski verfilmt) etwa wartet mit einer brüllend komischen Szene auf, in der der schüchterne Protagonist Telkovsky sein Häufchen vor die eigene Wohnungstür macht. Der Grund: Jemand hat bereits alle anderen Fußabstreifer im Haus versaut, aber ausgerechnet jenen Telkovskys ausgelassen, offenbar um ihn selbst als Urheber erscheinen zu lassen. Unvergessen auch die Gespräche, die der Marquis de Sade in der Roland-Topor-Verfilmung seines Lebens mit dem eigenen Penis führt, der auf den Namen Colin hört.

Im Falle der 1975 erstmals erschienenen "Memoiren eines alten Arschlochs" ist bereits der Titel eine Provokation (und die beste Gewährleistung dafür, daß der schmale Band auch tatsächlich aus dem Buchregal gezogen wird). Freilich klingt die Selbstbeschimpfung im französischen Original eine Spur weniger drastisch ("vieux con"). Von Selbstbeschimpfung oder auch nur leiser Selbstkritik findet sich im Inneren des Buchs freilich keine Spur. Das legt dann auch gleich so los: "Meine beachtlichen Talente für die Bildenden Künste zeigten sich seit meiner frühesten Kindheit. Mit drei Jahren ritzte ich mit der Gabel Klees in den Kartoffelbrei, die meine Familie verblüfften. Mit vier Jahren hielt ich Siesta. Mit fünf Jahren zeichnete ich mit dem Bleistift die Porträts meiner kleinen Kameraden naturgetreuer und schöner als die Fotografien Lewis Carrolls. Ein Fotograf machte mich sogar verantwortlich für seinen Bankrott. Meine Hände waren die herrlichsten und präzisesten Werkzeuge, von denen ein Mensch überhaupt träumen kann."

In dieser Tonart geht es auf rund 200 Seiten weiter. Das Memoiren-typische Namedropping wird dabei auf die Spitze getrieben: Im Glossar am Schluß des Buches finden sich 382 zitierte Namen von Hans Albers bis zum Theater- und Filmproduzenten Florenz Ziegfeld ("Ziegfeld Follies"). Da kann es schon mal passieren, daß man hinter R. Maria Rilke eine Frau vermutet. Selbst auf öffentlichen Toiletten läuft der Memoirenschreiber in schöner Ausschließlichkeit Nobelpreisträgern, Premierministern und Ausnahmekünstlern über den Weg. Nicht immer ist das Zusammentreffen für diese erfreulich: Wer weiß schon, daß Leo Trotzki im mexikanischen Exil nicht wirklich einem Auftragsmord zum Opfer fiel? Das alte Arschloch war´s, das die tödliche Spitzhacke führte - ein bedauernswerter Unfall. ("Wird das Eingeständnis eines einzigen Totschlags die Auflage meiner Memoiren in die Höhe treiben? Ich wünsche es.")

Daß der Autobiograph alle späteren Entwicklungen in der Welt der Künste und des Geistes bereits vorweggenommen oder höchstpersönlich angestoßen hat, versteht sich von selbst. Daß er dies in den meisten Fällen unbedankt tat und seine Leistung unter den Teppich gekehrt wurde, ist schlicht eine Schande: "Ich habe sie alle gekannt, alle! Und diejenigen, denen ich nicht leibhaftig begegnet bin, habe ich im Fernsehen gesehen. Ich habe ihnen ihre besten Ideen gegeben, ich habe ihnen den Weg zur Modernen Kunst gezeigt. Sie haben sich damit begnügt, dem von meinem Werk vorgezeichneten Weg zu folgen. Ein Mann kann die Geschichte verkörpern. Für die Geschichte der Kunst bin ich dieser Mann gewesen. Sie haben mir alles gestohlen. Selbst das, was ich gar nicht besaß."

Mit den "Memoiren eines alten Arschlochs" setzte Topor eine intelligente und höchst vergnügliche Autobiographien-Verarschung ins Werk, wie sie in Zeiten intelligenter, wenn auch selbstverliebter Autobiographien noch möglich war. Heute verarschen sich die Memoiren-Schreiberlinge mehr oder weniger unfreiwillig bereits selbst. Wie ließe sich etwa an den Machwerken eines Dieter Bohlen noch irgendetwas überzeichnen oder persiflieren? Wie ließe es sich glaubwürdig noch blöder sein, als sich der Meister der Kopfstimme und hirntoten Songtexte ohnehin gibt? Die Wirklichkeit mag Topors Pseudo-Memoiren eingeholt haben - sie sind und bleiben dennoch ein skurriles Paradestück.

Alina Fuchs

Roland Topor - Memoiren eines alten Arschlochs

ØØØØØ

(Mémoires d´un vieux con)


Diogenes Verlag (Zürich 2006)

 

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