Print_Markus Orths - Fluchtversuche

Geschichten mit Knalleffekt

Andere haben eine lebhafte Fantasie - die dieses Autors läuft geradezu Amok. Seine rasante Geschichtensammlung erzählt von Überhörgeräten und Särgen, in denen man "richtig liegt".    19.09.2006

Nach der Lektüre von Markus Orths´ "Fluchtversuchen" weiß man nicht so recht, was nun überwiegt: die Freude über die Entdeckung dieses Autors oder das Bedauern darüber, nicht schon viel früher dessen Bekanntschaft gemacht zu haben. Dabei handelt es sich bereits um das fünfte bei Schöffling erschienene Buch des 1969 geborenen Deutschen. Vorangegangen sind - vielfach ausgezeichnet - drei Romane (am erfolgreichsten: "Lehrerzimmer") und ein Erzählband ("Wer geht wo hinterm Sarg?").

Auch "Fluchtversuche" versammelt zehn Erzählungen, die ein bisserl böse sind, sehr humorvoll, äußerst skurril, originell und vor allem ziemlich verrückt. Was Solipsismus in letzter Konsequenz bedeutet, führt der Protagonist der "Kleinen Welt" vor, der das menschliche Inventar dieses Planeten erfolgreich auf seine eigene Person zurückführt. Was ein Mensch für ein wenig Zuneigung zu tun bereit ist, zeigt die kleine Mara, die im wörtlichen Sinn den Schoßhund für die unter geistiger Verwirrung leidende alte Tante spielt. Wie "Notting Hill" auch hätte ausgehen können, erweist sich an der Geschichte vom Normalsterblichen, der unverhofft auf das Anwesen der unter Paparazzi begehrten Multimillionärin geladen wird und dort um sein Leben bangen muß. Zum Drüberstreuen erfindet der Autor Überhörgeräte, die Geburt als "Eintragung" (statt Austragung) und die Muse neu als besonders nervigen Doppelgänger des Schriftstellers.

Die Sprache der zumeist als Ich-Erzählung inszenierten Geschichten paßt sich den jeweiligen Protagonisten an. Man lebt mit ihnen, man leidet mit ihnen durch die oft nur wenigen Seiten, bis das befreiende Lachen kommt. Orths schafft erstaunliche, gerade aufgrund ihrer Kürze intensive Miniaturen, die hochgradig neurotische Menschen und absonderliche Vorgänge als das Normalste der Welt in Szene setzen. Der Autor selbst muß nicht notwendigerweise einen Knall haben (obwohl das bei der schreibenden Zunft nie etwas schaden kann); seine Erzählungen garantieren in jedem Fall für Knalleffekte.

Alina Fuchs

Markus Orths - Fluchtversuche

ØØØØØ


Schöffling (Frankfurt am Main 2006)

 

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