Stories_Biker-Filme

Wilde Engel auf heißen Maschinen

Auch 40 Jahre nach "Easy Rider" hat das Biker-Genre nichts von seiner Faszination eingebüßt. Mit "Wild Angels" liegt jetzt erstmals der Begründer der PS-starken Sparte ungekürzt auf DVD vor. Grund genug für Reinhard Jud, sich auf sein Metallroß zu schwingen und den Highway der Filmgeschichte entlangzubrausen.    25.02.2009

Sie gelten als die outlaws des späten 20. Jahrhunderts, das moderne Gegenstück zur James Gang. Ob sie mit dröhnenden Motoren als einsame Wölfe oder im furchterregenden Rudel daherkommen - wenn man vor Angst nicht gleich schreiend davonläuft, packt einen die Faszination für die "Motorrad-Rocker". Marlon Brando machte Anfang der 50er Jahre als "Der Wilde" der beginnenden Teenager-Kultur ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte - und trieb dem Rest der Gesellschaft den Schweiß auf die Stirn ...

Schon das erste Bild von The Wild One faßt die ganze Bedrohung zusammen, die von den Kino-Bikern ausgeht: Eine Bande Motorradfahrer nähert sich dem Zuschauer, teilt sich und zieht links und rechts an der auf dem Mittelstreifen positionierten Kamera vorbei. Der letzte von ihnen rast direkt auf die Kamera zu, um erst im letzten Moment in einem Bremsmanöver auszuweichen.

Die Bande fällt marodierend über eine amerikanische Kleinstadt her - genauso, wie es zum Entsetzen der Nation am 4. Juli 1947 tatsächlich geschehen ist. Nach einer Annäherung des Helden Johnny (Marlon Brando) an das Serviermädchen Kathy kommt es zur internen Auseinandersetzung zwischen ihm und dem völlig durchgeknallten Chino (Lee Marvin).

Man kann von einem Generationskonflikt reden: Wie die ursprünglichen Hells Angels steht auch Lee Marvin für jene Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg, denen es nicht gelang, nach ihrer Heimkehr in der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft wieder auf den Boden zu finden. Er verkörpert den psychotischen, gewalttätigen Schurken aus der Spätzeit des Film noir. Brando dagegen kam vom Method-Acting und wurde von Elia Kazan protegiert; einem Ostküstenregisseur, dem es ein Anliegen war, den Genrefilm durch Kunst und soziales Engagement zu überwinden.

In ihrer Begeisterung über "The Wild One" randalierten echte Hells Angels regelmäßig in den Kinosälen. Auf Brandos Karriere hätte sich dieser Umstand eher negativ ausgewirkt, wäre er nicht gleichzeitig von amerikanischen Teenagern - der neuen Zuschauermasse - zum Idol erklärt worden. Das Image des Nonkonformisten im biederen, restaurativen Klima der 50er Jahre teilte er sich mit Montgomery Clift und James Dean.

 

Noch wurde aus dem Biker-Film aber kein Genre. Die Mutprobe in "Rebels Without a Cause" mit James Dean wird mit Autos ausgetragen. Autos, Drogen und Sex bilden auch die Leitmotive in der folgenden Welle von Teenage-Expoloitation-Filmen wie "High School Confidential" und "The Cool and the Crazy". Bei der nächsten Welle, den Beach-blanket- und Surfer-Filmen der frühen 60er Jahre, verkam der Biker endgültig zum Pausenclown - wie Eric von Zipper, der übergewichtige Anführer der Motorrad-Gang Rats and Mice in "Beach Party" mit Frankie Avalon und Annette Funicello.

Das hätte das Ende vom Mythos bedeuten können; bloß gab es nach wie vor Biker auf Amerikas Straßen, auch wenn sie von der Unterhaltungsindustrie nicht wahrgenommen wurden. Die ästhetische Auseinandersetzung mit ihnen kam aus der Avantgarde und war eindeutig von homosexueller Faszination für muskulöse Motorradfahrer und deren Accessoires Lack, Chrom und Leder geprägt. 1963 - im selben Jahr, in dem "Beach Blanket" entstand - drehte Kenneth Anger den Kultklassiker Scorpio Rising, der durch seine fetischistische Darstellungsweise und den Einsatz von Popsongs ganze Generationen amerikanischer Regisseure von Martin Scorsese bis Kathryn Bigelow inspirieren sollte.

 

Den Auftakt zum selbständigen Genre setzte 1966 Roger Corman mit The Wild Angels. Corman hatte in Personalunion als Regisseur und Produzent Ende der 50er Jahre mit einer Unzahl von Teenage-Exploitation-Filmen begonnen. Im Unterschied zu Hollywood-Produzenten begriff er die Subkultur der mittleren 60er Jahre als Markt und orientierte sich am Stil des amerikanischen Cinema Verité von Regisseuren wie Pennebaker. Er nahm die Nachwuchsregisseure Peter Bogdanovich und Monte Hellman in seine Crew auf und engagierte Peter Fonda, Nancy Sinatra, Bruce Dern und Diane Ladd als Darsteller. Legendär bleibt allemal die Schlußszene, in der das Begräbnis eines Bikers zur Orgie eskaliert.

Zwischen 1966 und 1969 erfolgte die Blüte des Genres mit "Devil´s Angels", "Wild Rebels", "The Glory Stompers", "The Savage Seven", "The Hellcats", "Angels from Hell", "Cycle Savages", "Hell´s Angels 69" und "Satan´s Sadists". Die Filme sind immer noch sehenswert, in den Soundtracks finden sich Perlen, und es kommt immer wieder zu Auftritten von Stars des späteren New Hollywood: Bruce Dern, Dean Stockwell, Jack Nicholson. Trotzdem blieb das Genre im Schatten der Drogen-Subkultur-Psychedelia mit Klassikern wie "The Trip", "Riots on Sunset Strip", "Psych Out" oder "Wild in the Streets". Biker-Filme fanden ihr Publikum nicht in den hippen Zentren der großen Städte, sondern im Süden und mittleren Westen; es war hauptsächlich männlich und Anfang 20.

 

"Ihr habt nichts begriffen", heißt es am Ende von Jack Starretts The Losers (alias "Nam´s Angels") von 1970. Dirty Denny und seine Gang sind vom CIA rekrutiert worden, um den von Chinesen entführten und in Kambodscha gefangenen amerikanischen Präsidentenberater zu befreien. Danny besucht ein örtliches Bordell, die Gang knallt sich in der Nacht vor dem Coup mit Schnaps und Marihuana voll, der wildeste unter ihnen hat eine Stalinorgel aufs Motorrad montiert und fährt damit gegen das Lager. Doch der Gefangene hat längst die Seiten gewechselt und ist überzeugter Dritte-Welt-Kommunist ...

Es lag teils am politischen Klima, daß es mit dem Biker-Film zu Ende ging, teils hatte sich das Genre einfach ausgereizt und war mit Easy Rider im Mainstream aufgegangen. Dazu hatten sich die Hells Angels 1969 beim Altamont Free Concert mit der Drangsalierung Tausender zugedröhnter Hippies und dem Mord an einem schwarzen Zuschauer als gewalttätige und rassistische Psychopathen geoutet, was das Ende vom Pakt mit einer Subkultur bedeutete, die selbst bereits alle Symptome der Auflösung vor sich hertrug.

Zur sozialromantischen Gegenposition hatten sie nichts mehr beizutragen; nachträglich gab es eine Abrechnung in Melvin Van Peebles "Sweet Sweetback Baadasssss Song" von 1971, mit dem die Welle der Blaxploitation-Filme startete. Der schwarze Protagonist wird auf der Flucht von einer Motorradbande gestellt, deren Anführerin den Beweis seiner Potenz verlangt - wir wissen schon, das Image, das weiße Rowdies so fürchten - und sich im Scheinwerferlicht der im Kreis arrangierten Motorräder wie in einer Kampfarena vögeln läßt. Ehrerbietig hebt sie danach die Hand und läßt ihn weiterziehen.

 

Damit ist die Genre-Geschichte zu Ende und kann nur noch reminiszent weitergehen: Ende der 70er Jahre kam Monty Montgomery, Sohn einer reichen Familie in Georgia, nach New York und produzierte nach einer Vorlage von Cornel Woolrich "Union City" mit Debbie Harry in der Hauptrolle. 1982 drehte er in Co-Regie mit Kathryn Bigelow und Willem Dafoe in der Hauptrolle The Loveless. Der Film ist in den 50er Jahren angesiedelt, die Story erinnert an "The Wild One": Wieder fällt eine Bande von Bikern in eine Kleinstadt ein; stilistisch gibt es Anleihen an "Scorpio Rising", Posen, Lack und Leder spielen eine wichtige Rolle, das Ergebnis ist aber meilenweit von einem Rip-off, einer dummen Zitatensammlung entfernt. Dazu bringen die Regisseure zuviel Reflexion über Subkultur und dadurch Traurigkeit und Leere ins Spiel, wodurch sie auf nahezu bewegende Weise Authentizität schaffen.

Auch River´s Edge (1986) ist eine Auseinandersetzung mit Subkultur, jener von Jugendlichen in den 80er Jahren, ihren Eltern und Lehrern, die sich auf die 60er berufen, und dem alten Rocker Feck (Dennis Hopper), der alleine und nach einem Motorradunfall einbeinig am Rande der Vorstadtsiedlung lebt. Das Leben der Biker taucht nur noch in Fecks besoffenen Erzählungen auf, ebenso der Umstand, daß er seine Freundin damals aus Liebe getötet hat - nicht als Maniac mit der Psyche von Highschool-Amokläufern, wie der jugendliche Killer, der seine Hilfe sucht.

 

Neben Dennis Hopper bleibt noch Mickey Rourke in Coppolas The Outsiders (1983) und Rumble Fish (1984) als immobiler Biker zu nennen. Rourke hat gerne mit dem Image des überlebt habenden Elvis-Fans gespielt, des Vertreters der Vorstadt, der sein anachronistisches Erscheinungsbild nicht ironisch begreift, sondern im Gegenteil ausnehmend cool findet. In Harley Davidson and the Marlboro Man erhielt er Ende der 80er Jahre endlich ein Motorrad und war inklusive dümmlicher Blueser-Sprüche nur noch ein austauschbarer Pretender: keine Bedrohung, kein verzweifelter Rebell, nicht authentisch in der Niederlage, nur noch eine lebende Litfaßsäule.

Und das war dann das endgültige Ende vom Mythos.

Reinhard Jud

The Wild Angels

Leserbewertung: (bewerten)

Pierrot Le Fou (USA 1966)

DVD Region 2

ca. 109 Min., dt. Fassung oder engl. OF (DD 2.0)

Features: Hauptfilm erstmals ungekürzt, Trailer

Regie: Roger Corman

Darsteller: Peter Fonda, Nancy Sinatra, Bruce Dern u. a.

Links:

Born to be wild


"The Wild One"/"Der Wilde" hierzulande auf DVD von Columbia Tristar

"Scorpio Rising" als US-Import erhältlich bei Fantoma

"The Losers" als US-Import erhältlich von Dark Sky

"Easy Rider" hierzulande auf DVD von Columbia Tristar

"The Loveless" als US-Import erhältlich von Blue Underground

"The Outsiders" als US-Import erhältlich von Warner

"Rumble Fish" hierzulande auf DVD von Universal

"Harley Davidson and the Marlboro Man" hierzulande auf DVD von Universal

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