Print_Dominique Manotti - Ausbruch

Immer wenn sie Krimis schrieb

Seit kurzem liegt der neueste Roman der französischen Krimiautorin auch in deutscher Sprache vor. Reinhard Jud taucht mit Dominique Manotti ins Paris der 80er Jahre ab.    29.04.2014

In Giancarlo De Cataldos "Romanzo Criminale" drängt Commissario Scialoja seine politisch aktive Schwester im Anschluß an die Ermordung von Aldo Moro, die zur Kriminalisierung der linken Szene führte, das Land zu verlassen. Sie ist eine von 300 italienischen Aktivisten, die in den 70er Jahren ins Exil nach Paris gingen. 1981 erhielten sie als politische Flüchtlinge Auslieferungsschutz, 1985 wurde der Schutz in der Mitterrand-Doktrin zum politischen Prinzip erklärt. Er galt auch für Mitglieder der Roten Brigaden, sofern sie sich vom gewaltsamen Kampf distanzierten.

Dominique Manottis Roman "Ausbruch" spielt im Milieu der italienischen Exilanten im Paris der 80er Jahre. Die ehemalige Terroristin Lisa Biaggi floh 1980 und führt ein bürgerliches Leben als Angestellte im Zentrum für Arbeitsmedizin. Ihr Freund Carlo Fedeli landete in Italien im Gefängnis; 1987, kurz nachdem die Roten Brigaden ihren Kampf für beendet erklärten, bricht er aus. Sein Zellengenosse Fillippo Zuliani, ein politisch unbedarfter römischer Kleinkrimineller, schließt sich ihm an. Kaum ist Carlo jedoch in Freiheit, verabschiedet er sich von ihm, und Fillippo muß sich allein durchschlagen. Als er in einem Zeitungsbericht erfährt, daß Carlo bei einem Banküberfall in Mailand erschossen wurde, geht er aus Angst vor der Polizei nach Paris und sucht Lisa Biaggi auf. Lisa ist mißtrauisch, bringt ihn aber in der Wohnung ihrer Freundin Cristina unter.

Fillippo verdingt sich als Nachtwächter. Aus dem Ressentiment gegenüber Carlo, von dem er sich verraten, und Lisa, von der er sich verachtet fühlt, und um Cristina zu imponieren, bringt er seine Geschichte als Roman zu Papier: Im Zentrum steht die Kameradschaft mit Carlo, mit dem er gemeinsam die Bank in Mailand überfällt, um im Finale seinen Tod zu rächen. Der Roman hat Erfolg, der Verlag baut den Autor ob seiner verbürgten Authentizität zum literarischen Star auf - bis sich ein italienischer Staatsanwalt einmischt und die Auslieferung von Fillippo beantragt. Die Exilantenszene fürchtet eine Bedrohung ihres Status´ als politische Flüchtlinge; Lisa hat sich für die Komplizenschaft von Carlo mit einem Kriminellen zu verantworten. Für sie bedeutet das auch eine Diffamierung des politischen Kampfs und des Ansehens ihres toten Geliebten. Sie geht der Vergangenheit des Ausbruchsfahrers nach und findet heraus, daß es sich um den gleichen Mann handelt, der auch beim Banküberfall dabei war. Carlo war in eine Falle gegangen und Opfer eines Komplotts, das vom italienischen Geheimdienst inszeniert wurde.

 

Unter Berufung auf die neue EU-Gesetzgebung wurden noch in der Amtszeit von Nicolas Sarkozy Anträge auf Auslieferungen gestellt. Gleichzeitig kam es zu Freisprüchen für überführte Rechtsextremisten, die maßgeblich an der Strategie der Spannung im Italien der späten 60er und 70er Jahre beteiligt waren. Insofern liegt "Ausbruch" in der Tradition des Neo Polar, dem Abarbeiten an Brüchen in der Vergangenheit, die Nachwirkungen auf die Gegenwart zeigen. Dominique Manotti gilt zwar als Nachzüglerin des Genres, tatsächlich fehlt es ihr aber an Sentiment, um sie in das Umfeld von Frederic H. Fajardie, Didier Daeninckx und Jean-Bernard Pouy einreihen zu können. Ihre Romane sind wesentlich härter und moderner, Figuren wie der bisexuelle Kommissar Theodore Daquin in "Hartes Pflaster" und "Zügellos" oder die algerienstämmige Polizistin Noria Ghozali in "Roter Glamour" und "Einschlägig bekannt" erscheinen nicht als romantische Projektionen der Autorin; dazu sind sie zu sehr als Teil von Gefüge, Hierarchien und Abhängigkeiten charakterisiert.

Dominique Manottis Arbeiten lassen sich in ihrer Vielschichtigkeit am ehesten mit dem letzten, unvollendeten Roman "Blutprinzessin" von Jean-Patrick Manchette vergleichen, mehr noch mit dem voluminösen Werk des römischen Richters Giancarlo De Cataldo. Wie dieser bringt Manotti - als Wirtschaftswissenschaftlerin - ihr Wissen um Machtstrukturen und Verflechtungen auf höchster Ebene ein und versetzt dadurch den Kriminalroman auf eine andere, faktengesicherte Ebene: Kriminell sind immer die Verhältnisse.

Reinhard Jud

Dominique Manotti - Ausbruch

ØØØØ

(L'évasion)

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Argument (D 2014)

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