Stories_Rokko´s Adventures im EVOLVER #96

He is always on our mind ...

Der König ist tot, lang lebe der König. Elvis Presley hätte vergangenes Jahr seinen 80. Geburtstag zelebriert. Team Rokko widmete dem Mann, der in fast allen US-Bundesstaaten "Ehrensheriff" war, einen ganz persönlichen Kreuzweg.    10.10.2016

Rokko´s Adventures ist - so steht es im Impressum - eine "unabhängige, überparteiliche sowie übermenschliche Publikation" und "setzt sich mit Leben, Kunst, Musik und Literatur auseinander". Der EVOLVER präsentiert (mit freundlicher Genehmigung) in regelmäßigen Abständen ausgewählte Beiträge.

 

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Zum 80. Geburtstag des allergrößten Rock’n’Roll-Stars, der je auf dieser Erde wandelte, fragte sich Team Rokko, ob denn jener Elvis Presley tatsächlich ein heiliger Mann gewesen sein könnte, ein "Auserwählter", gar die nächste Inkarnation von Jesus Christus selbst? Anzeichen und Hinweise darauf gibt es viele. Diese untersucht Dr. Nachtstrom in einem Lebens- und Leidensweg in sieben prägnanten Stationen, angelehnt an den katholischen Kreuzweg, wie er in vielen Kirchen zu sehen ist. Lesen Sie hier den ersten Teil.

 

 

Vierte Station: Elvis verhilft der Gerechtigkeit zum Sieg.

 

Jeder kennt es, das berühmte Bild des stolzen Elvis, der einem leicht irritiert dreinblickenden Richard Nixon mit stolzgeschwellter Brust die Hand schüttelt. Was steckt hinter diesem Bild? Elvis hatte dem unglückseligsten aller US-Präsidenten einen Brief geschrieben, in dem er die Beatles (deren Erfolg er mit Eifersucht registriert hatte) und andere damalige Popstars als Drogen-User denunzierte und sich gleichzeitig als "Special Agent" anbot. Nixon willigte ein und überreichte dem mit Mascara und Eyeliner schick herausgeputzten King im extra angefertigten Cowboykostüm schließlich eine Plakette, die ihn als Agenten der US-Drogenbehörde DEA auswies. Dafür bekam der Präsident im Gegenzug auch einen besonders schönen Revolver von Elvis geschenkt. Für Vizepräsident Spiro Agnew hatte der King auch eine Pistole mitgebracht, doch der lehnte das Geschenk entrüstet ab.

Elvis war "Ehrensheriff" in fast allen US-Bundesstaaten, und die Plaketten und Ausweise, die das bewiesen, führte er ebenso wie jede Menge Waffen immer bei sich, wenn er sein Anwesen Graceland verließ. Hier kommen wir zu den unangenehmsten und am schwersten zu akzeptierenden Seiten des Kings: Elvis befriedigte mit seinen Polizeiausweisen nicht nur einen leicht perversen Sammeltrieb, sondern auch eher abseitige Allmachtsphantasien.

Nicht nur einmal verhaftete er "offiziell" ein Mitglied seiner Entourage, weil er sich einbildete, von ihm bestohlen worden zu sein. In einem besonders bizarren Fall tat er das sogar in der Sicherheitszone eines Flughafens in Florida: Er zeigte den überforderten Sicherheitsleuten dort eine seiner Plaketten und führte einen seiner Freunde in Handschellen ab, nachdem er ihm seine Rechte vorgelesen hatte.[1] Obwohl ja selbst ein ehemaliges Leitbild der "Gegenkultur", dessen Auftritte dermaßen erotisch aufgeheizt waren, daß seine sich wild bewegenden Hüften eine Zeit lang nicht im US-Fernsehen gezeigt werden durften, war Elvis mit zunehmendem Alter doch immer deutlicher zu einem John Wayne des Rock´n´Roll geworden: ein zutiefst konservativer, politisch rechtsaußen stehender Republikaner, der in seiner Phantasiewelt gerne gegen alle "Drogenjunkies" und "Hippies" wetterte. Daß er selbst dem Establishment höchst suspekt war, merkte man unter anderem daran, daß sich FBI-Präsident J. Edgar Hoover standhaft weigerte, ihn zu empfangen. (Elvis wollte auch gerne FBI-Agent werden.) Die Absage begründete Hoover mit der Länge von Elvis´ Haaren.

 

 

Fünfte Station: Elvis leidet an seinem Körper.

 

Ja, um die Gesundheit des Kings war es in seinen späteren Jahren (er starb mit 42) nicht sonderlich gut bestellt. Wie kam das? Gemäß seinem Selbstverständnis hätte Elvis jede angebotene Droge entrüstet abgelehnt. Seine Achillesferse waren Tabletten. Die bekam er ja von Ärzten verschrieben, daran konnte also nichts Falsches sein. Und so, wie Hitler durch seinen bizarren "Leibarzt" Dr. Morrell großen Schaden erlitt und Michael Jackson im Endeffekt durch seinen persönlichen Arzt Conrad Murray umgebracht wurde, hatte auch Elvis seine größte Nemesis in seinem persönlichen Doktor George Nichopoulos, Spitzname "Dr. Nick" bzw. auch "Needle Nick". Nachdem man bei der Autopsie 14 verschiedene medizinische Wirkstoffe im Blut des Kings gefunden hatte, begann man jenen Dr. Nick und dessen Verschreibungswut genauer unter die Lupe zu nehmen. Alleine in den letzten acht Monaten von Elvis´ Todesjahr 1977 hatte Dr. Nick seinem Patienten 199 Rezepte für insgesamt über 10.000 (!) Gaben von wahlweise Amphetaminen, Sedativa und schweren Narkotika ausgestellt.[2]Bei der gerichtlichen Untersuchung verteidigte sich Dr. Nick mit der Aussage, daß sein Patient ja schon schwerst medikamentenabhängig gewesen sein soll, als er ihn kennengelernt hatte. Das entsprach der Wahrheit: Bereits in den 1950ern nahm Elvis große Mengen von Aufputschmitteln in der Form von damals frei verkäuflichen Appetitzüglern zu sich, um das harte Tourleben durchzustehen bzw. um seine Figur in Form zu halten, denn einen gesunden Hunger für extrem fettes Essen hatte der King schon immer gehabt. Später kamen ständige Hüftschmerzen, bedingt durch seinen exaltierten Tanzstil, und ernsthafte Darmprobleme wegen des ungesunden Essens dazu. Und durch die Menge an Aufputschmitteln verstärkten sich die Schlafprobleme, die der King bereits in seiner Kindheit hatte (er litt an Einschlafstörungen, Alpträumen und war Schlafwandler) ins Unermeßliche. In seinen letzten zehn Lebensjahren schlief Elvis nie mehr als drei Stunden hintereinander - und das auch nur mit der Hilfe stärkster Schlafmittel.

Summa summarum: grüner Star, Muskel- und Gelenksschäden, ein zu doppelter Größe angeschwollener Darm, Herzverfettung, Kurzatmigkeit, chronische Verstopfung, Leberverfettung, Migräne, Arthritis, und Hepatitis - nein, dem King ging es nicht so gut. Mehrmals wegen Überdosierung von wahlweise Aufputschmitteln oder Schlaftabletten heimlich in Krankenhäusern behandelt, wurde ihm attestiert, ein schwerkranker Mann zu sein. Die Tablettensucht war aber nicht das einzige Problem, sondern, man muß das Kind beim Namen nennen, auch seine krankhafte Freßsucht. In dem Buch "Are You Hungry Tonight?: Elvis´ Favorite Recipes" von Brenda Butler kann man die Lieblingsrezepte des Kings nachkochen, doch man wird sie selbst unter größter Überwindung nicht wirklich verzehren können. Die Hauptbestandteile der Presley-Küche waren Fett - hauptsächlich in Form von Erdnußbutter und Butter. Der legendäre "Snack", den es zu jeder Tages- und Nachtzeit in Graceland zu naschen gab, ist bekannt: Zwei Sandwichhälften ordentlich mit Erdnußbutter bestreichen, mit jeweils einer in Scheiben geschnittenen Bananenhälfte und reichlich gebratenem Speck belegen, das Ganze zusammenklappen und in einer Pfanne in einer ungesunden Menge zerlassener Butter herausbacken, und vor dem Verzehr mit reichlich Ahornsirup begießen.[3] Bereits das Frühstück mußte in Butter getränkt sein, berichtet die Graceland-Köchin Mary Jenkins Langston: "‘For breakfast, he´d have homemade biscuits fried in butter, sausage patties, four scrambled eggs and sometimes fried bacon', she said. I´d bring the tray up to his room, he´d say, ‘This is good, Mary.’ He´d have butter running down his arms.‘"[4]

Weniger bekannt dürfte das sogenannte "Fool´s Gold"-Sandwich sein, das sich der Gourmand extra aus einem Restaurant in Denver anliefern ließ: Jeweils ein Sandwich bestand aus einem ganzen Laib Weißbrot, der ausgehöhlt und auf der Innenseite großzügig mit Butter und Erdnußbutter bestrichen wurde; das ganze wurde noch einmal ins Rohr geschoben, bis die Erdnußbutter flüssig war, dann wurde der Laib mit jeweils einem Pfund gebratenen Speck und einem ganzen Glas Marmelade befüllt. Das "Fool´s Gold"-Sandwich hatte 1976 bereits den stolzen Preis von fast 50 Dollar und ungefähr 9000 Kalorien; einmal ließ sich der King 22 Stück davon in sein Privatflugzeug liefern.

 

 Sechste Station: Elvis stirbt am Klo.

 

Und so kommen wir zu jenem fatalen Dienstag, dem 16. August 1977. Da Elvis, wenn überhaupt, erst in den Morgenstunden bzw. am Vormittag einschlafen konnte, war sein Tag ähnlich verschoben wie der des Führers: die hauptsächlichen Aktivitäten fanden am Abend und in der Nacht statt. So begann jener "letzte Tag" auch mit einem Zahnarztbesuch um 22.30 Uhr, von dem Elvis um Mitternacht nach Graceland zurückkehrte. Um zwei Uhr früh rief Elvis Dr. Nick an und verlangte weitere Schmerztabletten wegen Zahnschmerzen zusätzlich zu seiner zu Hause gelagerten Ration. Er schickte seinen Stiefbruder Ricky Stanley zum Arzt und danach zu einer Nachtapotheke. Um vier Uhr verlangte der King nach einer Partie Raquetball (eine frühe Squash-Variante) mit seinem Cousin Billy Smith und dessen Frau Jo. Das Spiel wurde wie üblich so gespielt, daß der King am Eingang des Sportraumes saß und versuchte, mit dem Ball hauptsächlich die anderen Mitspieler zu treffen. Dabei schlug er sich mit dem Schläger aufs eigene Bein, das Spiel wurde daraufhin abgebrochen.

Um 4.30 Uhr beschloß Elvis, sich ans Klavier zu setzen. Er spielte und sang zwei Gospelsongs (leider unidentifiziert) und das Lied "Blue Eyes Crying In The Rain" - seine letzte musikalische Tätigkeit auf dieser Erde. Um fünf Uhr, ungewöhnlich früh für seine sonstigen Gewohnheiten, beschloß Elvis, sich mit seiner damaligen Freundin Ginger Alden in sein Schlafgemach zurückzuziehen. Die nächsten Stunden versuchte er erfolglos, einzuschlafen. In der Zeit zwischen fünf Uhr und acht Uhr nahm er dreimal eine Portion der von Dr. Nick vorbereiteten "Nachttabletten". Der Schlaf wollte sich trotzdem nicht einstellen, und um 9.30 Uhr nahm der King sein Buch "The Scientific Search For The Face Of Jesus" von Frank Adams an sich und verzog sich in sein Badezimmer. "Don´t fall asleep in there", sagte Ginger Alden zu ihm, und der King (letzte Worte, leider eher kurz und nicht im Geringsten bedeutungsschwanger): "Okay, I won´t."[5]

Ja, und dann der Zeitraum (von 9.30 Uhr bis 14.30 Uhr, dem Zeitpunkt, an dem Ginger aus ihrem Schlaf erwachte und nachsehen ging), in dem der King auf seinem Klo mit der goldenen Klobrille saß, sein Buch studierte, vielleicht mal versuchte, anzudrücken; sich dabei vielleicht zu sehr anstrengte (ein häufiger Grund für Herzinfarkte oder Schlaganfälle, nebenbei bemerkt, also zwischen den anstrengenden Druckphasen immer schön durchatmen und ausrasten!), zusammenbrach und sein Leben aushauchte. Sämtliche Reanimationsversuche an Ort und Stelle, im Rettungswagen und später im Spital blieben erfolglos. The King was gone. Elvis had left the Building.

 

 

Siebente und letzte Station: Auferstehung und Himmelfahrt in den Pantheon.

 

Wenn man genau darüber nachdenkt, ist Elvis is Alive wohl die berühmteste Verschwörungstheorie neben der nachgestellten Mondlandung und der Frage, wer denn John F. Kennedy 1963 wirklich erschossen hat. Das hat natürlich seinen Grund in den chaotischen Stunden und Tagen nach dem Tod des berühmtesten Rock´n´Roll-Stars aller Zeiten. Ein bloß zweiseitiger Obduktionsbericht, die berühmte "schwitzende" Leiche, die nahelegt, daß der in der Leichenhalle ausgestellte Elvis eine Wachsnachbildung gewesen sein könnte (vermutlich, weil der Leichnam des echten King in keinem ausstellungswürdigem Zustand war) und eine Million von Anhängern, die schlicht und einfach nicht wahrhaben wollten, daß ihr Heilsbringer einfach so am Klo den Löffel abgegeben hatte - das ist der fruchtbare Boden für jede Menge abstruser und obskurer Theorien. Und Sichtungen! Es ist nicht die Absicht dieses Kreuzwegs, auf letztere einzugehen; die meisten Annahmen dazu sind auch größtenteils so blödsinnig, daß es sich nicht lohnt, darüber nachzudenken. Auch wenn Fans das nicht gerne hören: Elvis ist tatsächlich zur richtigen Zeit abgetreten. Man darf nicht vergessen, daß 1977 das Jahr war, in dem der Punk der Gesellschaft und damit auch der Popmusik gehörig mit dem Springerstiefel in den Arsch getreten hat. In der darauffolgenden Aufbruchsstimmung mit ihren zahlreichen Umstürzen wäre der King sehr schnell zur peinlichen Kuriosität verkommen. Elvis, der ja in seinem Leben kein einziges Lied komponiert hatte, hatte nach seinem fetzigen Comeback 1968 in Las Vegas nichts, rein gar nichts mehr zu bieten. Seine Shows in den 1970er Jahren waren große, nostalgische Zirkusspektakel, deren schwitzende, fette Hauptattraktion in den unförmigen Cowboyanzügen bereits in ihrer Erscheinung so peinlich war, daß man seine Präsenz und Stimme - ein zittriger, angestrengter Abglanz früherer Tage - in einem wahren Riesenorkan von Big Bands mit kaufhaustauglicher Musik ertränken mußte.

Und da beschloß der King, sein Erdenleben zu beenden. Das hatte er ertragen und erlitten für uns, hatte sich hingegeben und ausgewrungen in tausenden und abertausenden Performances und Shows, hatte dem Druck, der Beste der Welt sein zu müssen, nicht standgehalten und war entgleist, abgestürzt. Gerade das macht ihn so menschlich, zu einem von uns, denen Donald Duck und Charlie Chaplin doch immer viel näher sind als Mickey Mouse und Superman.

Gleichzeitig hat er aber auch das Überirdische angenommen, in der ins Grenzenlose reichenden Übersteigerung und Überhöhung durch seine Fans, die nach wie vor täglich nach Graceland pilgern, seiner Heimstätte, um dort im Museum seinen virtuellen Nachbildungen zu huldigen bis ans Ende aller Zeiten.



[1] Comfort, David – "The Rock and Roll Book Of the Dead”, Citadel

[3] Butler, Brenda - "Are You Hungry Tonight?: Elvis´ Favorite Recipes”, Gramercy

Rokko’s Adventures

aus: Rokko´s Adventures #16


Text: Dr. Nachtstrom  

Idee: Juliane Ehgartner

Illustrationen: Jörg Vogeltanz

Links:

Kommentare_

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Danijel - 11.10.2016 : 00.48
Geschmacklos, blasphemisch.

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