Stories_Rokko´s Adventures im EVOLVER 17

Dekadische Dekadenzen

Mehr als zehn Jahre werkt die INSTITUTION D.O.L. bereits vor sich hin. Sollten Sie davon noch nie gehört haben, kennen Sie den Herrn vielleicht unter einem seiner anderen vielen Pseudonyme: Barbie Blutig. Daniel Krčál von Team Rokko traf ihn zum Gespräch.    19.06.2009

Es gibt da ein kleines Jubiläum, das nicht unerwähnt bleiben sollte: Dieser Tage feiert Barbie Blutig alias M. alias Institution D.O.L. zehn Jahre musikalischen Schaffens. Während dieser Zeit hat sich Institution D.O.L. zu einem Fixpunkt unter den österreichischen Industrial-Bands emporgekracht. Im Gegensatz zu manch monolithisch angelegten Noise-Projekten konfrontiert Barbie Blutig seine Zuhörer mit einer Vielzahl von Ideen, mitunter gar mit Pop-Appeal. Zu den bisjetzigen Kollaborateuren zählen unter anderem Bands wie Fuckhead, Rasthof Dachau oder A Challenge of Honour. Die feierlichen Umstände zum Anlaß nehmend, wird Meister Blutig in die Gesprächsmangel genommen, streng nach dem Motto: "10 Jahre - 10 Fragen".

 

nulleins: Die obligate Frage gleich zu Beginn: Was siehst du hauptsächlich, wenn du auf zehn Jahre "Institution D.O.L." zurückblickst?
Erfolg, schmeichelnde Anerkennung, wertvolle Freundschaften, sexwillige Neofolk-Schnallen und den Niedergang der Musikindustrie, der auch den sogenannten Independent-Bereich schmerzhaft berührt hat. Es waren Jahre harter Arbeit und eines sinnvollen Strebens.

nullzwei: Welche Veröffentlichungen und Aktivitäten haben wir angesichts des Jubiläums zu erwarten?
Es wird um den Mai/Juni herum via STEINKLANG INDUSTRIES eine CD erscheinen, die da eine gute Zusammenfassung der ersten Dekade festhält und erkennen läßt, wohin die Reise geht. Und die geht weg vom Krach. Ich bin an intensiver Musik interessiert, und da bin ich jetzt gefordert.
Ich kann mich in diesem Zusammenhang auch nur wiederholen: Mir ist gute Handwerksarbeit einfach wichtig, und ich vergleiche Musikmachen gern mit Kochen. Das soll dann schon Fett haben und sättigend sein. Die Zubereitung von geschmackloser und kalorienarmer Kost sei der "Kunst"-Fraktion überlassen.

nulldrei: Im März gab es Konzerte in Prag und Rom. Wie sind die gelaufen, wie war das jeweilige Publikum?
Da muß ich ein bißchen ausholen. Ich war aus persönlichen und politischen Gründen seit Jahren kein Italien-Freund mehr. Jedoch kam alles anders. Ich wurde 2006 das erste Mal nach Norditalien eingeladen. Im Herbst letzten Jahres kontaktierten mich dann Römer, und ich spielte im Dezember in einem netten Club der Ewigen Stadt. INSTITUTION D.O.L. dürfte einen sehr guten Eindruck hinterlassen haben, sodaß ich kurz darauf als Gast für die Teilnahme an einem Festival gebucht wurde. Ich habe mittlerweile in Rom einige liebe Bekannte und bin da quasi schon ein halber Römer.
In Prag war ich als Zivilist anwesend. Ich bin direkt von Rom aus hingeflogen und nutzte dort die Zeit mit überdurchschnittlichem Bierkonsum und dem Pflegen von Bekanntschaften im Rahmen eines Konzertes. Außerdem will/werde ich ja wieder in Prag spielen und bin einfach gerne in dieser großartigen Stadt.

nullvier: Von den quasi genealogisch am Beginn des Industrial stehenden Throbbing Gristle kam erst neuerdings die Anklage, heutzutage würde der Begriff "Industrial" viel zu ernst genommen. Auf "Institution D.O.L." scheint diese Aussage nicht zuzutreffen, man hat das Gefühl, daß Ironie ein fixer Bestandteil deines Konzepts ist.
Ohne Ironie und Humor geht´s bei mir nicht. Humor ist ein essentieller Teil meines Lebens. Und meine Themen behandeln das bzw. mein Leben. Mich langweilen frustrierte Teilzeitmisanthropen, die zuhause sitzen, am PC mit geklauter Software Lärm verbrechen und dann mit einem beinahe bemitleidenswertem Bierernst eine CD-R auf den Markt hauen. Die ist dann natürlich "streng limitiert" und voll krass Industrial.
Da die "Industrial Culture" ja schon Demenzerscheinungen aufweist und durch ihre künstlerischen/musikalischen Ausgeburten alles in tausend und mehr Richtungen gegangen ist, ist sie so - meiner Meinung nach - auch nicht mehr definierbar. Ergo: Eine gewisse Parodie ist da oft ein legitimes, wenn nicht gar notwendiges Mittel, da ansonsten sich die damit verbunden Themen und Ausdrucksformen ja ad absurdum führen würden. Was leider eh öfters vorkommt, das muß man dazusagen.

nullfünf: Was bedeutet "Industrial" dieser Tage überhaupt noch, wenn nicht mehr als ein Versatzstück musikalischer Beliebigkeit?
In meinen Augen ist es ein mittlerweile devastierter Begriff, der jegliche Bedeutung verloren hat.

nullsechs: Gibt es überhaupt so etwas wie eine "Industrial"-Subkultur, oder sind musikalische Schubladisierungen und Szenezuweisungen so und so längst überflüssig und uninteressant?
Ich kann da nur für mich sprechen. Und da sind sie überflüssig und uninteressant. Und zur Frage bezüglich "Subkultur" fällt mir nur ein: Ich habe 25 Jahre "Industrial Culture" gelebt, ohne es gewußt zu haben.

nullsieben: Es gibt im Industrial/Martial/Neofolk-Umfeld eine ziemliche Lawine an Veröffentlichungen; bei vielen davon bekommt man mitunter das Gefühl, daß sich die Ideen wiederholen und im Kreis zu drehen beginnen. Was sind deiner Meinung nach die zurzeit relevanten Projekte?
Im Neofolk-Bereich denke ich sofort an ROME. Ein wahrlich geniales Projekt. Musikalisch äußerst gehaltvoll. Vom feinsten. Für mich persönlich der Stern am Lagerfeuermusik-Firmament. Weiter gibt es da SPIRITUAL FRONT, die sich dermaßen exzellent weiterentwickelt haben, daß da die Genrebezeichnung "Neo-Folk" beinahe schon degradierend wirkt.
Im lärmigeren Bereich wird´s schwieriger. Da höre ich privat auch immer weniger davon. Mir gefallen die letzten WHITEHOUSE-Platten. Schön radikal. Und live sind sie sowieso einzigartig.
Mein Interesse an den obigen Genres erschöpft sich auch zunehmend. Es ist eben dieser Overload an Veröffentlichungen, der den Konsumenten zuschüttet. Es ist von allem zuviel da. Heute kann eben quasi ein jeder irgendwie was produzieren und kostengünstigst via Internet unters Volk bringen. Das führt unweigerlich zum Kollaps.

nullacht: Welche musikalischen Einflüsse und Vorlieben würde man wohl am wenigsten von dir erwarten?
Italienischer Schlager der 80er Jahre, österreichischer Pop der 80er und 90er Jahre ... und Schnulzen. Ich steh´ auf Schnulzen. Viele tun das. Nur trauen sich das die wenigsten zugeben. Ich bringe dir ein (hoffentlich) nachvollziehbares Beispiel. Stell dir vor, wir beide stehen am Lerchenfelder Gürtel an der Bar eines richtigen Wiener "Tschecherls". Aus einer billigen HiFi-Anlage klingt Peter Cornelius´ "Segel im Wind", und neben uns schläft ein betrunkener Stammgast selig ein. Hinter uns streitet ein Pärchen im Suff, und der Wirt raunzt herum, weil er mit den Volkstretern unzufrieden ist. Das, ja das ist die Quelle, aus der ich schöpfe. Da fühle ich mich wohl. Warum? Ganz einfach, es ist dies das "echte" Leben. Nicht so wie in einem Szenetreff, wo übersozialisierte Kunststudenten mich mit einem dämlichen Habitus anwidern. Capisci?

nullneun: Wo liegen deine außermusikalischen Einflüsse? Bei Betrachtung deines MySpace-Profils könnte man meinen, du seist ein veritabler Cineast.
Ich bin jetzt nicht so anmaßend, mich als "Cineasten" zu bezeichnen. Jedoch kam ich in meiner Vergangenheit des öfteren in die Gunst, gute Filme zu sehen. Evergreens sind da zum Beispiel die Filme von Luis Buñuel, Pier Paolo Pasolini oder Alejandro Jodorowsky.
Ich bevorzuge zu 99 Prozent "alte" Filme. Das liegt aber daran, daß diese Streifen in einer Zeit gedreht wurden, der ich als konservativer Romantiker nachtrauere.
Ich gebe mich auch ungern als "anspruchsvoll". Das ist meistens eine übergestülpte und elitär anmutende Haltung, die mich ankotzt. Ich schau´ mir genauso gerne europäische Exploitation-Movies an. Und ich bin bekennender Serienseher.
Es gibt so gut wie nichts Nervigeres als "Geschmacksdiskussionen". Ich bin jetzt bald 32 Jahre alt und lebe ein Leben, das nur wenige kennen. Damit meine ich mein soziales Setting wie auch Surrounding. Das soll heißen, ich habe ganz andere Interessen als die meisten glauben. Und mir ist´s persönlich auch original blunzn, was wer wie und wann hört, liest oder sich beim Mittagsyoga in den Popo steckt.

zehn: Die obligate Frage zum Schluß: Wie werden die nächsten zehn Jahre?
Noch erfolgreicher. Mit vollen Konzertsälen, kreischenden weiblichen Fans und einer neuen Wohnung in einem besseren Wiener Gemeindebezirk.

Ich bedanke mich für das Interview.

Danke auch!

Rokko’s Adventures

aus: Rokko´s Adventures #3

(erschienen im Juni 2008)


Text:  Daniel Krčál

Photos © Barbie Blutig

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