Stories_Nick Cave: Interview

Showdown mit dem Schöpfer

Auf seinem aktuellen Album mit dem brachial-blasphemischen Titel "Dig, Lazarus, Dig!!!" rechnet der australische Barock–Voodoo-Blueser Nick Cave mit Gott und der Welt ab. Der EVOLVER hat den stimmgewaltigen und bibelfesten Poeten der Finsternis zu einem kurzen, aber launigen Gespräch gebeten.    19.06.2008

Prolog

Nicolas Edward Cave (Der Name ist also echt, kein Pseudonym!) lag bereits als Kind mit zumindest einer der Musen im Bett: Der Vater des 1957 in Wangaratta/Australien geborenen Knaben war Professor für englische Literatur und muß seinem Zögling schon früh mit den klassischen Werken europäischer Dunkelmänner wie Dante, Milton oder E. T. A. Hoffmann in den Schlaf gelesen beziehungsweise mit der Tradition der Gothic-Novels geimpft haben. Und mit der Muttermilch - Caves Mutter ist Bibliothekarin - gab es die schärfsten Stellen aus dem Alten und Neuen Testament dazu.

Wahrscheinlich nahm Cave selbst gerade wegen dieser starken literarischen Vorprägung den Federhalter erst sehr spät zur Hand und entschloß sich, zunächst andere, expressivere künstlerische Wege entlangzutorkeln. Als Kunststudent hing er lieber tage- und nächtelang in Szenekneipen herum, gründete mit anderen Studenten die erste australische Punk-Jazz-Combo The Boys Next Door und zertrümmerte mit selbiger die Bühnen diverser Nachtclubs. Dabei traf er Rowland S. Howard und Mick Harvey, mit denen er später unter dem Projektnamen The Birthday Party erste Erfolge verzeichnete. Die Band watete knietief im Voodoo-Swamp-Punk-Blues - nachzuhören auf dem genialen Album "Junkyard" (der Titel ist Programm) aus dem Jahre 1981. Die Geburtstagsgäste übersiedelten dann nach Berlin, jene Stadt, die Cave damals so sehr faszinierte, aber auch leider seine Drogenabhängigkeit förderte. Dort lernte er neben der Instrumentaltruppe Die Haut den Kopf der Einstürzenden Neubauten, Blixa Bargeld, kennen, der nach einem Gastauftritt auf einer Single von Birthday Party Mitglied in Caves neuer Begleitband The Bad Seeds wurde und bis 2004 blieb. Beide teilten sich diverse Laster, den Hang zum Obskuren und ein Faible für düstere Bänkelsänger wie Leonard Cohen und Johnny Cash.

1984 erschien das in Berlin aufgenommene Debüt von Cave und seinen Bad Seeds, "From Here To Eternity". Seit diesen Tagen genießt der Sänger einen Ruf als dunkler Großstadtblues-Prinz, manifestiert auf einer Vielzahl von schwarzhumorigen Alben, die musikalisch zwischen Mississippi-Schlamm-Blues, Stahlgewitter-Country und Chaos-Chanson pendeln. Cave spielte zudem in diversen Filmprojekten mit, dozierte auf Seminaren über (dunkle) Liebeslied-Lyrik, schrieb Theater- und Filmmusik, dazu zum Teil auch ganze Drehbücher, die laut eigener Aussage aber nicht unbedingt alle realisierbar sind. Mit dem australischen Blut-Western "The Proposition", bei dem sein langjähriger Weggefährte John Hillcoat Regie führte, gelang ihm dann doch noch der Durchbruch als Script-Autor. Im Literaturfeuilleton sammelte er außerdem noch Meriten mit seinem Romandebüt "Und die Eselin sah den Engel".

Der Erfolgs-Highway von Cave ist also ein langer, mit vielen verschlungenen Pfaden und uneinsichtigen Abzweigungen - aber einer, den man nicht mehr so schnell verlassen kann, wenn man einmal drauf ist.

 

EVOLVER: Seit deinem Side-Projekt Grinderman scheint es, als ob die melancholischen Moll-Momente zunehmend verloren gingen. Auch auf dem aktuellen Werk scheinst du eher auf der Suche nach einem Hypnobeat-Rock-Fundament zu sein ...
Nick Cave: Im Zentrum stand auch diesmal das Zusammenspiel der zunächst rein akustisch eingespielten Instrumente, aber darüber haben wir dann den dicken, dunklen und staubigen Teppich einer Heavy-Rock-Platte gelegt. Musikalisch haben wir, glaube ich, ein fieses Groove-Monster auf eine apokalyptische Zerstörungstournee geschickt. Für mich ist "Dig, Lazarus, Dig!!!" der Prototyp eines brillanten Bastards: Das Album soll akustisch-zart und elektrisch-schwer zugleich sein, humorvoll-froh und morbide-monströs.

 


EVOLVER: Wenn man sehr böse sein wollte, könnte man psychologisch folgern, daß du mit den Songs der beiden Alben versuchst, gegen eine Art von Altwerden oder die unerträgliche Leichtigkeit des Etabliertseins anzuschreien.
Cave: Ja, das will ich nicht verleugnen. Tatsächlich bin ich irgendwie im sogenannten bürgerlichen Mittelstand angekommen. Ich habe eine glückliche Ehe, ich liebe meine Kinder, kann mir die Dinge leisten, die ich will. Dazu gesellt sich auch der Stolz, all das geschafft zu haben, denn anfangs galt meine Musik ja als wild-chaotisch; die Mischung aus Punk, Blues und Voodoo-Jazz hat anfangs viele überfordert. Und daß meine Arbeiten als Schriftsteller und Schauspieler soviel Anerkennung finden würden, war auch nicht zu erwarten. Aber in manchen Augenblicken überkommt mich auch eine Art Wut, dann habe ich Gefühl, daß mir dieser Lebensstil die Luft zum Atmen nimmt. Vielleicht hört man das. Dazu kommt auch noch ein "öffentlicher Zorn" über die Unfähigkeit der breiten Masse der Weltöffentlichkeit. Einige wenige Personen bestimmen, was richtig und falsch ist, und wir können uns bestenfalls darüber aufregen, aber ändern können wir nichts. Diese Aggressivität spiegelt sich auch in meinen derzeitigen Texten und in der Musik wider.

 


EVOLVER: Müßtest du dann aber nicht noch offensiver politisch agitieren, deine vielen Metaphern und Allegorien aus der Bibel, der Welt der großen Literatur und dem Underground der Schundroman-Romantik über Bord werfen und deutlicher diese politische Aktualität artikulieren?
Cave: Nein, ich bin kein Protestsong-Schreiber, das ist nicht mein Metier! Außerdem: Obwohl sich in vielen meiner Arbeiten Bezüge zum Alten und Neuen Testament finden (im Fischer-Verlag gibt es eine moderne Übersetzung des Markus-Evangeliums, zu der Nick Cave das Vorwort geschrieben hat; Anm. d. Red.), liegt die Wurzel von "Dig, Lazarus, Dig!!!" nicht in konventioneller Religiosität. Meine Titelfigur soll ja nicht die Wundertätigkeit von Jesus preisen, sondern eher die Orientierungslosigkeit des Menschen offenbaren: Lazarus wird "aufgeweckt", vielleicht sogar, ohne dies gewollt zu haben, und irrt als "unbehauster Mensch" durch die Hinterhöfe der modernen Neon-Welt: Er weiß nicht, wer er ist und wohin er soll ...

 


Epilog
"He (Gott; Anm. d. Red.) is a fucker, but what an enourmous and encyclopaedic brain …"

(aus dem Song "We Call Upon The Author")

Emmerich Thürmer

Nick Cave And The Bad Seeds: Diskographie

(Photo © Steve Gullick)


1984 From Her To Eternity

1985 The Firstborn Is Dead

1986 Kicking Against The Pricks

1986 Your Funeral My Trial

1988 Tender Prey

1990 The Good Son

1992 Henry´s Dream

1993 Live Seeds

1994 Let Love In

1996 Murder Ballads

1997 The Boatman´s Call

2002 No More Shall We Part

2003 Nocturama

2004 Abattoir Blues & The Lyre Of Orpheus

2005 B-Sides & Rarities

2007 Grinderman (Nebenprojekt)

2008 Dig, Lazarus, Dig!!!

 

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