Grinderman - Grinderman
EMI (GB 2007)
© Grinderman-Cover-Motiv:
Martina Hoogland Ivanow
Rauher, lauter, Nick Cave. Wer Molltöne erwartet, wird über das neue Projekt des Australiers entsetzt sein. Der Rest seiner Fans reibt sich verwundert Augen und Ohren - so auch Manfred Prescher. 19.02.2007
Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.
Das verzeiht ihm meine Frau nicht: Nick Cave, der schon manch zweisame Stunde mit melancholischem Liedgut untermalt hat, lud zum sündhaft teuren Solokonzert in die bestuhlte Halle. Sie rechnete mit wunderbar sanften Balladen, wie "The Weeping Song", "Into My Arms" oder "As I Sat Sadly By Your Side". Manche dieser Songs bekam sie auch zu hören, allerdings in einer Art und Weise, die sich gewaltig vom bekannten Vortrag des späten Cave unterschied: Er zersägte die Stücke mit der elektrisch verstärkten Kettensäge, mit der er einst bei Birthday Party und auf der ersten Bad-Seeds- LP "From Her To Eternity" anfing.
Mag die Frisur auch nicht mehr so stramm stehen, mögen die Geheimratsecken das tatsächliche Alter des mittlerweile 50jährigen Australiers deutlich zeigen - musikalisch scheint er in den Jungbrunnen gefallen zu sein und wieder Spaß am Rabauken-Geschrammel zu haben. Logischerweise ist so ein Brachialauftritt allein schwer möglich, also ging er mit Band auf Solo-Tour. Allerdings nicht mit den Mollton-erprobten Bad Seeds, sondern mit seiner neuen Formation Grinderman. Das nennt man Vorspiegelung falscher, harter Tatsachen. Zweisamkeit war in dem Konzert nicht möglich. Wie denn auch, wenn sich die Herzensdame permanent die Ohren zuhält?
Nun also Grinderman. Irgendwie klingt das nach Blues, aber das soll es ja auch. Schließlich stammt der Gruppenname von John Lee Hookers "Grinder Man" bzw. dem "Grinder Man Blues" von Memphis Slim. "Der Name paßte einfach zur Band. Er faßt zusammen, was wir tun. Wir schinden," sagt Nick Cave auf der Webseite der Plattenfirma. Wie wahr: "grind" heißt "schinden" - und genau das machen Nick und seine neuen Kumpane mit den Gehörgängen ihrer Mitmenschen. Es bohrt, sägt, rumpelt, quietscht, hämmert so unromantisch, wie es nur geht.
Früher nannten wir so was trashig. Wir wußten, daß es die Bad Seeds nicht besser konnten, und wir lernten mit ihnen, wurden mit ihnen reifer, erwachsener und zartfühlender. Die Hauruck-Zeiten schienen (vom elendslangen "Nocturama"-Abschluß "Babe, I´m On Fire" abgesehen) gänzlich vorbei zu sein - bis mit dem aktuellen "Get It On" Thors Götterhammer erneut auf die Musikwelt einschlug. Die nahm das Getöse allerdings erstmal nicht wahr, denn der Song wurde in einer limitierten Auflage von 1000 Stück auf Vinyl gehämmert. Cave, Warren Ellis, der mit seiner elektrisch verzerrten Bouzouki jede Sommerabendstimmung zerstören kann, Martyn Casey und Jim Sclavunos bilden eine Art Schmiede-Genossenschaft, die sich zum Zwecke gemeinsamer, maximaler Dezibel-Erhöhung bei gleichzeitigem Höchsttonpfeifen gebildet hat.
Hunde sollten die Nähe dieser eigenwilligen Heavy-Metal-Umdeutung meiden. Ehefrauen auch. Der Rest mag sich an eigene Jugendlärmer- und schwärmereien erinnern. Und sich daran freuen, wenn es so lärmig zugeht, daß es einem schier den Kopf wegzusprengen droht. Freilich ist "laut" nicht gleich "laut"; Motörhead und Metallica klingen wohlgeordnet, in deren Produktionen fällt man auch dann noch weich, wenn es hart zugeht. Bei Grinderman ist das anders, die erzeugen Geräusche aus dem Höllenschlund. Wahrscheinlich klingt es so, wenn Gundel Gaukeley den ersten Zehner von Onkel Dagobert in ihren Zaubersud einrührt. Da ist Atomkrieg nix dagegen.
"Was ist das bloß für eine erbärmliche Welt?" fragt Helge Schneider in " I Brake Together". Auch Nick Cave scheint sich solch philosophische Gedanken zu machen und zu dem Schluß zu kommen, daß die gigantische Schlechtigkeit der Menschheit mit passender Musik ausgedrückt werden muß. Es genügt einfach nicht, Kylie Minogue im nächsten Sumpf zu versenken oder von Schmerz und Verzweiflung zu singen. Manchmal sind Schläge auf den Hinterkopf eben doch das adäquate Mittel.
Meine Frau sieht das allerdings anders, sie erklärt mit Fug, Recht und weiblicher Logik, daß die Welt schon schlecht genug sei, sie das schon seit längerem wisse und folglich keinen altklugen Australier brauche, der ihr diese Tatsache noch einhämmert. Wahrscheinlich sehen das viele Frauen genauso wie sie. Das würde auch den Triebstau erklären, der in der Nachfolge-Single zu "Get It On" thematisiert wird: In "No Pussy Blues" geht es genau um dieses nicht freiwillig gelebte Zölibat. Kein Sex für einen echten Grinderman. Bleibt die Frage nach Henne und Ei: Was war zu erst da? Der Notstand, dem die Krachorgie folgte - oder war es die Krachorgie, die das schöne Geschlecht in die Flucht trieb?
"Get It On" ist kein schlechter Song. Die typische Nick-Cave-Komposition versteckt sich allerdings gekonnt hinter der hektischen Instrumentierung. Wer sich die Mühe macht, den Lärmvorhang zu lüften, findet ein ordentliches Stück, das durchaus auch in Moll vorstellbar wäre. Das Liederschreiben hat Cave natürlich nicht verlernt, und daß es auch mit den Grindermännern klappt, bewies schon das famose Doppelalbum "Abattoir Blues/The Lyre Of Orpheus". Das Werk wurde zwar mit den Bad Seeds eingespielt, die Songs wurden aber gemeinsam mit der neuen Band erdacht. Wenn sich jetzt die alte Begleitformation um die neuen Ergüsse des Herrn Cave kümmern würde, gehörten die Probleme mit der holden Weiblichkeit wahrscheinlich der Vergangenheit an.
Cave könnte dann auch meine Frau wieder in den Konzertsaal locken, wenn er ihr bei Johnny Cash, Leonard Cohen, Willie Dixon und allen anderen, die ihm heilig sind, verspricht, in Zukunft auf Kettensägenmassaker zu verzichten.

Grinderman - Grinderman
EMI (GB 2007)
© Grinderman-Cover-Motiv:
Martina Hoogland Ivanow
Ein großer Schritt für den Schreiber, ein kleiner für den Leser: Das "Miststück" wird 200 Kolumnen alt und feiert mit euch einen hoffentlich unterhaltsamen Abschied von EVOLVER. Die "alten" Texte findet ihr auf ewig hier im Archiv – oder im Gesichtsbuch. Dort werden jede Woche fünf Klassiker für euch aufbereitet. Manfred Prescher bedankt sich damit beim geneigten Leser und bei Herrn Felix Austria für die Gastfreundschaft. Und für sechs tolle Jahre.
Es steht geschrieben, daß man keinen anderen GRÖFAZ neben ihm haben kann. Trotzdem holte der Mann mit der dicken Hornbrille den Diktator auf die Stufe mit uns Otto Normalunholden herunter oder - je nach Sichtweise - herauf. Was folgerichtig und sehr unterhaltsam ist, findet Manfred Prescher.
"Yes, you’re once, twice, three times a Miststück, but I lo-o-o-ve you ..." Gäbe es die letzte große Motown-Band heute noch, sänge sie dann das Hohelied auf die drei noch ausstehenden Kolumnen? Manfred Prescher würde sich auf jeden Fall sehr darüber freuen.
Kurz vor der magischen Nummer 200 ist es mal wieder nötig, ein bißchen auf den Putz zu hauen. Bekanntermaßen stinkt Eigenlob zwar, aber das macht nichts, denn Apple wird das iSmell erst im Jahr 2014 im Hype Park vorstellen. Also ist noch genug Zeit für ein Miststück in eigener Sache - meint Manfred Prescher.
Da sage einer, daß das Zeug aus den 40er Jahren nicht nach wie vor cool ist. Schließlich wird Jordans "Ain’t Just Like A Woman" gerade im Spiel "Mafia II" spektakulär verwendet. Und auch wenn - oder weil - es keiner der Konsolen-Paten registriert, der Song paßt zum Game wie das Gesäß auf die Brille. Grund genug, den Mann dahinter im "Miststück"-Countdown zu würdigen, findet Manfred Prescher.
Wie sagte schon meine Oma? "Die Uhr läßt sich zurückdrehen, man muß nur aufpassen, daß man die Zeiger nicht abbricht." Grinderman ist so ein Rückdreh-Projekt - damit will Nick Cave die wilden Zeiten wieder aufleben lassen. Manfred Prescher findet den Jugendwahn des Australiers durchaus gut, die Originale aber besser.
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