Stories_Nikolas Schreck: Porträt/Part I

Karma-Chamäleon

Er war Bluttrinker, Teufelsanbeter, Deathrock-Musiker, bester Freund des berüchtigtsten Mörders der USA, Magier und Schwiegersohn des Gründers der Church of Satan: Nikolas Schreck. Heute lebt der Mann mit dem vielsagenden Pseudonym in Berlin - und ist gläubiger Buddhist.
Eine Inszenierung in zwölf Akten.
   15.09.2014

 

0. UPDATE

 

He´s baaaaack! Nikolas Schreck - Musiker, Autor, Künstler und schon zu Lebzeiten eine Legende - tritt 2014 wieder an die Öffentlichkeit. Nicht nur als Southern Preacher in "The Ballad of Lurleen Tyler", dem Song seines neuen Musikprojekts Kingdom of Heaven, sondern auch mit der erfolgreichen und sehr stark erweiterten Neuausgabe seines Nunmehr-Standardwerks "The Manson File" sowie einer Trilogie historischer Romane unter dem Titel "The Dallas Book of the Dead“, deren erster Band bald erscheinen soll.

Unser letztes persönliches Treffen fand zur Sommersonnenwende 2014 in Leipzig statt, bei einem kleinen, aber feinen Festival, wo Nikolas (der seit Jahren in Berlin lebt) sich erstmals bei einer solchen Veranstaltung - als Gast - in der deutschen Öffentlichkeit zeigte. Ein Großteil der Anwesenden erkannte ihn (wieder), es wurde viel getuschelt und gefragt, und irgendwann kam er mit fast allen ins Gespräch, wie stets extrem höflich und interessiert.

Am 27. September 2014 wird Schreck mit Drummer/Percussionist John Murphy (SPK, Lustmord, Death In June, Whitehouse u. v. a.) beim "Tower Transmissions Festival" in Dresden auftreten; ein weiteres Konzert ist für Ende November in Leipzig geplant.

Das folgende Porträt sollte in der Zeitschrift 2012 erscheinen, die in ebendiesem Jahr zwölf Ausgaben lang dem Weltuntergang (der bekanntlich nicht stattfand) gewidmet war - blieb aber dann aus diversen, für die aktuelle Printbranche typischen Gründen unveröffentlicht. Das Interview zu der Story wurde im September 2012 in Berlin geführt; die Geschichte wurde in kleinen Teilen ergänzt und aktualisiert.

 

 

1. ANGST & SCHRECKEN IN SAN FRANCISCO

Februar 1988, USA. Ich sitze bei einem Glas schweren Rotwein in einer Wohnung im sechsten Stock eines gepflegten alten Mietshauses. Am Fenster, durch das die Neonfarben von San Francisco schimmern, ragt eine Art Altar auf, dekoriert mit einer riesigen Hakenkreuzfahne. Auf dem Couchtisch vor mir steht ein Krug voll frischem Tierblut. Unter der Glasplatte des Tischchens sind Nazi-Reliquien, ein Originaletikett des berüchtigten Zyklon-B-Giftgases aus den deutschen Todeslagern und ein paar handschriftliche Briefe bekannter amerikanischer Mörder zu sehen.

Mein Gastgeber ist ein hochgewachsener Mann Ende zwanzig. Blaß geschminktes Gesicht, blondgefärbtes, zurückfrisiertes Haar mit hohen Geheimratsecken, schwarze Kleidung. Mit tiefer, fast hypnotisch klingender Stimme stellt er mir seine Freundin Felina vor: 19 Jahre alt, ebenso düster gestylt wie er - und mehr als willig, sich von ihrem Gefährten mit einer Rasierklinge in den Arm schneiden zu lassen, damit er ihr Blut ablecken kann.

Der Vampir nennt sich Nikolas Schreck; benannt entweder nach dem deutschen Schauspieler Max Schreck (dem klassischen Kino-Nosferatu) oder auch nach Julius Schreck, dem Fahrer des Führers und "Vater der SS". Ich habe ihn kontaktiert, weil ich in den USA eine Reportage über Satanisten, Bluttrinker und Nekrophile mache, lange vor der Internet-Ära, als der infernalische Untergrund noch nicht jede seiner Ideen auf Facebook präsentieren konnte.

Schreck sieht sich als Herrenmensch, als Teil einer Elite, die das Recht hat, sich von anderen zu nehmen, was sie will. "Ein Prozent der Weltbevölkerung sind Jäger", sagt er, "der Rest ist ihre Beute. Die größten historischen Persönlichkeiten, die einzigen, die der Welt wirklichen Fortschritt brachten, waren Massenmörder - wie Karl der Große, Napoleon oder Hitler."

Nach Stunden ebenso angeregter wie unheimlicher Gespräche verabschiede ich mich von den Vampiren und gehe hinaus in die Nacht von San Francisco, die plötzlich viel dunkler scheint.

 

2. DAS UNSCHULDIGE BÖSE

Fast ein Vierteljahrhundert später. Herbst in Berlin. Wir sind vor einer außerhalb gelegenen S-Bahn-Station mit Nikolas Schreck verabredet - zu einem kleinen Ausflug. "Natürlich ist deine Frau herzlichst eingeladen, uns auf unserem 'Spaziergang des Bösen' zu begleiten", hat er mir vorher in einem E-Mail geschrieben. "Solange ihr nur klar ist, daß keiner von euch aus dem Wald zurückkehren wird ..."

Wir wagen es trotzdem. Der Mann, der mittlerweile zum Buddhismus übergetreten ist und sich auf seiner Website als "Multimedia-Magier, Musiker, Autor, Filmemacher und religiöser Lehrer" bezeichnet, hat sich seit den Achtzigern nicht besonders verändert: immer noch groß und schlank, immer noch dunkel gekleidet, wenn auch diesmal mit einem fernöstlichen Hemd statt der runenbestickten Militärjacke von damals. Nur das Wasserstoffblonde ist einer Glatze gewichen.

Ein bißchen sieht er aus wie Lord Voldemort aus den Harry Potter-Filmen, nur daß ihm statt der Nase das rechte Ohr fehlt (dazu später mehr ...). "Anscheinend entspreche ich immer irgendeinem Archetyp aus Hollywood-Filmen", sagt der mittlerweile 50jährige Schreck lächelnd. "Vor zehn Jahren hat man mich öfters mit Christopher Walken in Sleepy Hollow verwechselt - dem 'Hessen', der später zum kopflosen Reiter wurde."

Es sind jedenfalls stets die Dämonischen und Antihelden auf der Leinwand, mit denen man ihn vergleicht - und das, obwohl Nikolas bereits im Kindesalter nicht an die Existenz des Bösen glaubte.

"Instinktiv hatte ich schon damals das Gefühl, daß dieses sogenannte Böse ein relativer Begriff ist, den verschiedene Leute auf Dinge projizieren, mit denen sie nicht einverstanden sind", erzählt er. Da er gerade an seiner Autobiographie für einen französischen Verlag arbeitet, denkt er derzeit häufig über seine Jugendjahre nach. Die Eltern waren Freigeister, Atheisten, Bohemiens, die schon Anfang der Sixties mit psychedelischen Drogen und Promiskuität experimentierten und auch ihrem Sohn ("ein Einzelkind, mit allen schlechten Eigenschaften") sämtliche Freiheiten ließen, sodaß er nie rebellieren mußte. Schrecks Vater war Marineoffizier, aber auch Musikmanager und Schriftsteller, der sich vor allem mit militärhistorischen Themen befaßte; die Familie übersiedelte häufig und unternahm viele Reisen.

Zur Sozialisation des diabolischen Wunderkinds gehörten klassische Horrorfilme im Fernsehen, das Tibetische Totenbuch, griechische Mythologie - und eine satanistische Babysitterin, die dem Fünfjährigen die Bibel vom Standpunkt des Teufels aus nahebrachte. "Ich wurde mir der Existenz eines übernatürlichen Wesens, das die 'dunkle Seite' verkörpert, erst durch dieses halbwüchsige Mädchen bewußt", erinnert sich Nikolas Schreck. "Ich war ein Kind, und sie stellte den Teufel und seine Anbetung als etwas total Positives dar. Das war also meine Initation - auf eine sehr unschuldige Art und Weise."

 

3. MAGISCHE REISEN

Wie Nikolas berichtet, durfte er in seiner privaten Version der "Addams Family" ein absolut egoistisches, gesetzloses Kind sein, das nur seinen Willen durchsetzen wollte, sich in der Volksschule selbst freimütig als Satanisten bezeichnete ("Heute würden sie mich dafür psychiatrieren und meine Eltern einsperren") und dessen Helden neben dem Beherrscher der Unterwelt ausschließlich Monster, Gangster oder legendäre Outlaws waren.

Bereits während der okkulten Renaissance der Hippie-Ära hatte Nikolas sich für Bewußtseinserweiterung und östlichen Mystizismus interessiert, wenn auch mit einem völlig anderen Hintergrund als die Generation der Blumenkinder. Schließlich war er davon überzeugt, daß das satanische Zeitalter bereits in den kommenden Jahren anbrechen würde - und wollte unbedingt einer von denen sein, die dann das Sagen hatten: "Meditation und Yoga waren für mich nicht Mittel dazu, die Welt zu verbessern, sondern mit Hilfe meines Geistes Böses zu tun, ein noch besserer Krimineller und Magier zu werden."

Nach ersten Ritualen mit einem kleinen magischen Zirkel, den er damals in L. A. um sich geschart hatte, machte er sich nach England auf, um dort von den europäischen Großmeistern zu lernen. Bei den verschiedenen Ablegern des OTO (Ordo Templi Orientis), einem 1903 vom Wiener Industriellen Carl Kellner gegründeten esoterischen Zirkel, der wenige Jahre später vom britischen Okkultisten und Junkie Aleister Crowley ("The Great Beast 666") übernommen wurde, machte er Erfahrungen mit traditioneller Zeremonialmagie, Sexualmagie und der in den Achtzigern modernen Chaosmagie. Seine Recherchen über den Wüstengott Seth, der von einigen der magischen Zirkel als Inbild des Teufels angebetet wurde, führten ihn dann weiter zu den Wurzel des sogenannten Bösen: nach Ägypten.

"Im Königsgrab des Pharaos Sethos I. machte ich eine Erfahrung, die mein ganzes Leben verändern sollte", sagt Schreck. "Seth - der in Wahrheit nicht Satan ist, sondern im Gegenteil Gott, der ehemalige ägyptische Hauptgott - nahm mit mir Kontakt auf und beauftragte mich mit einer Mission: Ich sollte ins Herz Amerikas zurückkehren und den Menschen dort mit meiner Musik, meinen Filmen und meinen Worten zeigen, daß es die alten Götter wirklich gibt, daß eine andere Welt neben der christlichen existiert."

 

4. WILD AT HEART

Im Herzen Amerikas passierte auch die Geschichte mit dem Ohr. Schreck, nun als Tabubrecher im künstlerisch-religiösen Auftrag unterwegs, lebte in den fundamentalchristlichen, erzkonservativen Reagan-Jahren wieder im Sündenbabel Los Angeles, als auffällig düstere Erscheinung mit fragwürdigen moralischen Prinzipien. Eines Abends trieb er sich mit einem befreundeten Satanisten im Homosexuellenviertel der Stadt herum. Dummerweise (oder auch absichtlich) ließ der Kollege einige Anti-AIDS-Karikaturen gut sichtbar im Auto herumliegen - und als Nikolas gerade wieder eingestiegen war, schnitt ihm ein wegen der Zeichnungen äußerst schlechtgelaunter schwuler Bodybuilder durchs offene Fenster das Ohr ab. Mit einem Rasiermesser.

Der Freund brachte den Verletzten zu einer Notaufnahme und suchte das Weite. Schreck saß einige Zeit blutüberströmt im Wartesaal, bis sich endlich eine Schwester zu ihm bemühte - und sagte: "Das erinnert mich an diesen David-Lynch-Film, du weißt schon, Blue Velvet, wo dieses abgeschnittene Ohr im Vorgarten herumliegt, irgendwo in den Suburbs. Kennst du den?"

"Lady, ich verblute", antwortete der Verletzte. "Können Sie mich endlich versorgen?" Zu spät - das Ohr konnte nicht mehr angenäht werden. Und seither hat Nikolas Schreck eben ein besonderes Kennzeichen mehr.

Only in Hollywood ...

 

Zur Fortsetzung ...

Peter Hiess

Nikolas Schreck im Gespräch


Aktuelles Interview mit Schreck über die bevorstehenden Konzerte, die Magie der Musik und vieles mehr (in engl. Sprache)

Links:

Nikolas Schreck - The Manson File: Myth and Reality of an Outlaw Shaman

Links:

Nikolas Schreck auf CD


Radio-Werewolf-CD "The Vinyl Solution/Analog Artifacts: Ritual Instrumentals and Undercover Versions"

Links:

Termin-Tip: Transmission Festival


Website des "Tower Transmission Festivals" in Dresden, wo Nikolas Schreck und John Murphy auftreten werden

Links:

Nikolas Schreck - Lesung


Nikolas Schreck liest im National Public Radio (NPR) aus seinem demnächst erscheinenenden Roman The Dallas Book of the Dead

Links:

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