Stories_Rokko´s Adventures im EVOLVER #13, Pt. 1

Trash Rock Archives: Beat in Österreich, Teil I

Beat-Musik aus Österreich? Gab´s nicht? Gab´s doch! Die Kollegen von "Rokko´s Adventures" gingen dem Phänomen anhand 20 teils längst vergessener Beat-Bands und ihrer Single-Veröffentlichungen nach.
   04.03.2009

"British Invasion", so sagt man, war der weltweite Beat-Boom, den Bands wie die Beatles, Stones, Kinks, Animals, Pretty Things oder The Who mit ihrer Musik, ihrer Jugendlichkeit, ihrer Message - im Zweifelsfall: ihren lustigen Frisuren - so um 1964 herum auslösten. Die rund um die Erdkugel erwachte Euphorie für den neuen Sound schlug sich rasch im Bewußtsein einer neuen Generation nieder und ließ die Subkultur erblühen: Teenager fingen damit an, Musik zu machen und Bands zu gründen, es entstanden Szenen, neue Lokale, Labels, Fanclubs und Fanzines. War der Nährboden erst einmal geschaffen, entwickelten einzelne Regionen auf der ganzen Welt einen eigenen Sound: Die Bands in New York klangen anders als die in Texas, und Deutschland hatte einen anderen Sound als die Schweiz. Um den Globus herum brachten R&B- und Beat-Gruppen in kleinen Stückzahlen, meist auf privat organisierten Labels, ihre 7"-Singles regional heraus und vertrieben sie oft selber. Einige Bands aus dem "Underground", beispielsweise aus den USA, Peru, der Schweiz, Holland oder Neuseeland, waren 1966 schon derart schnell und hart, daß sich ihr Sound im nachhinein schon als "Garagen-Punk" oder "Proto-Punk" klassifizieren läßt. Und Österreich? Die Standard-Antwort lautet: "Österreich hat die sechziger Jahre verschlafen ..."

Nicht ganz. Hierzulande ging es einfach etwas langsamer zur Sache. Wenn du heute eine Single der frühen Beat-Bands aus Österreich, wie der Hubbubs, der Counts oder der Sunset Combo auflegst, dann glaubst du unweigerlich, daß das Aufnahmen von 1963 oder ´64 sind. Dabei ist aber fast der gesamte Output österreichischer Beat-Bands ein Produkt der späten Sixties. Bis 1965/66 gab´s hier im medialen Bewußtsein nur Operette, Schlager und ein bißchen Rock´n´Roll. In den Plattengeschäften wurde in säuberlicher Fortschrittsfeindlichkeit nach "Tanz"- und "Unterhaltungsmusik" getrennt - und die großen Stars hießen nicht Beatles, Stones, Kinks, Animals, Pretty Things oder The Who, sondern Bambis, Peter Alexander, Caterina Valente und Heinz Conrads.

Während in anderen Ländern die Musiker bereits 1968 schulterlanges Haar trugen, glänzten die meisten österreichischen Beat-Gruppen noch mit Kurzhaarschnitten und adretten Zweireiher-Outfits. Auf der Straße wurdest du von Menschen jeglicher sozialer Herkunft angepöbelt, bloß weil dein Haar ein paar Zentimeter zu lang und dein Gewand nicht sauber und gebügelt war. Und die Veröffentlichungen der "wilden" Austro-Bands, wie der Slaves oder Desperates, konntest du in Österreich nirgendwo kaufen. Die erste österreichische Beat-LP von den Counts ist brav und sauber eingespielt und wurde zudem erst 1966 und ausgerechnet vom völlig unhippen Staatslabel Amadeo produziert. Dieses Jahre-hintennach-sein hat aber durchaus auch seinen Charme: Schließlich läßt sich so - was den Sound österreichischer Produktionen anbelangt - der Begriff "Sixties" locker bis 1972 oder 1973 ausdehnen.

Um 1967/68 herum tauchten auch hierzulande immer mehr junge Bands aus dem Nichts auf, probten und gaben Konzerte. Der Umstand, daß so viele von diesen - damals wie heute größtenteils unbekannten - Gruppen auch Tonträger veröffentlicht haben, ist beachtlich. Schon in Anbetracht der enormen Kosten, die die Produktion einer 7"-Single verschlungen hat, mutet jedes private oder auf kleinen Labels erschienene Outing einer österreichischen Band sensationell an.

Die erste Ausgabe der "Trash Rock Archives" widmet sich 20 österreichischen Bands (im EVOLVER in zwei Etappen; Anm. d. Red.) und jeweils einem ihrer Songs. Die hier beschriebenen Singles, von denen die Stücke stammen, sind heute größtenteils sehr rar und teuer. Einige davon wurden damals schon nicht im Radio gespielt, nie rezensiert, kompiliert oder von irgendjemandem gehört, mal abgesehen vom Freundeskreis und den Familien der Band-Mitglieder. Andere hier besprochene Songs haben hingegen ihre Generation geprägt und Spuren hinterlassen. In allen Fällen ist es aber so, daß es sehr, sehr schwierig geworden ist, an die Aufnahmen heranzukommen, und daß die Singles nur selten und wenn, dann zu enormen Preisen auftauchen. Aber um zu verhindern, daß du eines Tages stirbst, ohne jemals die Slaves oder Novak´s Kapelle gehört zu haben, gibt es alle hier besprochenen Songs auch auf YouTube zum Anhören. Los geht´s!

 

01.) Bambis - Melancholie (1964)

45 - "Melancholie" b/w "Mini-Kini-Baby" (Columbia/C 28 130)

 

Die Bambis wurden 1959 von zwei Wienern und zwei Bayern gegründet. Rasch profilierten sie sich zu einer vielgebuchten Band und spielten auch in Deutschland und der Schweiz. 1964 schafften sie den großen Durchbruch mit der Liebeskummer-Schnulze "Melancholie", die sogar "A Hard Day´s Night" der Beatles vom ersten Platz der österreichischen Charts verdrängen konnte. Bambis-Sänger Mandy Oswald hatte einen italienischen Akzent angenommen, um den Sehnsuchtsfaktor des Songs noch zu verstärken. Einige Musiktheoretiker sehen in dieser Stimmenverfremdung den eigentlichen Schlüssel zum Erfolg der Single, da der italophone Gesang scheinbar hervorragend mit dem Bedürfnis des Mittelstandes referenzierte, einen schönen Urlaub in Italien zu verbringen.

"Melancholie" kann man aus heutiger Sicht als Definition der Mainstream-Richtung "Austro-Beat" und als nachhaltige Prägung der technischen und ästhetischen Standards erfolgsorientierter Beat-Veröffentlichungen in Österreich ansehen. Das Wiener Label Accordia beispielsweise war spezialisiert auf Bambis-Imitate und forcierte Bands mit klingenden Namen wie Allrounds, Rockets oder White Stars, deren Veröffentlichungen in Sachen Schmalzigkeit denen der Bambis um nicht viel nachstanden. "Melancholie" ist die bekannteste wie auch verhaßteste österreichische Nummer der sechziger Jahre, kann aber in Anbetracht ihrer enormen Intensität auch als diametraler Ausgangspunkt zum rebellischen Aufbegehren gesehen werden, das in den späten 60ern durch Bands wie Novak´s Kapelle oder Charles Ryders Corporation ebenso salonfähig werden würde, wie es 1964 noch die Sehnsucht nach Herzschmerz und dem nächsten Italienurlaub war.

 

 

 

02.) Slaves - Slaves Time (1966)

45 - "Slaves Time" b/w "You Are The Only One" (Philips/339414 PF).

Kompiliert auf: "Beat International" (LP), "Lost Illusions #1" (LP), "Nuggets #2" (LP-Box/CD-Box), "Pebbles #18" (LP/CD), "Worldbeaters #2" (CD)

 

Die Legende besagt, daß die Slaves aus der Asche der Vienna Beatles, der ehemaligen Begleitband des Rock´n´Rollers Hannes Patek, im Sommer 1965 erstanden sind. Bereits ihre ersten Gigs führten sie in die wichtigsten Wiener Beat-Clubs wie das San Remo (heute Camera Club) oder das Flamingo, wo sie sich mit ihrem international orientierten Mix aus hartem R&B und Beat rasch die Reputation erarbeiteten, eine der besten Live-Bands der Stadt zu sein. Der Zürcher Konzert- und Boxpromoter Hansruedi Jaggi erkannte ihr Potential und nahm die Band, deren jüngstes Mitglied Karl Ratzer zu jenem Zeitpunkt gerade erst 15 war, unter Vertrag. Jaggi organisierte eine Menge Slaves-Shows in Deutschland, Frankreich und der Schweiz, bei denen er sie als "Beatband from Hell" ankündigte. Dies war sein Versuch, ein mystisches Band-Image zu kreieren, das darüber hinaus nicht nur das Redeverbot der Musiker in der Öffentlichkeit, sondern auch fiktive Lebensläufe für die einzelnen Mitglieder beinhaltete, die die Slaves als kulturfeindliche Anarchisten präsentieren sollten. Die Schweizer Presse nahm das Geschenk bereitwillig an und textete beispielsweise im November 1965: "Die Slaves sind richtige Zigeuner, die jahrelang durch Europa zogen und nur für ihre Musik leben; einige der Gruppe können nicht einmal lesen und schreiben" ("Pop"-Magazin).

Anfang 1966 nahmen sie drei Singles für das Label Philips auf, die allesamt rohsten Garagen-Punk enthielten und heute unter die außergewöhnlichsten und gesuchtesten interkontinentalen Sixties-Releases gereiht werden müssen. "Slaves Time", die A-Seite ihrer ersten Single, ist nicht nur die hymnische Selbstdefinition einer jungen, wilden Band, sondern auch die überdeutliche Artikulation eines neuen Lebensgefühls österreichischer Jugend: "We are better/ better than you/ feel alright/ all the time/ got loud music/ and long hair/ that´s what we need/ that´s slaves time!" Die Band spielte weiterhin viel in der Schweiz und teilte sich Bühnen mit bekannten Gruppen wie den Kinks, den Lords oder den Sevens. Im April 1966, am Höhepunkt ihres Erfolges, bot das britische Major-Label EMI-Columbia an, ein Slaves-Album herauszubringen. Die Band flog nach London, und die Platte war bereits aufgenommen, als sich die Band-Mitglieder im Mai 1966 derart in die Haare gerieten, daß sich die Slaves noch vor Ort auflösten. EMI hatte daraufhin keine große Lust, Geld für die Erzeugung und Vermarktung der LP zu bezahlen, da es das eigentliche Zugpferd - diese neue und außerordentliche Band - ja nun nicht mehr gab, und ließ die Aufnahmen in ihren Archiven verstauben (übrigens bis heute). Die Ex-Slaves Lippy Behrends (Baß) und Herbert Radakovics (Drums) gründeten die R&B-Band The Sads, die von der deutschsprachigen Musik-Presse bereits als das nächste große Ding abgefeiert wurde, sich aber bereits nach vier Monaten wieder auflöste. Radakovics stieg daraufhin bei der Wiener Beat-Band The Mimes ein. Und Gitarrist Karl Ratzer - Synonym: Charly Ryder - formierte kurze Zeit später schon die nächste Teufels-Combo: The Charles Ryders Corporation.

 

 

 

03.) Desperates - LSD (1966)

45 - "LSD" b/w "My Stupidity" (CCA/5030)

Kompiliert auf: "Lost Illusions #2" (LP), "Psychedelic Gems #5" (CD)

 

Diese Band kam aus Bregenz und veröffentlichte 1966 auf dem bayrischen CCA-Label ihre einzige Single. "LSD" ist eine sehr spontan wirkende Coverversion des Pretty-Things-Songs und deutlich dreckiger arrangiert als das Original. Obwohl man mit Sicherheit den räudigen Sound nicht nur als ästhetisches Statement, sondern auch als Produkt von technischem Amateurismus und bescheidenen Produktionsmöglichkeiten werten muß, sollte "LSD" dennoch als ein rares Zeitdokument österreichischer Gegenkultur verstanden werden: Die Desperates repräsentieren hier nicht den österreichischen Underground, nicht ihr Bundesland Vorarlberg, in dem bis in die frühen sechziger Jahre angeblich noch ein Twist-Verbot herrschte, sondern einzig und allein sich selbst, eine anonyme Teenager-Band, losgelöst von jeglicher österreichischer Identität. Dieses Scheiß-auf-den-Mainstream in Kombination mit der Entscheidung, einen anrüchigen Drogen-Song zu covern, ist derart charmant, daß du den Song "LSD" allein schon deswegen gehört haben solltest, weil er existiert.

 

 

 

04.) V-Rangers - Batman Theme (1967)

45 - "Batman Theme" b/w "Theme from Peter Gunn" (Amadeo/AVRS 21374). Unkompiliert.

 

Nach einhelliger Meinung waren die V-Rangers aus Wien - zusammen mit den Counts - eine der allerersten echten Beat-Bands in Österreich. Ihr Output umfaßte fünf Singles für Amadeo. Das Instrumental "Batman Theme" ist eine Freakbeat-Version des Superhelden-Themas und eine ihrer gelungensten Nummern. Röhrende Hammond-Orgeln und zeitgemäße Fuzz-Gitarren-Soli quellen uns aus den Rillen dieser raren Plastikscheibe entgegen. Schöööön!

 

 

 

05.) Earls - Say the word (1968)

45 - "I am so glad" b/w "Say the word" (Polyphon Lohnpressung/03-68).

Kompiliert auf: "The Beat Era Switzerland-Austria #1" (CD)

 

Das Wiener Label Polyphon muß ein bißchen wie eine Institution gesehen werden. Schließlich konnte damals einfach jeder dorthin gehen und seine Songs aufnehmen. Die Aufnahmen wurden schnell und unaufwendig produziert, und abhängig vom Budget, das man dafür zusammenkratzen konnte, wurde dann ausgerechnet, wie viele Stück von der Single gepreßt werden sollten. Man kann also davon ausgehen, daß die Auflagen solcher Produktionen sehr gering und wahrscheinlich auf 200 bis 400 Stück limitiert waren. Deswegen ist jede "Lohnpressung"-7", die nach Jahren auf einem Flohmarkt auftaucht, eine kleine Sensation. Wenn diese 7" noch dazu derart hübsche, unterproduzierte Garagen-Balladen enthält, wie es bei dieser Single der Fall ist, dann müssen wir von einer verflucht seltenen und kostspieligen Angelegenheit sprechen. Über die Earls ist nichts bekannt.

 

 

 

06.) Expiration - And The World Will Be A Bird (1968)

45 - "It Wasn´t Right" b/w "And The World Will Be A Bird" (VRC/45-6266). Unkompiliert.

 

"Dear Friends! At the beginning of this year three talented musicians started a group which sounded like Cream. But now, six month ago, it sounds like ... Expiration ..." (Liner Notes auf der Rückseite des Single-Covers)

Das kleine Wiener VRC-Label brachte in den späten Sechzigern eine Reihe charmanter Singles heraus, die man allein deswegen schnell ins Herz schließen kann, weil sie die Eklatanz des "Österreich-Syndroms" so überdeutlich machen: Ein Song, der 1968 oder 1969 aufgenommen worden ist, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit so klingen, als wäre er von 1965. Die einzige Single des Wiener Psychedelic-Trios Expiration sticht deswegen besonders aus dem VRC-Katalog hervor, weil sie sich, als eine der wenigen Beat-Releases des Wiener Underground, rühmen kann, wirklich am Puls der Zeit gewesen zu sein. Sowohl "It Wasn´t Right" als auch "And The World Will Be A Bird" klingen, als wären sie von 1968: Man hört hier eine musikalisch kompetente Band, die den "neuen" Sound ihrer Zeit bereits zu eigenständigem Psychedelic-Rock verarbeitet hat. Gitarrist Robert Haumer ging nach dem Zerfall der Band nach London, spielte dort unter anderem mit Noel Redding (Ex-Jimi Hendrix Experience) und gründete 1970 die Progressive-Rock-Band Zakarrias, der auch Huw Lloyd-Langton (Hawkwind) angehörte. Deren einzige LP "Zakarrias" von 1971 zählt heute zu einem der rarsten und gesuchtesten britischen Progressiv-Alben.

 

 

 

07.) Beatniks - Der Floh (1968)

45 - "My Aeroplane" b/w "Der Floh" (Polydor/52 960). Unkompiliert.

 

The Beatniks waren ursprünglich aus Kärnten, übersiedelten aber nach Vertragsunterzeichnung mit dem Major-Label Polydor nach Wien. Auf das Konto dieser sechsköpfigen Beat-Combo gehen ein Haufen kommerziell orientierter Singles als Beatniks ´62 und Beatniks sowie Veröffentlichungen als Backing-Band des Polydor-Schmusesängers Randy Scott. Ihr einziges Album von 1968 zählt allerdings zu den ungewöhnlichsten österreichischen Longplayern der sechziger Jahre, da hier - für österreichische Verhältnisse sehr früh - bereits 1968 orientalische Arrangements mit Sitar und leicht psychedelische Beat-Arrangements anklingen. "Der Floh" war die B-Seite ihrer vierten Single und ist ein klassischer Rip-off. Es ist nicht zu überhören: Vorlage war "Les cactus" von Jaques Dutronc. Erstaunlich, daß das damals irgendwer in Österreich gekannt hat! Werner Marinell, der Leader der Beatniks, wurde übrigens etwas später zum Schmuddel-Volksmusikanten Blondl, dessen größte Hits wie "Zipfl eine, Zipfl auße" oder "Zipfl in die Höh´" sich wohl auch heute noch auf Schihütten-Parties großer Beliebtheit erfreuen.

 

 

 

08.) Brand Brothers - Rainy Nights (1968)

45 - "Rainy Nights" b/w "Ave Maria" (VRC/45-6263). Unkompiliert.

 

1968 brachten die Brand Brothers die düstere Garagen-Ballade "Rainy Nights" beim Wiener "Indie"-Label VRC heraus. Mehrstimmige, leicht atonale Chöre, Hammond-Orgel und relaxte Bläsersätze fungieren als Hors d´?uvre zur Rückentwicklung der eigenen Urteilsfähigkeit in Bezug auf den Hauptgang: einen großen Teller Kitsch, garniert mit blutenden Herzen. Willkommen am Ende der Welt! Ein Hoch auf die Brand Brothers! "Rainy Nights" scheint in Wien ein kleiner Hit gewesen zu sein. Das andere Wiener Trash-Label Accordia ließ es sich nämlich nicht nehmen, den Song in der eingedeutschten Orchester-Version "Zieht November ins Land" von Sylvia Reith noch einmal herauszubringen. Auch das ist irgendwie hörenswert.

 

 

 

09.) Charles Ryders Corporation - White Flames (1968)

45 - "White Flames" b/w "Happy Day" (Decca, D 19.941)

Kompiliert auf: "Prae-Kraut Pandaemonium #4" (LP), "Electric Loosers #2" (CD)

 

"Fünf 'Jux-Boys' aus Wien gründeten 1967 eine Beatband und beschlossen, Karriere zu machen. Sie nannten sich Charles Ryders Cooperation. Sie machten Karriere, weil sie Tag für Tag, Stunden um Stunden probten: Und weil Boß Charly Ratzer weiß, daß Arbeit zum Erfolg gehört" (das deutsche Jugendmagazin "Bravo" im Jahr 1968).

Die Charles Ryders Corporation war Karl Ratzers neues Band-Projekt. Seinem Ruf als Ausnahmegitarrist und seinem Mitwirken in den damals schon legendären Slaves war es zu verdanken, daß die Corporation rasch nach ihrer Gründung beim Schweizer Decca-Label unter Vertrag kam, wo sie zwei überdurchschnittliche Singles herausbrachte. "White Flames", die A-Seite der zweiten 7", ist ein heißer Acid-Punk-Rave-up mit komplett abgedrehten Vocals, räudigen Fuzz-Gitarren und Neanderthal-Drums, der den wildesten Heavy-Psych-Singles aus den USA locker ans Bein pissen kann. Die Charles Ryders Corporation bekam Ö3-Airplay, gab Interviews fürs ORF-Fernsehen und hatte nebst zweiseitiger Story im deutschen "Bravo" auch einen Gastauftritt im sehenswerten Sex-&-Crime-Schundfilm "Schamlos" von Eddy Saller.

Nach dem Zerfall der Band tat sich Karl Ratzer mit den beiden Star-Komponisten Richard Schönherz und Manuel Rigoni zusammen. Resultat war die psychedelisch arrangierte Band Schönherz, aus der 1971 C-Department wurde. 1972 war er Mitglied der All-Star-Band Gipsy Love, der unter anderem Harri Stojka, Peter Wolf und der spätere Supermax Kurt Hauenstein angehörten. Ratzer machte sich in den folgenden Jahren auch als Jazz- und Blues-Gitarrist einen Namen. Charles-Ryders-Drummer Georg Hieblinger ging zu den Hards, die auf dem obskuren Welt-Label die Single "The Knight´s Ballad" herausbrachten.

 

 

 

10.) Les Hammond Singers - Du bist meine Welt (1968)

45 - "Es ist Zeit an den Frühling zu denken" b/w "Du bist meine Welt" (Accordia/AC295). Unkompiliert.

 

Achtung! Jetzt wird´s cheesy: Schlager-Alarm aus dem Hause Accordia! Ein glockenhelles Klavier-Intro, eine dumpfe Orgel, schräge Chöre, ein Vokalist mit französischem Akzent, ein schäbiges Saxophon. Was noch? Einen ordentlichen Halleffekt drüber. Fertig! Jetzt lastet auf jedem, der sich das angehört hat, ein ewigwährender Fluch. "Mein Herz ist schwer, ich bin so allein. Laß mich wieder bei dir sein". Das hat Intensität. Gruselig. Genauso wie die Typen am Cover, die wie mordlustige Soziopathen ausschauen. "Du bist meine Welt" ist sicher auch gut geeignet, um sich schon beim ersten Anflug von Liebeskummer sofort die Pulsadern aufzuschneiden, ohne irgendwelche Alternativen in Betracht gezogen zu haben. This is the Ende of Spaß! The Birth of Depri-Schlager!

 

 

Lesen Sie demnächst, wie es weiterging mit den frühen Beat-Bands in Österreich - von Novak´s Kapelle bis zu The Skin.

Rokko’s Adventures

aus: Rokko´s Adventures #3


Text: Al Bird Sputnik (Trash Rock Productions)

Links:

Kommentare_

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michaelvee - 09.05.2011 : 09.47
Hi Al,

vielen Dank für Deine tolle Recherche und die raren Beiträge. Wie Du auf meiner Seite http://michaelvee.livejournal.com sehen kannst, habe ich einiges davon, Deine Erlaubnis vorausgesetzt, für meine letzte Folge von 60s (mostly) uncomped zu 60er Beat und Garage aus D, AUS und CH verwendet (Du kannst die Folge auf der Seite hernterladen)

alles Gute und ... keep on diggin'!

M
tina glaser - 30.06.2011 : 18.06
hi! danke für diesen Beitrag. Habe mich gefreut, über die beatniks zu lesen, da mein herr vater, helmut glaser, leadgitarrist und sänger in besagter band war. er hat sich mit 17 das gitarrespielen selbst beigebracht und spielt nach wie vor. liebe grüße, tina
Georg Fuchs - 29.02.2012 : 11.17
Danke für diesen spannenden Artikel. Hätte nicht geahnt, was es in Österreich alles gegeben hat, wenn auch mit der damals noch üblichen Verspätung.

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