Stories_Viennale 2010/Journal III

Kindsköpfe

Wie jedes Jahr im Oktober begleitet Sie der EVOLVER durch das Programm der Viennale. Im dritten Teil präsentiert Christoph Prenner einen Polizisten-Slapstick-Film von Regisseur Adam McKay - und die genausowenig ernstgemeinte Inszenierung von Joaquin Phoenix als Rapper.    04.11.2010

Wunder geschehen. Manchmal sogar im Rahmen der Viennale. Oder wie läßt es sich sonst erklären, daß der diesjährige Überraschungsfilm tatsächlich eine Will-Ferrell-Comedy sein sollte? Respektive: Wie wahrscheinlich ist so etwas?

 

Und doch: The Other Guys stand am Programm - der nach "Anchorman", "Talladega Nights" und "Step Brothers" insgesamt vierte gemeinsame Film des Comedy-Dream-Teams aus Regisseur/Schreiber Adam McKay und Will Ferrell (die unzähligen Clips für "Saturday Night Live" oder "Funny Or Die" seien hier einmal unberücksichtigt).

Wer auch nur einen der genannten Streifen gesehen hat, dürfte sich ja schon ungefähr ausmalen können, wohin die Reise ging: ins Land des infantil-aufgekratzten Slapsticks, der - so ganz nebenbei - aber auch scharfsinnige und subversive Statements abzugeben weiß, insbesondere zu männlichen Selbstverständnissen und ihren Grenzen.

Das hier angewandte Format des Cop-Films eignet sich dafür naturgemäß besonders gut, wie schon in den ersten Minuten klar wird. Wie da das Proto-Tough-Duo aus Samuel L. Jackson und Dwayne "The Rock" Johnson bei einer Verbrecherjagd zuerst testosterongeladen die halbe Stadt in Schutt und Asche legt, um sich danach mit genausoviel Elan selbst aus dem Leben zu befördern (garantiert eine der irrsinnigsten Pointen der letzten Jahre), ist allein schon das Eintrittsgeld wert. Wiewohl der Film hier erst richtig anfängt; wenn nämlich die anderen Kerle, also die bisherigen Bürohengste Will Ferrell und Mark Wahlberg, zum Dienst an die Front berufen werden.

 Von hier an ist der Film ganz klar die erwartete große Show von Ferrell, der der Figur des anfangs kleinmütigen Buchhalters nach und nach abgründige Facetten abzugewinnen weiß - bis hin zu einer Vergangenheit als Weiberheld und Zuhälter, der er sich selbst nie so ganz bewußt war.

Wahlberg gibt den soliden straight guy an seiner Seite, geht dabei aber öfter (gewollt?) auch etwas als Sidekick unter. Besser funktionieren da schon die anderen Nebenrollen: Michael Keaton als TLC-Songtitel zitierender Chef-Cop und Eva Mendes als Ferrells sexbombige Ehefrau. So oder so ist "The Other Guys" die beste McKay/Ferrell-Kollaboration seit dem fulminanten "Anchorman". Hoffentlich kriegen das im Lande mit dem Faible für Mario-Barth-Humor auch einmal mehr Menschen mit als die ohnehin schon Bekehrten.

 

Humoristisches Talent sollte man auch Joaquin Phoenix nicht absprechen - und auch nicht den nötige Eifer, um selbigem Nachdruck zu verleihen. Andernfalls ließe es sich kaum erklären, daß er sich selbst für ganze zwei Jahre freiwillig aus dem Schauspiel-Geschäft zurückzog, um via der von Buddy Casey Affleck gefilmten "Doku" I’m Still Here seine Mutation zum Rapper zu inszenieren.

Daß hinter diesem Schachzug eigentlich nur ein Hoax stecken kann, sollte jedem, der schon einmal von Andy Kaufman gehört hat, recht bald bewußt geworden sein. Dennoch wurde vielerorten - auch von heimischen "Filmexperten" - noch bis kurz vor dem Geständnis des Schauspielers erschüttert festgestellt, wie schnell es doch bergab gegangen sei mit Herrn Phoenix. Nun, es soll ja auch Menschen geben, die heute noch glauben, daß Spinal Tap eine vom Schicksal arg gebeutelte Band gewesen sein muß ...

Kommen wir zum Film selber: Der hat seine stärksten Momente nicht unbedingt dann, wenn Phoenix seine eigene vermeintliche Verwahrlosung zelebriert (Koks und Nutten, Kotzen und Nuscheln), sondern erwartungsgemäß dann, wenn er mit anderen - zum Gutteil wohl nicht eingeweihten - Celebrities verkehrt. Unbezahlbar ist da etwa der Gesichtsausdruck auf Sean "Don’t Call Me Diddy" Combs’ Gesicht, als ihm die ersten Demo-Aufnahmen des Neo-Rappers vorgespielt werden (nach "Get Him To The Greek" übrigens Puffys nächster großartiger Auftritt). Auch der mittlerweile legendäre Talkshow-Auftritt beim rechtschaffen fassungslosen David Letterman wird hier noch einmal in ganzer Länge gezeigt - ebenso wie Ben Stillers JP-Veräppelung bei der Oscarverleihung (deren Vorgeschichte wir hier denn auch erfahren dürfen).

Die Botschaft ist unmißverständlich: Der Kasperl wird so lang im Hollywood-Dorf hofiert, wie er für Unterhaltung sorgt und noch ein paar billige Lacher liefert; wenn er dann aber immer noch glaubt, Spompanadeln machen zu können, wird er fertiggemacht - nach und nach. So ungefiltert und wirkungsvoll, wie der große Kindskopf Joaquin die gnadenlosen Mechanismen der Celebrity-Kultur aufzeigt, kann man dem Film auch nicht wirklich nachtragen, daß er um einiges zu lang und oftmals redundant ist.

A bold move (wie der Ami sagen tät’) bleibt "I’m Still Here" dennoch.

Christoph Prenner

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