Stories_Rokko´s Adventures im EVOLVER #91

"And No Man Shall Control Me": Women + Country

Country Music ist klassenlose Musik. Weder Geld noch Bildung oder eine besondere technische Ausstattung sind dazu notwendig, einen Country-Song zu hören, zu verstehen und zu fühlen. Team Rokko setzt sich mit der Stellung des Cowgirls innerhalb des Genres auseinander.    18.04.2016

Rokko´s Adventures ist - so steht es im Impressum - eine "unabhängige, überparteiliche sowie übermenschliche Publikation" und "setzt sich mit Leben, Kunst, Musik und Literatur auseinander". Der EVOLVER präsentiert (mit freundlicher Genehmigung) in regelmäßigen Abständen ausgewählte Beiträge.

 

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Harlan Howard, Mitglied der Country Music Hall of Fame und Autor zahlreicher legendärer Songs, definierte mit einem vielzitierten Satz die Bestandteile eines guten Country-Songs: "three chords and the truth". Ein Country-Song braucht also nicht mehr als drei Akkorde und - ein Quentchen Wahrheit. Drei Akkorde reichten auch dem Rock´n´Roll (der ja in gewisser Weise aus dem Country hervorgegangen ist) und später dem Punk völlig aus, um Generationen zu enthusiasmieren und Popkultur-Geschichte zu schreiben. Von einer zweiten Zutat namens "Wahrheit" sprachen diese Genres allerdings nicht mehr. Die Country Music hingegen handelt definitiv in einem höheren Auftrag.

Sie gibt auf direktem Weg all jene Dinge wider, die ihre Hörer und Hörerinnen als deren tägliche und ureigenste Wahrheiten empfinden. Dabei handelt es sich - entgegen der landläufigen Annahme, die Country Music sei in erster Linie die Musik des ländlichen, weißen und ärmlichen Südens der USA - eher um die Alltagsangelegenheiten der (weißen) Mittelklasse Amerikas. Die Country Music spiegelt damit immer auch gesellschaftliche Entwicklungen und Konflikte wider. Trotzdem gilt sie heute - trotz ihrer Entstehungsgeschichte und der oft sehr unkonventionellen Biographien der Protagonistinnen und Protagonisten - nicht ganz zu unrecht als Bollwerk der Besitzstandwahrer und -wahrerinnen und ihrer reaktionären und xenophoben Überzeugungen.

Es gibt Studien darüber, daß Wähler und Wählerinnen der Republikanischen Partei in den USA fast ausschließlich Country Music hören, Anhänger der Demokraten hingegen mehr dem Pop oder HipHop anhängen. Dabei ist das Klischee der traditions- und heimatbewußten Volksmusik weitgehend auch ein marketingtechnisches Konstrukt von Radiostationen und Interpreten (so die Theorie der Ethnomusikologin Kristine M. McCusker von der Middle Tennessee State University). Wahr ist jedenfalls, daß die Country Music nie die einfache, direkte Sprache verlernt hat und sich nie von elitären Zirkeln vereinnahmen ließ. Sie war und ist immer auch eine Musik, die im sozialen Kontext zu sehen ist - im Guten wie im Schlechten.

Denn entgegen Howards wunderbarer Gebrauchsanweisung wird heute im Country vielleicht mehr noch als im Pop manipuliert, instrumentalisiert und gelogen. Wie der deutsche Schlager hat sich auch der sogenannte "Contemporary Country" über all die Jahre als Massenphänomen in ein hochtechnisiertes weichgespültes Spektakel verwandelt. Gerade nach 9/11 wurde die Country Music gerne eingesetzt, um kriegstreiberische und aggressive Nachrichten zu transportieren.

 

 

Mich hat die Country Music trotz all ihrer negativen Begleitgeräusche von klein auf fasziniert, natürlich auch deswegen, weil das in der Film- und Populärkultur überlieferte Phänomen des Wilden Westens mit seinen Indianern und Cowboys auf mich eine ganz besondere Anziehungskraft ausgeübt hat. Davon übriggeblieben ist die Suche nach der Wahrheit, nach der direkten Sprache und den guten Geschichten, aber auch die Suche nach dem subversiven Potential, den Ausbrüchen aus den schablonenhaften Song-Formaten.

Gute Geschichten, subversives Potential und Ausbruch aus Konventionen bieten auch die "original outsiders" der Country Music - das sind neben Exzentrikern aller Art, Homosexuellen, Farbigen und allen anderen, denen der stumpfe Durchschnitt seine Anerkennung verwehrt, auch die Frauen. In den klassischen maskulinen Country-Songs, wie sie vor allen Dingen der sogenannte Outlaw-Country* schrieb, werden sie meist in den gleichen Rollen besungen: als fürsorgliche Mutter, die den mißratenen Sohn vergeblich zu bessern sucht (Johnny Paycheck: "I´m the Only Hell [Mama Ever Raised]" von 1977), als (be-)trügerische Ehefrau (John Anderson: "She Just Started Liking Cheatin´ Songs" von 1980) und betrogene, vernachlässigte, doch vergebende Geliebte:

Wie in einer männlich dominierten Gesellschaft kaum anders möglich und gerade in einem traditionell konservativen Umfeld ohnehin nicht anders zu erwarten, ist die Country Music zuallererst einmal männlich geprägt. Neben den männlichen Interpreten stehen auch die maßgeblichen Plattenlabels zum überwiegenden Teil im Eigentum von Männern. Auch die Musikproduzenten sind fast ausschließlich Männer. Doch es gab durchaus viele frühe weibliche Country-Superstars wie Bobby Gentry, Patsy Cline oder Kitty Wells - denn die Nachkriegszeit der 50er Jahre, die die westliche Gesellschaft für immer verändert hatte, eröffnete neue Spielräume für sie, die vor dem Zweiten Weltkrieg noch nicht vorhanden waren.

 

Bobby Gentry war eine der ersten Country-Musikerinnen, die ihre Songs selbst komponierte und produzierte. Kitty Wells hatte 1952 den ersten weiblichen Nummer-1-Hit in den Billboard Country Charts mit "It Wasn´t God Who Made Honky Tonk Angels" (zum Hintergrund dieses Songs erfahren Sie mehr in Teil 2). Patsy Cline war die erste Country-Musikerin, die als Headlinerin ihrer eigenen Live-Shows auftrat - so auch 1961 als erster weiblicher Country-Act in der New York Carnegie Hall. Doch allen dreien gelang es nur selten, aus den drei Rollen auszubrechen, die die Country Music - wie oben beschrieben - den Frauen zubilligt: Mutter, Ehefrau oder Geliebte.

Die Frau in der Country Music wird vornehmlich in ihrem In-Bezug-Sein zum Mann definiert. Für nicht traditionelle Positionen bleibt wenig Spielraum, zumal die Machtverhältnisse und Rollenbilder selbstverständlich auch von vielen Frauen mitgetragen werden - weibliche Geschlechtszugehörigkeit allein bedeutet nicht notwendigerweise auch eine progressive bzw. feministische Einstellung. An diesem engstirnigen Grundschema hat sich leider bis heute wenig geändert. Die Rolle der Frau im heutigen "Contemporary Country" reduziert sich ohnehin nur mehr auf eine einzige, nämlich jene des Liebesobjekts. Das von den momentanen weiblichen Contemporary-Country-Stars wie Taylor Swift und Carrie Underwood an den Tag gelegte Power-Frau-Image ist ungefähr so emanzipatorisch wie "Sex and the City", wo eine teure Garderobe mit selbstbestimmter Lebensgestaltung gleichgesetzt wird.

 

 

Zur Fortsetzung ...

Rokko’s Adventures

aus: Rokko´s Adventures #15


Text: Miriam Broucek          

 

Anmerkungen: "Women + Country" ist der Titel eines Jakob-Dylan-Albums aus dem Jahr 2010, produziert von T. Bone Burnett, einem legendären Musiker und Country-Produzenten.

* Benannt nach dem Song von Lee Clayton, "Ladies Love Outlaws”, brachte der Outlaw-Country in den 60er Jahren eine kräftige Prise Rebellion in den klassischen Country: lange Haare, Lederjacken und Songs übers Trinken und Durch-die-Gegend-Ziehen - das exakte Gegenteil zum glattpolierten Nashville-Country-Sound der damaligen Zeit.

Links:

Loretta Lynn


Zum Foto "Loretta Lynn1": © MCA Records

Cover des Gospel-Albums von Loretta Lynn "God Bless America Again" von 1972. Cover und Songs ergeben eine schier unerträgliche Ballung an amerikanischem Patriotismus und Religiösität. Lynn sollte danach über 20 Jahre lang keine Songs mit religiösem Inhalt mehr aufnehmen.

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