Stories_Die heimliche Literaturhauptstadt

Musils Koffer in Klagenfurt

EVOLVER-Gastautor und Krimiexperte Manfred Wieninger ermittelt in der Kärntner Landeshauptstadt - wo ihm zwischen Bussi-Bussi-Gesellschaft, literarischen Möchtegern-G´scheiterln und jungfrauenfressendem Lindwurm ein Taxifahrer die Welt erklärt. Wir halten uns aber lieber an die bekannte Geschichte ...    16.09.2008

Robert Musils Geburtshaus gegenüber den grau-glänzenden Stahl- und Glasfassaden des hypermodernen Klagenfurter Hauptbahnhofs wirkt wie ein letztes, verlorenes Relikt des Historismus in einer komplett durchgestylten Umwelt. Heute sind darin das Kärntner Literaturarchiv und ein kleines Literaturmuseum untergebracht, in dem unter anderem sämtliche Reisekoffer des Ehepaars Musil zu bewundern sind.

Ein bißchen leidet man im Museum am Beginn der Bahnhofstraße schon unter dem Stigma der Provinz, da der umfangreiche Nachlaß des berühmten Großdichters von europäischem Rang in der Wiener Nationalbibliothek liegt. Gerade diesem Nachlaß aber, so der Musil-Forscher Walter Fanta, "verdankt der Name Musil einen nicht geringen Teil seiner posthumen Bedeutung".

Auch der Nachlaß von Ingeborg Bachmann, einer nicht minder großen Tochter der Stadt, ist nicht in Klagenfurt, sondern ebenfalls in Wien gelandet. Im Museum widmet man ihr ein paar Photo- und Textwände und zeigt die Erstausgaben ihrer Bücher. Dafür hat Klagenfurt ein Ingeborg-Bachmann-Gymnasium am Stadtrand, eine Ingeborg-Bachmann-Büste im Stadtpark und vor allem den Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerb im ORF-Landesstudio - einen Jahr für Jahr perfekter inszenierten literarischen Medienrummel, der als größter Literatur-Event Mitteleuropas zunehmend eine neue Regelpoetik hervorbringt.

Dabei sind die eigens für diese Show angefertigten Texte letztlich vielleicht nur mehr für ebendiese geeignet. Im Buchhandel können viele der neueren Bachmann-Preisträger und vor allem die alljährlichen Kelag-3SAT-Ernst-Willner-usw.-Nebenpreisträger leider nicht immer reüssieren. Es scheint so, daß die meisten Texte in kleinen Wettbewerbshappen verträglicher sind als zwischen Buchdeckeln, gesprochen oder meinetwegen gesungen, geröhrt oder gestöhnt besser als gelesen. Nachwuchs für diese Event-Literatur, die durchaus nicht abgeneigt ist, gewisse präskriptive Ansprüche gegenüber der gesamten deutschsprachigen Literatur zu erheben, wird auch im Robert-Musil-Haus selbst produziert.

In den sogenannten Klagenfurter Literaturkursen hält man dort gegenüber Stipendiaten aus allen deutschsprachigen Ländern die vielleicht doch etwas fragwürdige Überzeugung aufrecht, daß Dichten lehrbar sei. Schließlich sind in Klagenfurt sogar die Graffiti literarisch. "Schnee ist das Blut der Geister" ist nicht weit vom Musil-Haus entfernt auf eine Hauswand gesprüht zu lesen. Nicht umsonst widmet sich auch das neue Buch des Klagenfurter Schriftstellers Alois Brandstetter ausschließlich diesen Graffiti in seiner Heimatstadt.

 

Der Taxifahrer, der mich vom Literaturmuseum in die Innenstadt bringt, outet sich zunächst einmal als Bleiburger und bezeichnet dann die 1873 nach Klagenfurt zu- und 1881 weggezogene Familie des Großdichters Musil als eine alte Klagenfurter Dynastie, die schon vor Jahrhunderten an adeligen Orgien auf Schloß Hallweg oder Hellweck, ich verstehe den Namen kaum, teilgenommen habe. Die dort entstandenen Wechselbälger habe man auf einer Linie bis zum Herzogsstuhl verscharrt. Auf dieser negativen Linie würde heute noch immer wieder Bauernhäuser, ja ganze Gehöfte abbrennen, weit häufiger als in anderen Gegenden. Ein Mönch, Taxipassagier wie ich, habe ihm einmal ein handgeschriebenes Buch darüber gezeigt.

Obwohl Berufskraftfahrer, sei er selber diese Linie mit dem Mountainbike abgefahren und habe sich dabei eine schlimme Adduktorenzerrung zugezogen, was ja wohl für sich selbst beziehungsweise für den hohen Wahrheitsgehalt der alten Legende spräche. Außerdem, so redet der Mann in mein ungläubiges Staunen hinein, seien in Kärnten, in dem es angeblich so viele Slowenen gebe, in Wirklichkeit nur ganz wenige von denen daheim, nicht mehr als ein paar "Deppalan." Ich gebe einen unbestimmten Brummlaut von mir, da ich nicht vorhabe, mich in innerkärntnerische Angelegenheiten zu mischen. Das Klima in Klagenfurt, obwohl durch den Einfluß des Wörthersees geradezu mediterran-mild, war eben immer schon eher rauh - nicht in meteorologischer, sondern in politisch-gesellschaftlicher Hinsicht.

Auch die Monumente der historischen Innenstadt spiegeln die Kämpfe und Krämpfe. So ist zum Beispiel der Klagenfurter Dom, vor dem ich mich dann ganz schnell absetzen lasse, in seiner Architektur und Fassadierung von einer bemerkenswerten Schlichtheit, ja geradezu Fadesse. Kein Wunder, wurde diese größte Wandpfeilerkirche Österreichs doch 1578 vom protestantisch gewordenen Klagenfurter Stadtbürgertum unter dem Bürgermeister Christoph Windisch (übrigens einem Slowenen) erbaut. Unter der Wucht der Gegenreformation bekehrte man die Klagenfurter jedoch bald wieder zur katholischen Religion, der Dom ging 1604 in den Besitz der Jesuiten über. Die verwandelten den riesigen Innenraum des Gotteshauses ab 1787 in einer wahren Rokoko-Behübschungsorgie in ein üppiges Wunderwerk aus weißem Stuck und rosa Dekormalerei.

 

Die Stadt, in der es einst zum ersten Bauernaufstand im deutschsprachigen Raum gekommen ist, war schon bei ihrer sagenhaften Gründung in einem Sumpf am Ostufer des heutigen Wörthersees nicht gerade vom Glück verfolgt. Ein riesiger Lindwurm, der sich obendrein vornehmlich von Jungfrauen zu ernähren gedachte, bedrohte die Ortschaft. Kein Wunder, daß die ersten Siedler den Ort nicht gerade als angenehm empfanden und als Furt der Klagen benamsten. Das mythen- und romantiksüchtige 19. Jahrhundert bescherte Klagenfurt ein imposantes Lindwurm-Denkmal am Neuen Platz, dem zentralen Platz der Innenstadt. Der grünpatinierte Bronzedrache ist heute wohl Österreichs bekannteste Skulptur im öffentlichen Raum.

Historisch gesehen wurde Klagenfurt Ende des 12. Jahrhunderts einige Kilometer weiter östlich in den Auen des Flusses Glan planmäßig von einem rheinfränkischen Herzog gegründet, und zwar vor allem aus militärischen Gründen. Die Stelle erwies sich aber bald wegen der dauernden Überflutungen durch den Fluß als so unglücklich gewählt, daß die Stadt kaum 50 Jahre später einige Kilometer weit nach Westen verlegt werden mußte. Auch in der Neustadt war das Leben kein Honigschlecken: Wiederholte Erdbeben, Großbrände und Mißernten peinigten die damaligen Stadtbewohner, 1514 brannte die Stadt fast komplett ab. Der chronisch finanzschwache Habsburger-Kaiser Maximilian I. war nicht in der Lage, Klagenfurt wiederaufzubauen, und verschenkte die Ruinen an die Kärntner Landstände, also die weltlichen und geistlichen Eliten seines fernen Herzogtums. Diese bauten Klagenfurt zu ihrer Hauptstadt aus, da die alte Hauptstadt St. Veit wieder einmal von bäuerlichen Rebellen aus der Krain besetzt war.

 

Auch das schloßartige Kärntner Landhaus mitten in der Klagenfurter Innenstadt, bis heute Sitz des Landtags, ist ein Werk dieser Landstände. Im prächtigen Wappensaal haben die Herren sich und ihren Geschlechtern ein Denkmal gesetzt; 665 bunte Wappen machen Wände und Decke zu einem Kaleidoskop der Eitelkeit und der Macht. Hin und wieder findet man auch Leerstellen - hier war den hohen Herren der Preis der Wappenmaler Anton Blumenthal und Ferdinand Fromiller wohl einfach zu hoch. Im Wappensaal ist auch der Fürstenstein zu besichtigen, das älteste staatliche Symbol Kärntens, eigentlich das Basisfragment einer römischen Säule, die ab 976 ein wichtiges Element bei den Einsetzungsritualen der Kärntner Herzöge bildete, eine Tradition, die bis 1414 fortgeführt wurde.

Als Slowenien den Fürstenstein 2006 auf der Rückseite seiner 2-Cent-Münzen abbildete, gab es wieder einmal böses Blut zwischen den Kärntnern und ihren Nachbarn im Süden. Als Reaktion ließ die Kärnter Landesregierung den Fürstenstein aus dem Landesmuseum schaffen, wo er bis dahin dann und wann höchstens von mäßig interessierten Schulklassen besichtigt wurde, und prominent im Wappensaal des Klagenfurter Landhauses aufstellen.

 

In der Stadt der ehemaligen Drachentöter spielen natürlich nicht nur die Größen der Literatur eine Rolle, sondern sozusagen auch begnadete Körper, wenn sie sich bei großen Sport-Events herzeigen lassen. Das passiert zum Beispiel beim "Ironman Kärnten", vor allem aber beim alljährlichen Beachvolleyball-Grand-Slam-Turnier im Klagenfurter Wörthersee-Strandbad, das sich in den letzten Jahren zu einem Treffpunkt der halben Prominenz und der ganzen Halbprominenz aus Fernsehen und Politik entwickelt hat, sozusagen zu einem sommerlichen Äquivalent des Wiener Opernballs, wo die alpenländische Bussi-Bussi-Gesellschaft heftig sich streckende Mädels und Jungs in knapp sitzender Badewäsche ausgiebig bewundern kann.

Für diese Klagenfurter Sportereignisse hätte vielleicht auch Robert Musil etwas übrig gehabt. Schließlich ist er 1942 im Genfer Exil beim Turnen in seinem Badezimmer gestorben.

Manfred Wieninger

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