Stories_Wiener Impressionen

Donnerstags im "Gutruf"

Es gibt sie noch, die legendären Wiener Cafés, mit ihren Geschichten und ihrer Vergangenheit - wenn auch manche Änderungen ein wenig eigenwillig anmuten. Manfred Wieninger hat eines davon besucht.    26.08.2010

"Johann Z., Arbeiterbub aus Favoriten, ist ein introvertiertes, schüchternes Müttersöhnchen, bis es ihn 1928 zur Wiener Polizei und zu Trainings- und Ertüchtigungszwecken in den Polizeisportverein verschlägt. 1934 wird er Österreichs bis dato einziger Box-Europameister bei den Amateuren. Der Mittelgewichtler ist ein feiner, wendiger Techniker und absolviert im Laufe seiner Karriere über 200 Kämpfe. 1936 wird er nur durch einen reichsdeutschen Ringrichter am Olympiasieg gehindert, da die Nazis keinen österreichischen Triumphator in der laut Hitler 'arischsten' aller Sportarten gebrauchen können. Nach dem Anschluß ist Z. eine Zeit lang arbeitslos, erhält dann aber durch einen Spezl ein Angebot von der Gestapo, das er nicht ablehnen kann und will. Zunächst ist er am Wiener Morzinplatz im sogenannten Sozialistenreferat tätig und ist dort eher kein Monster, wie eine Reihe von ihm Verhörter bestätigt hat. Einige Zeit später ist Z. allerdings zum Schläger bei der Gestapo Brünn verroht. Sein dortiger Vorgesetzter hat erkannt, daß bei den sogenannten verschärften Verhören gezielte Boxhiebe 'wirksamer' sind als die bis dahin üblichen Stockhiebe. Z. versucht offenbar, seinem traurigen Dasein zu entkommen und beantragt seine Versetzung. Er landet schließlich im besetzten Dänemark. Bei der Flucht seiner dortigen Gestapo-Einheit vor den Alliierten erschießt er sich 1945 selbst ... "

 

Solche und ähnliche Geschichten bekommt man heutzutage vielleicht nur mehr im legendären "Gutruf" in der Milchgasse in Wiens erstem Bezirk erzählt. Noch dazu von einem ehemaligen Kabinettchef eines österreichischen Bundeskanzlers, der gerade ein Buch über diesen Z. vorbereitet, und noch dazu an einem gewöhnlichen Donnerstag Nachmittag.

Dabei ist es auch unerheblich, ob die in allen Einzelheiten erzählte Geschichte über diese sehr österreichische Karriere der Dreißiger und Vierziger Jahre auch wirklich haargenau stimmt. Wichtig ist nur, daß sie in den intellektuellen Rahmen des "Gutruf" paßt, das ab den Fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so etwas wie ein heimlicher Kristallisationspunkt der österreichischen Kultur- und Geistesgeschichte - sprich des Wiener Schmähs - gewesen ist.

Wer damals Avantgarde war oder sich halt dafür hielt, zählte zu den sogenannten Gutrufianern. Alle waren sie Stammgäste - Helmut Qualtinger, Gerhard Bronner, H. C. Artmann, Adolf Frohner, Kurt Sowinetz, Teddy Podgorski, Josef Mikl, Heinz Rudolf Unger, Fritz Wotruba, Wolfgang Bauer, Erni Mangold, Elfriede Gerstl, Peter Handke, Heinz Marecek, Hanno Pöschl, Wilhelm Holzbauer, Reinhard Priessnitz, Joe Berger, Werner Schneyder, Wolfgang Herzig, Erich Sokol und und und.

Spätestens ab den Siebziger Jahren kamen zu den Gutruf-Künstlern und -Originalen noch Journalismus, Politik und Verbrechen hinzu - von Roman Schliesser über Helmut Zilk bis hin zu Udo Proksch. Wahrscheinlich, denke ich, wäre es bedeutend einfacher und kürzer, all die Größen aufzuzählen, die noch nicht im "Gutruf" zu Gast waren. Marlon Brando zum Beispiel. Aber auch da ließe sich unter den kreativen Gutruf-Stammgästen sicherlich schnell eine entsprechende Anekdote konstruieren:

Marlon Brando bleibt in der Tür zum "Gutruf"-WC stecken. Helmut Qualtinger, mittelschwer alkoholisiert, eilt ihm zu Hilfe und versucht ihn herauszuziehen. Brando meint enerviert, das Ganze sei ihm vollkommen unverständlich, da er eh in einer Zucchini-Diät stecke. "Zucchini-Diät??", fragt Quasi verwundert, dem es schon bei dem Wort Diät ordentlich graust. "Ja", antwortet Marlon Brando, "Ich darf alles essen außer Zucchini."

 

Eingeführt werde ich an diesem Donnerstag-Nachmittag in einen kleinen Kreis von Gutruf-Eminenzen, darunter der schon erwähnte ehemalige Kabinettschef, von dem eifrigen Stammgast Erwin E., einem Kabarettisten, Liedermacher und Theaterprinzipal, der im Dezember mein erstes Stück "Dritte Halbzeit" im "Kaisermühlener Theater Werkl" aufführen wird.

Natürlich bin ich als Krimiautor und unter Fünfzigjähriger eine Quantité négligeable unter den anwesenden Kapazundern, verhalte mich dementsprechend still und lausche ergriffen den Eminenzen, derweil mir Erwin E. ihre jeweiligen Namen und (ehemaligen) hohen Positionen (nix unter einer ordentlichen Professur an irgendeiner Akademie) ins rechte Ohr raunt.

Auch ein jüngeres, deutsches Touristenpaar hat sich heute mitten im "Gutruf" niedergelassen, bestellt Kaffee und Kuchen und beginnt dann, dem Kellner und Koch Christopher leise Fragen nach einzelnen Porträtierten der beeindruckenden Fotogalerie an den Wänden zu stellen, wobei es Berühmtheiten wie Helmut Qualtinger und Udo Proksch auf Anhieb erkennt. Der Asiate antwortet nicht, und das nicht einmal unfreundlich.

Die Deutschen versuchen auch, sich den halben Propellerflügel, das kleine Schild mit der Aufschrift "Loge 6" und einen riesigen Karton mit der Aufschrift "Joe Berger" an den Wänden sowie die zahlreichen, einzelnen Spielkarten am Plafond zu erklären. Zum Glück, denke ich, dringen sie aber nicht in das Hinterzimmer vor, wo neben Grafiken von längst berühmten Stammgästen wie etwa Adolf Frohner und Günther Brus auch bedeutend weniger hochgeistige Schildchen und Sprüche wie "Besser Fremdenverkehr als gar keiner" und "Mutti's Tuttis" prangen.

Im Gegensatz zu solchen Erscheinungen sind die illustren Stammgäste des "Gutruf" jedenfalls leicht zu erkennen. Sie sind in der Regel graumeliert bis weißhaarig, rauchen wie die Fabriksschlote, und man hat das unbestimmte Gefühl, sie vor Jahren öfters in den Zeitungen und im Fernsehen gesehen zu haben.

 

Da ich nach einem relativ anstrengenden Tag hungrig bin, bemerke ich, daß die Stammgäste an Eßbarem eigentlich nur harte Eier, Wurstbrote mit Essiggurkerl und geröstete Leber bestellen und nie nach einer Speisekarte fragen, die es möglicherweise auch gar nicht gibt. Einer von ihnen hat zu seiner gerösteten Leber Stäbchen geordert, und das hätte mir eigentlich verdächtig vorkommen müssen.

Aber schon stellt ein Teller mit einer riesigen Portion vor mir. Das Gericht enthält tatsächlich Schweinsleber und Zwiebel, aber kaum Saft und überhaupt keinen Majoran, dafür aber wahrscheinlich ca. siebzehn chinesisch-indische Gewürze.

Ansonsten habe ich den Donnerstag Nachmittag in der altehrwürdigen Institution "Gutruf" aber durchaus genossen.

Manfred Wieninger

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