Stories_Erinnerungen

Gewöhnungssprengen

Es könnte der Titel eines modernen Romanes aus deutschsprachiger Feder sein. Doch auch anderswo werden verkrampfte Begriffe ersonnen. Beim Militär zum Beispiel.    18.11.2010

Für den Bus habe ich einen Seniorenausweis, aber das sieht man mir noch nicht an. Manchmal fahre ich auf den Rathausplatz und werfe einen Blick auf die Partezettel in den Auslagen der städtischen Bestattung. Nachschauen, ob er mich schon geholt hat. Dabei ist ja nicht einmal sicher, ob ich überhaupt jemals sterben werde. Damals jedenfalls, in der Viertelsekunde, als ich wie ein von einem boshaften Kind langgezogener Regenwurm über den Erdwall flog, in dieser unendlich langen Viertel- oder Achtelsekunde in der Luft ist mein Leben nicht wie ein Film vor mir abgelaufen, so ein Quatsch übrigens. Ich hatte nur das prekäre Gefühl, als sei ich zugleich tot und unsterblich. Diese komische Gefühl hat seltsamerweise über die Jahrzehnte angehalten. Meine Sterblichkeit wird wohl erst bewiesen sein, wenn ich tot im Bett liege. Oder in der Duschtasse. Letzteres wäre mir ein bißchen unangenehm, aber eigentlich man muß schon froh sein, wenn man nicht auf der Klobrille die Patschen streckt.

Im Übrigen kann mich nur noch erinnern, daß TNT eigentlich ein recht kommoder Sprengstoff wäre. Man könnte auf ihm herumtrampeln, ihn mit dem Feuerzeug anzuzünden versuchen, ja ihn sogar beschießen, ohne daß etwas passieren würde. Theoretisch. Praktisch haben wir uns das alles natürlich nicht getraut, außer die würfelförmigen, grüngrauen TNT-Blöcke ganz still in der Hand zu halten beim Gewöhnungssprengen. Jeder bekam ein halbes Kilo davon, die Würfel glichen einem größeren Stück Seife, fühlten sich für mich an wie die steinharte Kriegsseife, von der meine Großmutter noch ein Stück aufbewahrte zur Erinnerung an harte, an wirklich harte Zeiten, in denen selbst das Waschen eine Tortur gewesen sein muß.

Ich kann mich an all die Keksträger nicht mehr erinnern, die mit uns zur Schießstätte marschierten, die von der Kaserne einige Kilometer weit entfernt lag. Jedenfalls trugen sie nur ein Walkietalkie, wir jedoch jeder circa 40 Kilogramm an Ausrüstung in zwei Rücksäcken, inklusive Gewehr und Klappspaten und so unglaublich sinnvoller Dinge wie einem dicken Pullover und einer Winterjacke mitten im Sommer, einem zusammengelegten Ein-Mann-Zelt mit jeder Menge an Metall-Heringen und einem zweiten Paar noch schwererer Stiefel als die Böcke, die wir trugen.

Die Ausbildner waren in der Regel gescheiterte Bäckerlehrlinge und davongelaufene HTL-Schüler, die Offiziere stammten entweder aus alten Nazi-Familien oder sie waren aalglatte, arrogante Alkoholiker, die fest gewillt waren, für den Rest ihres Lebens eine ruhige Kugel zu schieben. An Individuen kann ich mich selbst beim besten Willen nicht mehr erinnern, irgendwie waren sie alle gleich. Auch das Gesicht des Vizeleutnants sehe ich nicht mehr vor mir, der mir beibrachte, wie man eine Sprengkapsel an ein Stück Zündschnur "anwürgte". Sprich, man steckte die Lunte in ein harmlos aussehendes, kurzes Aluminiumröhrchen, das den Initialsprengstoff enthielt, und drückte das Ganze mit einer speziellen, massiv-gußeisernen Zange an. Der Sprengstoff in dem Röhrchen war nun aber gar nicht so träge wie das gute alte TNT, sondern hochexplosiv. So mancher von uns geriet jedenfalls bei der Arbeit mit der Würgezange gehörig ins Schwitzen. Die Sprengkapsel hatte an ihrem verschlossenen Ende ein Schraubgewinde, und damit konnte man sie in das halbe Kilo TNT drehen, in das ebenfalls ein passendes Gewinde eingegossen war. Das Ganze sah letztlich irgendwie aus wie ein Stück Fichtennadelseife mit einer dünnen, schwarzen Weidenrute oder so drinnen, nur daß es jetzt eine scharfe, tödliche Bombe war.

Dann hieß es wieder einmal warten, beim Militär ein nicht gerade unüblicher Vorgang. Eigentlich bestand der Barras nur aus Warten, die paar Minuten am Tag, wo man angeschnauzt und herumgehetzt wurde, zählten nicht wirklich.

Irgendwann einmal wurden je zwei von uns aufgerufen und gingen mit ihrem sprengbereiten, halben Kilo TNT - begleitet jeweils von einem älteren Unteroffizier - hinter einem knapp mannshohen Erddamm in Stellung und zündeten, nur eineinhalb oder zwei Meter voneinander entfernt, nach Kommando ihre Bomben. In den circa 20 Sekunden, während der die Lunte abbrannte, rannten sowohl die beiden Rekruten als auch die beiden Ausbilder die paar Schritte hinter den Damm zurück und warfen sich zu Boden. Dort bekamen sie mit dem Rest der Truppe nach jeder Doppelsprengung Dreckbrocken und Erde und zerfetzte Grasstöcke ab, die vom TNT turmhoch in die Luft gerissen wurden und dann wieder zu Boden fielen.

Ich kann mich noch erinnern, daß bei meinem ersten Zündversuch der Kopf des Streichholzes glatt abbrach, während die Lunte meines Nachbarn bereits brannte und der Kamerad und sein Unteroffizier kommod über die Dammkrone spazierten, um sich dahinter in Deckung zu begeben. Mein Ausbilder zögerte keine Sekunde und gab mir zum zweiten Mal das Kommando zum Zünden. Ich wuselte hektisch ein weiteres Zündholz aus der Streichholzschachtel, setzte es mit plötzlich schwitzender Hand auf die Reibfläche und zog es ab.

Nichts.

Der dunkelbraune Kopf des Streichholzes hat eine winzige, gelbgrüne Stichflamme von sich gegeben und war dann mit einem Mal verkohlt.

Die Zündschnur brannte jedenfalls nicht, ganz und gar nicht.

Mein Ausbilder sah mich einen kurzen Moment an, als hätte er plötzlich den Verstand verloren, und gab dann zum dritten Mal das Zündkommando, während keine zwei Meter neben uns die Lunte des Kameraden schon fast in das TNT hineingebrannt war.

Ich ließ die Zündholzschachtel fallen, sprang wie ein gestochenes Kalb auf die Füße, lief die drei Schritte auf den Damm hinauf, setzte im Laufschritt über die Dammkrone und hechtete dann mit meinem großen, schweren Körper waagrecht von der Dammkante in die fette, heiße Sommerluft. Als ich keuchend und hysterisch auf der Wiese aufschlug, befand sich der Vizeleutnant gerade im Hechtsprung von der Dammkante und gleichzeitig explodierte die Ladung.

Der Idiot wurde nicht einmal verletzt, jedenfalls nicht wirklich.

Sich über Kaderpersonal offiziell zu beschweren war damals genauso erfolgversprechend wie über den Tod Klage zu führen. Deshalb bin ich nie zum Rapport gegangen und habe auch sonst kein Wort über den Vorfall verloren.

Nur dieser irrationale Glaube an die eigene Unverwundbarkeit ist mir geblieben.

Manfred Wieninger

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