Stories_Zeitgeschichte

Niederösterreich, Mai 1945

Massaker in Hofamt Priel: Revierinspektor Winkler und eines der größten ungelösten Rätsel der österreichischen Kriminalgeschichte.
Von Manfred Wieninger    02.09.2010

Am 3. Mai 1945 um circa halb vier Uhr morgens stürmt ein SS-Mann mit gezogener Pistole das Krankenzimmer des sogenannten Judenauffanglagers in Hofamt Priel im niederösterreichischen Strudengau, in dem die beiden ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter Regina Solt und Ing. Eugen Kalmar unruhig auf zwei Pritschen schlafen.

"Also hier liegen die Kranken", meint der nächtliche Besucher laut und vernehmlich, gibt drei Schüsse in den Plafond ab und entfernt sich sogleich wieder, wobei er sorgfältig die Tür hinter sich schließt.

"Ein Angehöriger eines Mordkommandos, dem nach dutzenden Morden anscheinend die Lust am Töten vergangen war", urteilt die Historikerin Eleonore Lappin-Eppel. Denn zum Zeitpunkt dieses seltsamen Aktes der Gnade liegen in den drei Baracken des Lagers, das sich am Donaustrand westlich des Schlosses Persenbeug befindet, 26 Tote und Sterbende, meist marschunfähige Greise, aber auch Kinder, die von einem acht- bis zehnköpfigen Rollkommando der Waffen-SS auf ihren Pritschen ermordet worden sind. Weitere 197 Lagerinsassen haben die SS-ler in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 - die Regierung Renner amtiert bereits in Wien - nacheinander im Abstand von ein bis zwei Stunden in drei Gruppen aus den Baracken getrieben und in einer Entfernung von circa 15 bis 20 Gehminuten auf dem Gebiet der Persenbeuger Nachbargemeinde Hofamt Priel erschossen.

Die Leichen werden mit Benzin übergossen und angezündet, wobei der vorherrschende starke Regen die Flammen bald löscht. Die drei Exekutionsorte sind gut gewählt, es handelt sich jeweils um tiefe, grabenartige Geländeeinschnitte im sogenannten Priel, einem kleinen Teil der riesenhaften Böhmischen Masse, der ein paar Rotten von Bauerngehöften, Wiesen und Felder auf seinem Rücken trägt und nicht sehr steil zum nördlichen Donauufer hin abfällt. Bevor die Täter mit den nächtlichen Exekutionen beginnen, verbreiten sie in umliegenden Häusern und Gehöften, in denen Wehrmachtsangehörige einquartiert sind, die Nachricht, daß man sich über etwaige Schüsse nicht zu beunruhigen brauche, da die SS eine militärische Nachtübung durchführe.

 

Ab Anfang April 1945 werden zehntausende ungarisch-jüdische ZwangsarbeiterInnen aus dem gesamten Osten der damaligen Ostmark, viele davon aus Wien, in Todesmärschen Richtung KZ Mauthausen getrieben.

Bei diesen von Eichmanns Sondereinsatzkommando, von den Gau- und Kreisleitern der NSDAP schlecht geplanten Evakuierungsmärschen, die zumeist von Volkssturmmännern und Gendarmerie, aber auch von Gestapo und Waffen-SS eskortiert werden, gibt es kaum Trinkwasser und so gut wie keine Verpflegung für die Juden. Übernachten müssen sie bei kühlen Frühjahrstemperaturen im Freien. Da die Wachmannschaften knapp sind und befürchten, in die Hände der vorrückenden Roten Armee zu fallen, lassen sie Erschöpfte, die nicht mehr weitermarschieren können, bisweilen zurück. Diese werden später von der Gendarmerie quasi eingesammelt und zu Nachzüglertransporten zusammengestellt.

Auch im Landkreis Melk können hunderte ungarisch-jüdische ZwangsarbeiterInnen nicht mehr weiter. Auf Befehl des Gendarmerie-Kreises Melk wird für sie am 25. April 1945 ein sogenanntes Judenauffanglager in Hofamt Priel, einer kleinen Nachbargemeinde von Persenbeug eingerichtet. Der Gendarmerieposten Persenbeug requiriert für diesen Zweck drei leerstehende Zwangsarbeiterbaracken der Rhein-Main-Donau AG am Donauufer westlich des Schlosses Persenbeug und teilt den bald über 200 Insassen nach einiger Zeit Lebensmittelkarten des Landratsamtes Melk zu, da sich der Persenbeuger Bürgermeister Josef Maier weigert, für die Juden Verpflegung und Stroh bereitzustellen.

"Wie aus Berichten von Überlebenden hervorgeht, bemühte sich die Gendarmerie, die erschöpften, ausgehungerten Menschen sofort zu verpflegen, wobei sie sich an die Zivilbevölkerung um Hilfe wandte", weiß die Historikerin Eleonore Lappin-Eppel zu berichten, die als führende Expertin für diese Todesmärsche gilt. Die Bewachung des Lagers durch die Gendarmerie ist lax, in der Nacht fehlt sie völlig. Frauen und Kindern wird auch tagsüber erlaubt, um Nahrung betteln zu gehen.

 

Am frühen Morgen des 3. Mai 1945, nur wenige Stunden nach dem Massaker, nimmt der stellvertretende Kommandant des Gendarmeriepostens Persenbeug, Revierinspektor Franz Winkler, ein erfahrener, damals zweiundfünfzigjähriger Gendarm, förmliche Ermittlungen gegen die SS-Massenmörder auf, die am 2. Mai 1945 um circa 22 Uhr 30 mit zwei PKWs aus der Richtung Ysper, Altenmarkt über die Höhenstraße Pemperreith - Eben - Führholz nach Hofamt Priel gekommen sind und die Tatorte am 3. Mai 1945 um circa 4 Uhr früh auf demselben Wege wieder verlassen haben.

Sechs zum Teil schwer verwundete Überlebende des Massaker läßt Revierinspektor Winkler zum Gendarmerieposten am Persenbeuger Hauptplatz bringen und vernimmt sie eingehend, wobei aufschlußreiche Protokolle entstehen. Mit Hilfe des Landrates von Melk, Leopold Convall, läßt er die überlebenden Opfer in einem DRK-Wagen ins Krankenhaus Melk chauffieren, wo sie von Spitalsverwalter Franz Güttler versteckt werden und so überleben.

Der Revierinspektor verhört auch einige lokale Zeugen, darunter den damals 64-jährigen Zimmermann Karl Brandstetter, und protokolliert ihre Aussagen. Die erste Gruppe der ungarisch-jüdischen ZwangsarbeiterInnen war keine 20 Meter von dessen Haustür entfernt erschossen worden, durch ein Guckloch in der Tür war der 11-fache Familienvater Augenzeuge der Tat geworden. Bis heute hält sich in Persenbeug hartnäckig das Gerücht, daß Brandstetter einen lokalen Helfer erkannt hätte. In der von Revierinspektor Winkler verfaßten Vernehmungsniederschrift ist jedoch davon nichts zu lesen, obwohl die Szenerie des Massenmordes durch die aufgeblendeten Scheinwerfer der beiden Autos leidlich gut beleuchtet war, um den Schützen gutes Schußfeld zu bieten.

Da der Einmarsch der Roten Armee unmittelbar bevorsteht, bemüht sich Winkler im Übrigen, das Massaker als alleinige Tat eines auswärtigen SS-Rollkommandos darzustellen und die gute Behandlung der Lagerinsassen durch Gendarmerie und Bevölkerung herauszustreichen. Auffallend ist, daß kein einziges der Vernehmungsprotokolle vom 3. Mai 1945 vom Persenbeuger Postenkommandanten Gendarmeriemeister Engelbert Duchkowitsch unterzeichnet wurde, was bei einer militärisch-hierarchischen Organisation wie der damaligen Gendarmerie als ausgesprochen irritierend zu werten ist.

Die 223 zum Teil halb verbrannten Leichen der Opfer werden am 5. Mai 1945 von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in einem Acker in Hofamt Priel begraben. Am 8. Mai 1945 marschieren sowjetische Truppen in Persenbeug ein. Am 10. Mai 1945 erschießt der Kommandant des dortigen Gendarmeriepostens seine Gattin sowie seine drei Kinder im Alter von 15, fünf und drei Jahren und richtete sich danach selbst mit Kopfschuß.

 

Als Revierinspektor Winkler im Jänner 1946 zum Gendarmerieposten Mautern bei Krems versetzt wird, kommen die ohnehin schleppend geführten gerichtlichen Ermittlungen und die Fahndung nach den unbekannten Tätern praktisch zum Erliegen.

Durch eine Anzeige von Klemens Markus (siehe den Hintergrundbericht weiter unten) kommt das Verfahren 1948 wieder ins Rollen. Vom Kreisgericht Krems wird auch Revierinspektor Winkler vernommen, der nun zwei Verdächtige nennt, die als lokale Helfer der Massenmörder von Hofamt Priel fungiert haben könnten. Zum einen den HJ-Bannführer Alfred Weidmann, der zum Zeitpunkt der Tat in Persenbeug urlaubte. Zum anderen den SS-Oberscharführer N. Fricke aus dem Rheinland, der zur Zeit des Massakers Leiter des Lagers für volksdeutsche Umsiedler in Persenbeug war.

Revierinspektor Winkler hatte am 7. Mai 1945 versucht, den aus Persenbeug flüchtenden Fricke zu verhaften, war aber von SD-Männern daran gehindert worden. In der Folge wird von verschiedenen österreichischen Gerichten Winklers Hinweisen und weiteren Spuren allenfalls im Schneckentempo nachgegangen.

1964 müssen die Opfer von Hofamt Priel exhumiert werden, da der Grundbesitzer eine Räumung des Massengrabes verlangt. Am Israelitischen Friedhof in St. Pölten werden sie neuerlich bestattet. Im Jahr zuvor wird das Gerichtsverfahren gegen die bis heute unbekannten Täter eingestellt und nie wieder aufgenommen. 1967 verstirbt Revierinspektor Franz Winkler, der bis zuletzt Interesse an der Aufklärung seines größten Falles gezeigt hatte.

Manfred Wieninger

Der Fotograf des Grauens


Der aus Nemtschitz im Bezirk Brünn gebürtige, 55-jährige Privatangestellte Klemens Markus hat Mitte April 1945 gemeinsam mit Frau und Kind seine Wohnung in der Gärtnergasse 17/8 im dritten Wiener Gemeindebezirk verlassen und war Richtung Westen geflüchtet.

Auf der Flucht wird er von seiner Familie getrennt und bleibt in Persenbeug hängen, wo er in einer Gärtnerei arbeitet, um nicht zu verhungern. Am Vormittag des 3. Mai 1945 fotografiert er die Opfer des Massakers von Hofamt Priel. Insgesamt macht er mit einer Zeiss Ikon 16 Aufnahmen.

"Klemens Markus machte diese Bilder einerseits um NS-Gräuel zu dokumentieren, andererseits um den Hinterbliebenen bei der Identifizierung der Opfer zu helfen", weiß die Historikerin Eleonore Lappin-Eppel. Damit produziert der Fotograf aber auch wichtige Sachbeweise in einem der größten, heimischen Kriminalfälle, die ihn schließlich selbst in Gefahr bringen.

"Beim Fotografieren wurde ich von einem Bauern beobachtet, der es überall erzählte, und so war ich der SS und ihren Anhängern ausgeliefert und flüchtete in einen Wald und erst durch den Einmarsch der russischen Soldaten kam ich zurück", schreibt Markus in einem im Mai 1945 verfaßten Bericht über das Erlebte. In diesem Zeitraum versuchte er in Wien vergeblich, offizielle Stellen für seine Fotografien zu interessieren.

Im Jänner 1948 erstattete er beim Wiener Landesgericht für Strafsachen Anzeige gegen die Massenmörder von Hofamt Priel und legte zur Untermauerung seine Fotos vor. "Die Negative von diesen Aufnahmen und noch weitere befinden sich in meinen Händen", erklärt er dem Staatsanwalt.

Im Gerichtsakt über das Massaker vom Hofamt Priel, der im Wiener Stadt- und Landesarchiv aufbewahrt wird, findet sich heute aber kein einziges Foto mehr. Der Krimiautor Manfred Wieninger, der derzeit einen historischen Tatsachenkrimi über die von dem mutigen Wiener Fotografen dokumentierten Massenmorde schreibt, sucht nun Nachfahren von Klemens Markus, die vielleicht über seinen Nachlaß verfügen.

Hinweise bitte an diese Mailadresse.

 

PS: Im Jahr 2000 erscheint der Bildband "Hofamt Priel in alten Ansichten", wobei dem Herausgeber Friedrich Schabschneider alte Fotografien und Ansichtskarten von der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden, die er nach Drucklegung wieder den jeweiligen Eigentümern retourniert. Mitten in dem idyllisch-lokalhistorischen Werk sind irritierenderweise auch drei schaurige Markus-Fotos von Leichenhaufen zu finden. Auf Anfrage konnte sich der Herausgeber im Jahr 2005 nicht mehr daran erinnern, wem in Hofamt Priel er diese Aufnahmen zurückgegeben hat.

Kommentare_

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Martin Peirl - 18.03.2012 : 19.56
Warum überrascht mich das bloß nicht?
der Doc - 19.03.2012 : 09.16
Vielleicht, weil´s irgendwelche klischeehaften Erwartungen erfüllt ...?

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