Kino_Film-Tips 8/2007

Auf der Flucht

Es wird erstaunlich viel weggelaufen im August-Kino: vor Zombie-Meuten, Riesenrobotern und Nazis zum Beispiel. Aber auch vor der eigenen Verantwortung und dem Erwachsenwerden.    13.08.2007

Christoph Prenner

Beim ersten Mal

(Knocked Up)


Worum geht´s?

Um einen verkifften WG-Taugenichts und eine ambitionierte Jung-TV-Journalistin. Um eine schwer alkgetriebene Nacht, in der sich die beiden kennen und begehren lernen - ein One-Night-Stand mit fatalen Folgen: Aus alkoholgeschwängert wird real geschwängert. Letztendlich geht´s also darum, ob und wie sich das ungleiche Paar mit der Situation und vor allem mit dem doch jeweils recht disparaten Lebensstil des anderen arrangieren kann - also um die Frage: Bong oder Baby?

 

Was kann man sich erwarten?

Daß es Judd Aparow als einer von ganz, ganz wenigen Regisseuren versteht, RomComs zu fabrizieren, die sogar Männer nicht schreiend aus dem Kino laufen, sondern lachend darin verharren lassen, hat er schon mit "The 40 Year Old Virgin" bewiesen. Nach demselben Muster wie der Überraschungs-Blockbuster von vor zwei Jahren funktioniert auch "Knocked Up" (der viel passendere Originaltitel): Man nehme das klassische Boy-meets-Girl-Schema, besetze den männlichen Part aber mit einem zumindest auf den ersten Blick nicht gerade liebenswerten Typen (hier: der bisherige Frat-Pack-Zweitligist Seth Rogen) und versetze das ganze mit mehr dreckigen Witzen, als Meg Ryan in ihrem ganzen Leben je gehört hat. Das Ergebnis ist dann so amüsant wie herzrührend - oder auch die Konsens-Romantik-Sommerkomödie, die Unfug wie "Lizenz zum Heiraten" gern wäre.

P. S.: Was man sich außerdem erwarten kann: die wohl "realistischste" Geburtsszene nicht nur der jüngeren Filmgeschichte. Nix für schwache Nerven.

 

Wann geht´s los?

24. August

 

Einschlags-Wahrscheinlichkeit: 80 %

Links:

28 Weeks Later


Worum geht´s?

Um die Rückkehr des Zombie-Virus, den man "28 Days Later" eigentlich schon besiegt wähnte. Darum, daß nun London aber nicht nur brennt, sondern auch noch von US-Soldaten heimgesucht wird, die im Bemühen um Deeskalation alles noch viel schlimmer machen. Im Kern aber auch um eine verstörende Familiengeschichte, in deren Zentrum der wie immer feine Robert Carlyle als Vater zweier Kinder und vermeintlicher Witwer steht.

 

Was kann man sich erwarten?

Wie ich es dem Kollegen Jürgen F. schon ins Handtelefon diktiert hab: "28 Weeks Later" verhält sich zu seinem Vorgänger in etwa so wie "Aliens" zu "Alien". Der Vergleich drängt sich nicht nur wegen des Hinzukommens des wie so oft deplazierten Amerikaners auf, sondern generell wegen der latent spürbaren "Größer, wilder, ärger"-Attitüde, die sich durch den Film zieht. Umso verwunderlicher (im positiven Sinne) ist diese Entwicklung, weil hinter dem "28 Days Later"-Sequel kein europäischer Neo-Cameron steckt, sondern der bislang eher als Autorenfilmer bekannt gewesene Spanier Juan Carlos Fresnadillo ("Intacto"). Mehr über DEN adrenaline ride dieses Spätsommers demnächst in aller gebotenen Ausführlichkeit.

 

Wann geht´s los?

31. August

 

Einschlags-Wahrscheinlichkeit: 85 %

Links:

Transformers


Worum geht´s?

Um das blechverschleißende Gerangel zweier verfeindeter Roboterdynastien, die sich auf Planet Erde einen ultimativen Showdown liefern. Und um einen Erdenjungen, der da auch mitmischt - irgendwie halt.

 

Was kann man sich erwarten?

Die beste Effektarbeit des Jahres. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Weil: Wenn er was beherrscht, der Michael Bay, dann - wie es andernorts so schön stand - die Kunst, Dinge in aller Pracht kaputtzumachen und kleinzuhauen. Da macht ihm keiner was vor. Dementsprechend mächtig kommen die diversen Roboter-Battles dann auch daher. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß man es zuerst einmal soweit geschafft hat. Das durch zig unnütze Subplots völlig aufgeblähte Set-up beweist nämlich leider auch wieder einmal Bays eklatantes inszenatorisches Unvermögen. Und mit echten Schauspielern sollte er wohl auch besser nicht mehr arbeiten. Wo steckt eigentlich Ridley Scott, wenn man ihn braucht? Bei dem könnte der Bay doch technischer Assistent oder ähnliches werden. Das wär´ doch mal was.

 

Wann geht´s los?

2. August

 

Einschlags-Wahrscheinlichkeit: 60 %

Links:

Fantastic Four - Rise Of The Silver Surfer


Worum geht´s?

Um ein weiteres Kapitel in einer weiteren potentiell sehr, sehr langlebigen Marvel-Superhelden-Kinosaga. Um Filmwerdung Nummer zwei der Fantastischen Vier also. Und um die Erkenntnis der Heroen, daß es da draußen auch noch andere Wesen mit Superkräften gibt - den Silver Surfer zum Beispiel.

 

Was kann man sich erwarten?

Es galt lange Zeit als eine der heißdiskutiertesten Fragen der Comic-Liebhaber des Planeten: Wer würde sich an eine cineastische Umsetzung des Silver Surfer wagen? Tja, und dann wurde es halt Bernd Eichinger ... Wie wenig befriedigend der Weta-Constantin-Surfer aussieht, kann man ja schon den diversen Trailern entnehmen. Aber es ist, was es ist: Eichinger bzw. sein Adjutant Tim Story versuchen im Gegensatz zu den Singers, Raimis oder Del Toros erst gar nicht, Fanboy- und Massengeschmack unter einen Hut zu bringen oder gar eine eigene Vision zu entwickeln. Dabei hätten gerade die FF das Potential zu richtig knackigem Popcorn-Kino. Aber wenn man den Leuten auch Styropor mit Geschmacksverstärkern verkaufen kann ...

 

Wann geht´s los?

14. August

 

Einschlags-Wahrscheinlichkeit: 50 %

Links:

Black Book


Worum geht´s?

Um eine attraktive jüdische Sängerin, die in den Niederlanden gemeinam mit ihren Eltern auf der Flucht vor den Nazis ist. Nachdem Papa und Mama durch einen Hinterhalt ums Leben kommen, schließt sie sich dem nationalen Widerstand an. Ihre Mission: Sie soll sich unter falscher Identität an einen Nazi-Bonzen ranschmeißen und ihm Geheimnisse entlocken. Daß dabei aber die Liebe ins Spiel kommt, damit konnte klarerweise keiner rechnen ...

 

Was kann man sich erwarten?

Die kreative Wiedergeburt des Paul Verhoeven. Nach fast einem halben Jahrzehnt Pause (die "Hollow Man", seinem wohl schlechtesten Film, folgte) und der Rückkehr in seine holländische Heimat hat der Mann offenbar seinen Basic Instinct wiederentdeckt, und der liegt nun mal im Trash-Kino mit Ambition. So nimmt sich seine Expedition in die Nazi-Niederlande auch wie ein ebenso grotesker wie großartiger Mix aus fintenreichem Thriller, deftigem Schundroman und unzimperlicher Geschichtsstunde aus - und ist wohl gerade deshalb in der Annäherung an das Grauen treffender als fast alle politisch peinlich korrekten Machwerke zum Thema. Zudem ist Carice van Houten die Entdeckung des Jahres.

 

Wann geht´s los?

15. August

 

Einschlags-Wahrscheinlichkeit: 85 %

Links:

Clerks 2 - Die Abhänger

(Clerks II)


Worum geht´s?

Um die Rückkehr der lustigsten Ladenhüter der neunziger Jahre. Darum, daß sich in zehn Jahren manches verändert hat, aber noch viel mehr gleichgeblieben ist. Darum, Entscheidungen zu treffen - oder auch nicht. Um die Macht von Freundschaft. Und um die Frage, ob man zu einem Schwarzen porch monkey sagen darf.

 

Was kann man sich erwarten?

In erster Linie Derbheiten ohne Pause. Diskussionen über die richtige Abfolge von Oral- und Analverkehr und darüber, wie schwul "Herr der Ringe" denn nun wirklich ist. Zudem noch angedeutete und auch tatsächlich praktizierte Sodomie (Stichwort: inter-species erotica) und auch sonst noch so einige Schweinereien, die hier den Rahmen (und die Grenzen des guten Geschmacks) sprengen würden.

Letztendlich geht´s aber auch hier darum, daß ein Filmemacher wieder zu seiner Form gefunden hat. Man hat fast den Eindruck, daß Kevin Smith genau dieses Wiedersehen mit seinen Slacker-Typen gebraucht hat, um nach Schmarren wie "Jersey Girl" wieder auf Touren zu kommen.

 

Wann geht´s los?

31. August

 

Einschlags-Wahrscheinlichkeit: 70 %

Links:

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