Kino_Kill Bill, Vol. 1

Stirb an einem anderen Tag

Durch Schnitt zum Durchschnitt? Zumindest die halbe Miete des vierten Films vom designierten König des "Cinema of Cool" hinterläßt einen etwas zwiespältigen Eindruck.    16.10.2003

Unfinished Symphony. Er hat also erneut erbarmungslos zugeschlagen, zum zweiten Mal in diesem Jahr: jener Umstand, der einen nach durchwachsenem (Wieder-)Einstieg in eine auf mehrere Teile aufgesplittete Geschichte zumindest auf Rehabilitation in der Fortsetzung hoffen lassen muß. Nennen wir ihn der Einfachheit halber den "Matrix"-Faktor.

Der Kardinalfehler des Films "Kill Bill, Vol. 1" ist, daß er gar kein Film ist, wenigsten kein ganzer, in sich geschlossener. Diesen Vorwurf kann man den Wachowski-Brüdern nicht machen, Tarantino und "Mr. Miramax" Harvey Weinstein aber schon. Denn einen - trotz gewohnter Verschachtelungen und Rückblenden - ohnehin schon recht ausgedünnten Handlungsfaden auch noch in der Mitte und damit relativ willkürlich durchzutrennen, dürfte zwar aus merkantilen, wohl aber kaum aus ästhetischen Gesichtspunkten einleuchtend erscheinen.

Eine Profikillerin (emphatisch: Uma Thurman) erwacht vier Jahre, nachdem sie am Tag ihrer Hochzeit von ihrem einstigen Liebhaber und Boß Bill (David Carradine) sowie ihren ehemaligen KollegInnen der Deadly Viper Assassination Squad vermeintlich über den Jordan geschickt wurde, aus dem Koma. Woraufhin die Frau rot sieht und quer durch die Weltgeschichte tingelt, um mit den ehemaligen Gang-Mitgliedern und zu guter Letzt auch Bill (leider erst im zweiten Teil) auf blutigmöglichste Art und Weise abzurechnen. "Vol. 1" führt uns dabei unter anderem nach Japan, wo das Mördermädchen es mit der Yakuza-Chefin O-Ren Ishii (Lucy Liu) zu tun bekommt. Enter Blutrausch.

Wenn Tarantino in einem Interview den "Kill Bill"-Filmen den Gegenwert von ein paar Big Macs zuordnet, so trifft er damit exakt den Punkt: Beide zeigen flüchtig Wirkung, sind schnell verdaut und haben längerfristig erstaunlich wenig Substanz. Ihm, dem Meister des postmodernen Hantierens mit Genre-Bausteinen, kann seine Arbeit gar nicht voll genug gestopft sein mit smarten Referenzen und selbstgenügsamen Querverweisen, solange sie nur simpel und effektiv sind. Den Inhalt ganzer Videotheken im Hinterkopf, bedient er sich ungeniert des schillernden Fundus´ der A- und B-Movie-Geschichte und scheut inzwischen auch vor Selbstzitaten nicht mehr zurück. Kein Zweifel, Tarantino beherrscht sein Handwerk; davon legen zahlreiche hochstilisierte, grandios choreographierte Gewaltausbrüche eindrucksvoll Zeugnis ab. Wenn Uma beim ultrablutigen Abgesäble von Bösewichten-Extremitäten die Dirty Harriet im kanariengelben Bruce-Lee-Kampfanzug gibt, fühlt man sich wahlweise an Yakuza-Filme, Martial-Arts-Epen oder Monty Python´s "Ritter der Kokosnuß" erinnert.

Die Stärke von "Kill Bill" ist gleichzeitig auch seine Schwäche. So perfekt und imponierend er Spuren anderer Leute Filme in Szene setzt, so wenig kann man dabei, ganz im Gegensatz zu Rodriguez´ effektiverem und weniger auf trügerische Cleverness abzielendem "Irgendwann in Mexiko" etwa, Tarantinos eigenen Film erkennen. Flickwerk, wie man es auch drehen und wenden mag, dessen Kittung auch zum Ende hin eingestreute Trademark-Dialoge nicht mehr zu bewerkstelligen wissen, weil (bisher?) ganz einfach ein erkennbarer Plan fehlt. Und weil die Aneinanderreihung einiger überzeugender Momente zwar Big-Mac-mäßig kurzfristig zu sättigen vermag, diese aber so oder so nur recht leblos zu einem halben Film montiert wurden. Der zweite Teil im Frühjahr wird weisen, was vom erneuten gekünstelten Hype-Geschrei wirklich übrig bleibt. Die Sorte neuer Akzente, die Tarantino dem Mainstream-Kino aus dem Schattenreich des (Semi-)Underground heraus in den vergangenen Jahren einzuimpfen imstande war, sucht man hier bislang vergebens.

 

Christoph Prenner

Kill Bill, Vol. 1

ØØØ 1/2


USA 2003

108 Min.

dt. Fassung und engl. OF

Regie: Quentin Tarantino

Darsteller: Uma Thurman, Lucy Liu, Sonny Chiba u. a.

 

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