Kino_Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street

Razorblade Smile

Johnny Depp schlitzt und singt, bis Ströme von Blut durch die Londoner Straßen fließen und der Gerechtigkeit Genüge getan ist. Schauplatz des Geschehens: Tim Burtons makabres Grusical, das nicht nur der Oscar-Jury zu gefallen wußte.    20.02.2008

Am Anfang steht - wie so oft - ein großes und entsetzliches Unrecht: Unschuldig wird der Friseur Benjamin Barker (Johnny Depp im ultimativen Edelgruftie-Modus) seiner jungen Familie entrissen, weil ein machtbesessener Richter (Alan Rickman) selbst ein Auge auf dessen hübsche Gemahlin geworfen hat. 15 Jahre Gefängnis später kehrt Barker aus der Verbannung zurück, doch die Zeit hat es nicht gut mit seinem Glück gemeint: Seine Frau ist tot, seine Tochter das Mündel eben jenes Richters, der ihn wegsperren ließ, und er selbst ein verbitterter Mann, der seine Rache unter dem Namen "Sweeney Todd" üben wird - und natürlich unter Anleitung des in solchen Angelegenheiten bewährten Regisseurs Tim Burton.

Daß Rache nur wenig mit Gerechtigkeit zu tun hat, zeigt sich sehr bald. "The closest shave I ever gave", den Todd beispielsweise dem Richter verspricht, bekommen auch andere zu spüren, wobei immer wieder reichlich Blut fließt. Schließlich "verdienen wir alle den Tod", finden der Barbier und seine Gehilfin, die bezaubernde Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter). Geschäftssinn besitzen die beiden auch: Derart feines Frischfleisch kriegt man schließlich nicht alle Tage, und Mrs. Lovett kennt ein wirklich hervorragendes Rezept für Fleischpasteten ...

 

An dieser Stelle tritt der für ein Musical recht unerwartete Zynismus zutage: Wenn ein Lied, das die Vorzüge des Kannibalismus preist, "Have A Little Priest" heißt, bringt das zwar viele Zuhörer zum Schmunzeln, könnte manch zartbesaitetem Gemüt aber auch auf den Magen schlagen. Kenner freuen sich jedenfalls darüber, daß Burton mit seinem untrüglichen Gespür für düster-witzige Schrecken dieses ungewöhnliche Broadway-Stück verfilmt hat, ohne sich wie einst bei "Planet der Affen" von den Studiobossen ins Handwerk pfuschen zu lassen.

Gegen Ende des Films, wenn durch tragische, beinahe an Shakespeare erinnernde Verstrickungen ganz London hinter einem Schleier des Grauens verschwindet, erreicht der "Gothic Look" des Films seinen Höhepunkt: Blutrote Ströme auf grauem Stein sind von Anfang an ein Leitmotiv, wobei der kostbare Lebenssaft durch sein sirupartiges, übertriebenes Aussehen als Stilmittel dient. Da gibt es auch beim musikalischen Kehlendurchschneiden niemals ein pietätvolles Wegschwenken - Burton macht keine Gefangenen.

Mit freundlichen Ausflügen ins gute alte London à la "Mary Poppins" hat "Sweeney Todd" ganz und gar nichts zu tun. Beschwingte Ohrwürmer, zu denen man ausgelassen eine Straße entlanghopsen kann, sucht man hier vergebens. Dennoch berühren die Musikeinlagen - etwa, wenn Sweeney mit einem Hauch von Sentimentalität ein Lied für sein Töchterlein intoniert, das er zuletzt als Baby gesehen hat ...

 

And you´d be beautiful and pale
And look too much like her
If only angels could prevail
We´d be the way we were

 

Für Fans klassischer Musicals ist der neue Film des kongenialen Trios Burton/Depp/Bonham Carter zwar trotz alledem nichts, aber die können sich ohnehin an der "Rodgers & Hammerstein Musical Collection" auf DV erfreuen.

Nur zwei der Darsteller (Laura Michelle Kelly und Jayne Wisener) haben übrigens eine Gesangsausbildung genossen. Statt auf goldene Kehlen setzte Burton in "Sweeney Tood" lieber auf schauspielerische Schwergewichte wie Johnny Depp und Alan Rickman. Beide können zwar nicht wirklich singen - aber was soll´s? Hauptsache, das Gefühl stimmt.

Johanna Schönfeld

Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street

ØØØØ 1/2

(Sweeney Todd - The Demon Barber of Fleet Street)

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USA 2007

116 Min.

Regie: Tim Burton

Darsteller: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Alan Rickman u. a.

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