Kino_Yesterday

I saw a film today, oh boy

Eine Welt ohne "Strawberry Fields Forever"? Ohne "All You Need Is Love"? Unvorstellbar! Oder doch nicht? In seinem Musikstreifen "Yesterday" streicht Danny Boyle die Fab Four für wenige Stunden aus der Geschichte. Ein musikalisches Gedankenspiel - leider ohne Tiefgang.    16.09.2019

Was wäre, wenn? Spätestens seit dem "Butterfly Effect” wissen wir, wie folgenschwer diese Frage sein kann. Es braucht nur den Flügelschlag eines Schmetterlings, um einen Wirbelsturm auszulösen ... und ehe man sich´s versieht, erdrosselt sich Ashton Kutcher mit seiner eigenen Nabelschnur.

Doch Eingriffe in der Vergangenheit müssen nicht immer in Mord und Totschlag enden, wie Danny Boyle in seinem Streifen "Yesterday” zeigt. Der Regisseur erschafft in dem Film ein Paralleluniversum, wo es die Beatles nie gegeben hat. Na ja, die Beatles und Coca-Cola. Aber ich greife vor.

Wir befinden uns in einem verschlafenen britischen Küstenstädtchen. Dabei ist "verschlafen" noch gelinde ausgedrückt - das Kaff ist eine absolute Einöde und garantiert kein Pflaster für Musiker, die Karriere machen wollen.

Das weiß auch Jack Malik (Himesh Patel). Der Singer-Songwriter strampelt sich seit Jahren für den großen Durchbruch ab, doch mehr als ein paar müde Klatscher in einem fast leeren Festivalzelt kann er nicht vorweisen. Und dann wird er während eines mysteriösen Stromausfalls auch noch vom Bus angefahren. Der Zwischenfall kostet ihn seine Schneidezähne - und das letzte bißchen Vertrauen in seine Karriere.

"Will you still need me, will you still feed me, when I’m sixty-four?” fragt Jack seine beste Freundin Ellie vom Krankenbett aus. Doch statt einen Witz über seine fehlenden Beißerchen zu reißen, reagiert Ellie verwirrt. Ein paar betont zufällige Anspielungen später dämmert Jack: Niemand kann sich mehr an die Beatles erinnern. Und damit ergreift der Musiker die Chance für seine eigene Karriere.

 

Wie sähe eine Welt ohne die Beatles aus? In den Augen von Regisseur Danny Boyle: nicht sehr anders als die unsere. Die Hippies hat es trotzdem gegeben, sie sind auch ohne musikalische Anleitung mit Lucy im Diamant-Himmel geschwebt und kamen in Woodstock zum Tanzen wieder auf die Füße. Zumindest deutet in der neuen "Gegenwart” nichts auf das Gegenteil hin. Einzig ein paar Kleinigkeiten haben sich verändert: Auch Oasis scheinen die Karrierekurve nie gekratzt zu haben, und als Jack einen Steward nach einer "Coke” fragt, erntet er entrüstete Blicke.

Welchen Zusammenhang es zwischen den Pilzköpfen, "Wonderwall" und einem 140 Jahre alten Erfrischungsgetränk gibt, erfahren wir nicht; ebensowenig wie den Grund, weshalb man von John Lennon, Paul McCartney, Ringo Starr und George Harrison nie auch nur ein "Peace” gehört hat. Aber darum geht es in "Yesterday" auch nicht. Die Frage, von der der Film wirklich handelt, lautet vielmehr: Wäre die Musik der Beatles auch heute noch erfolgreich?

Boyle meint: Ja. Absolut. 100 Prozent. Denn mit den geklauten Songs in petto tritt Jack eine zweite Beatlemania los und wird binnen weniger Wochen vom Nobody zum Weltstar.

Eigentlich ist es ja ein schöner Gedanke, daß gute Musik nie zu alt wird, um Menschen zu berühren. Doch leider wird er nicht zu Ende gedacht. Wieso die Songs die Massen faszinieren, heute wie damals, rückt der Film nicht in den Fokus. Auch nicht, wie die 60er Jahre ohne die Beatles ausgesehen hätten. (Keine Topffrisuren? Kein Hare Krishna?) Oder wie Musikhörer von heute auf einen Song wie "Revolution 9” reagieren würden ... Tatsächlich macht kein einziger experimenteller Song den Cut - was schade ist, da die Fab Four ja für Experimente berüchtigt waren.

Ein paar gute Gags hat das Drehbuch von Richard Curtis ("Notting Hill”) schon auf Lager. So muß der Protagonist McCartneys wohl bekanntesten Song in "Hey Dude” umbenennen. ("Jude klingt ein bißchen altmodisch, oder?”) Auch bei den Namen der Alben gibts Streß mit dem Label. "White Album?” Vergiß es - Rassismusdebatte.

So weit, so lustig. Leider verschwendet der Film zu viel Zeit an eine ganz andere Story, nämlich eine holprige Liebesgeschichte, wie es sie schon in tausenden Hollywood-Filmen gab - nur öder. Seine beste Freundin/ Managerin Ellie (gespielt von Lily James) himmelt Jack ununterbrochen an. Der Zuschauer erkennt das auf den ersten Blick, Jack aber eine Ewigkeit lang nicht. Als sie ihm ihre Gefühle endlich gesteht, reagiert er reserviert und verliert Ellie an einen anderen. Überraschung: Auch wenn Jacks Liebe bis zum Schluß unecht wirkt, gibt es ein Happy End.

Der übrige Cast spielt solide, und vor allem eine Rolle hätte man gar nicht besser besetzen können: Ed Sheeran - als er selbst. Der berühmteste Songwriter unserer Zeit hat mit der Eifersucht zu kämpfen, als Jack mühelos einen Hit nach dem anderen aus dem Ärmel schüttelt. Mit dieser schauspielerischen Punktlandung kann Sheeran seinen gefloppten Gastauftritt in "Game of Thrones” locker wieder wettmachen.

 

 

Kurzum: "Yesterday” ist kein schlechter Film - aber auch keine leidenschaftliche Liebeserklärung an eine Band wie beispielsweise "Bohemian Rhapsody”. Es handelt sich eher um einen Fanbrief mit zittriger Handschrift und Lippenstift-Kußmund. Die Liebe ist da, aber an der Umsetzung hapert´s.

Zum einen fehlt der Original-Soundtrack, da Jack nur Cover-Versionen - und auch die nur von den bekanntesten Songs - spielt. Zum anderen fehlt der Bezug zu dem, wofür die Songs der Beatles stehen: eine Zeit. Ein Lebensgefühl. Peace, Love and Fucking Rock´n´Roll.

Wer eine Lovestory mit gecoverten Tracks sehen will, wird dennoch gut unterhalten. Eingefleischte Beatles-Fans können aber getrost abwarten, bis der Film beim Streaming-Dienst ihrer Wahl erscheint.

Katharina Schmidt

Yesterday

ØØØ

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GB 2019

117 Min.

Regie: Danny Boyle

Darsteller: Himesh Patel, Lily James, Robert Carlyle u. a.

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Fuck The Beatles

aus: Rokko´s Adventures #8


Sie gelten als wichtigste Pop-Band aller Zeiten: die britischen Pilzköpfe, die die Massen zum Kreischen, die Kassen zum Klingeln und die Plattenfirmen zum Re-releasen ohne Ende brachten. Dr. Nachtstrom rechnet für Team Rokko mit seiner eigenen Beatles-Vergangenheit ab und berichtet über Verschwörungstheorien rund um das legendäre Zweimann-Quartett. Ein Mann schreibt sich frei.

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