Kolumnen_Miststück der Woche, Pt. 57

The Beatles: "While My Guitar Gently Weeps"

Wenn es Weihnachten wird, kommen die heiligen Beatles durch den Kamin und bringen den Kindern von heute die Lieder von gestern. Alle Jahre wieder - sagt Manfred Prescher.    04.12.2006

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Die zentrale Frage ist, ob man das darf: Ist es erlaubt, die sakrosankten Stücke der Beatles mit modernen Methoden zu drangsalieren und sie gar zu remixen? Ist den Leuten denn nichts mehr heilig? Viele Fans der Fab Four sind entrüstet, weil das Album "Love" die ewig gleich klingenden Songs von John, Paul, George und Nasenbär in tatsächlich retuschierter Form verabreicht - zumindest, was die Intros angeht.

Aber von mir aus darf man an den Masterbändern ruhig herummanipulieren, sie für die Bonus-Disc durch den 5.1-Quirl jagen und hochpitchen, bis die High-End-Speaker weepen. Und das beileibe nicht nur, weil der Beatles-Hof-Producer George Martin nebst Sohnemann an Reglern und Maus saß. Warum sollten Popsongs so sehr verehrt werden, daß sie im Urzustand für immer und ewig, quasi als museale Tonskulpturen, in den Plattensammlungen verstauben müssen? Echte Götter sind über Coverversionen, Remixe oder Mash-ups doch erhaben. Sollte man zumindest meinen ...

 

Vielleicht liegt der Fall bei "Love" ein wenig anders, weil die CD nebenbei ein weiterer Meilenstein in Sachen Beatles-Vermarktung ist. Dabei heiligt der Zweck bei den Pilzköpfen traditionsgemäß die Geldmittel. Das geht schon seit Ewigkeiten so, spätestens seit den längst legendären roten und blauen Doppelalben. Es herrscht eindeutig immer noch Bedarf daran, die alten Beatles-Kamellen wieder und wieder herauszubringen; noch besser würden sich wahrscheinlich nur komplette CDs mit unveröffentlichtem oder neuem Material verkaufen: "Revolver - Part 2" oder "Sgt. Pepper Revisited".

Aber leider ist der Back-Katalog bis auf die Masterbänder, auf denen Paul McCartney und Yoko Ono in turnusmäßigem Wechsel brütend sitzen, kommerziell ausgepreßt. Und neue Songs kann es nicht geben, weil John und George mausetot sind. Bleibt der Königsweg ab durch die Mitte: Man nehme den alten Krempel, jage ihn durch den Rechner und behaupte dann, man hätte etwas Innovatives geleistet. Quasi die ach-so-schlechten Aufnahmen der 60er Jahre so veredelt, daß man sie heute anhören kann, ohne daß das zeitgenössische High-Tech-Ohr Schaden nimmt.

Mir persönlich haben die alten Versionen gereicht, ein Röhrenverstärker kommt mit den analogen Klassikern prima zurecht. Meinetwegen kann es die Beatles auch in 5.1-Surround-Sound geben, ist ja auch interessant, aus welcher Box Maccas Baß grummelt und von welcher Seite Ringos Schlagwerk trommelt. Vier Beatles, fünf Speaker - da bleibt noch Platz für jede Menge Effekte des "fünften Beatle". Diesen Leerraum füllt der 80jährige Produzenten-Guru, von dem behauptet wird, daß er die Beatles erst möglich machte, sehr anständig aus.

 

Sir George und Gilles Martin haben - mit Erlaubnis der überlebenden Beatles-Mitglieder und der Erben der bereits dahingeschiedenen - die Songs für den Cirque du Soleil abgemischt. Seit dem 30. Juni läuft deren kassenklingelnde Band-Bio im Theater "The Mirage" zu Las Vegas. Das Ergebnis ist, bei Licht betrachtet, nicht schlecht. Wie beim "Sgt. Pepper"-Album gehen die Lieder ineinander über, und sie klingen wirklich frisch wie wahrscheinlich nicht mal damals im Mai. Manchmal wurde ein wenig zu tief in die Effektkiste gelangt, aber immerhin haben die Martins die Struktur der Stücke nicht verändert.

Ein echter Grund, den Beatles-Troß mit seinem Geld vor der Verelendung zu bewahren und aus der "Penny Lane" endlich die "Euro-" oder "Dollar Lane" zu machen, ist die Version von George Harrisons "While My Guitar Gently Weeps". Der Gitarrist, der als Songschreiber immer im Schatten von Lennon und McCartney stand und sein Licht so oft unter den Scheffel stellen mußte, daß es beinahe vollends verlöschte, war alles andere als unbegabt. Und "While My Guitar ..." ist ein richtig guter Song. Den hat St. Martin nur seinerzeit mit einer vollen Instrumenten-Breitseite platt gewalzt - Parallelen zu Paules "The Long And Winding Road" sind unverkennbar, auch das ließ der Meister einst zu dick bestreichen.

 

Es zeigt die Größe von George Martin, daß er im Alter seine Fehler noch erkennt und nicht mit der Bürde, zwei Beatles-Songs verhunzt zu haben, vor den Beat-Gott treten will. Vielleicht hat ihm Harrison von oben herab gesagt, wozu Fehler gut sind? In "While My Guitar ..." heißt es wahrscheinlich nicht von ungefähr "With every mistake we must surely be learning". Dabei hat Martin eigentlich schon damals, als die Beatles nicht nur größer und hipper als Jesus, sondern auch aktiver waren, fast alles sehr gut und richtig gemacht - was jetzt, o Dialektik, wieder gegen "Love" spricht.

Nicht aber gegen das Harrison-Lied, das nun - völlig von Ballast und Schwulst befreit - intensiver denn je klingt. Es ist fast so, als säße George am Kamin und hielte mit seiner akustischen Gitarre Zwiesprache. Intimer klangen die Beatles selten, und dieser berückende Moment paßt perfekt zu der kleinen, feinen Melodie, die nun, im nackten Zustand, noch präsenter wirkt. "I´m sitting here, doing nothing but aging/still my guitar gently weeps" - genau das ist nun auch wirklich zu hören. Überaschenderweise verstärkt die Violinen-Miniatur, die Martin eigens für den Harrison-Track komponierte, den sehr persönlichen Eindruck noch. Ansonsten hat der Produzent nur Original-Sounds aus Beatles-Sessions verwendet.

All you need is "Love"? Nein, brauchen tut man nur "While My Guitar Gently Weeps".


Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

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