Kino_The Expendables 2

"Schieß auf irgendwas!"

Die 80er sind vorbei, die Action-Stars von einst sind heute überflüssig und sehen entweder ziemlich alt aus oder versuchen, diesen Umstand operativ zu vertuschen. Für echte Helden ist das aber alles kein Grund, in Pension zu gehen ...    10.09.2012

Als 2010 "The Expendables" anlief, verkrochen sich junge Filmkritik-Hipster in ihre Schlafsäcke, um ihre Bärte und ihre iPads zu streicheln. Gealterte Action-Fans hingegen gingen ausnahmsweise ins sonst ja zunehmend unerträgliche Kino, in dem man vor lauter lautem Nacho-Saucen-Gemampfe die Tonspur kaum noch hört. Aber wo sonst konnte man endlich mal wieder Dolph Lundgren außerhalb einer Direct-to-Video-Schrottproduktion sehen? Auch die Gesichtsruine Mickey Rourke sowie bewährte Haudraufs wie Jason Statham und Jet Li machten reichlich Spaß in dem von Sylvester Stallone vielleicht nicht gerade besonders feinsinnig, dafür aber ganz unterhaltsam zusammengerührten Eintopf aus Männerschweiß und Pulverdampf.

Die Frage war eigentlich nur: Würde "The Expendables 2" besser oder schlechter werden als sein Vorgänger, der, bei aller Unterhaltsamkeit, auch verdammt käsig, plump, hüftsteif und dialogarm war? Die Antwort lautet: besser, auch wenn nach obenhin immer noch viel Platz ist. War der erste Film über die Entbehrlichen noch einigermaßen ernst, so ist der zweite deutlich leichter, luftiger und lockerer. In Sachen Drehbuch unterbietet er dabei scheinbar mühelos seinen Vorgänger, obwohl schon dessen Story auf die Seitenkante einer Serviette gepaßt hätte. Allerdings zeigt sich beim genaueren Hinsehen durchaus ein bißchen Subtext, schließlich geht es um Rentner mit Migrationshintergrund, die für gelackte Bürohengste im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf hinhalten. Erneut wurde dafür ein halb vergammelter Dutzend-Plot bemüht - irgendwas mit Plutonium, das nicht in "falsche Hände geraten" darf und dessen Lageplan man offenbar nicht einfach der internationalen Atomenergiebehörde faxen konnte, damit die das Problem mit einem offiziellen Team aus der Welt schaffen. Würde ja auch keinen Film ergeben.

Nein, stattdessen müssen wieder die Veteranen ran. Sylvester Stallone als Chefsöldner sieht dabei älter aus denn je, naßrasieren könnte er sich auch mal. Seine Inszenierungsarbeit vermißt man nicht wirklich, aber man bemerkt auch nicht unbedingt, daß hier stattdessen der eigentlich deutlich erfahrenere "Con-Air"-Regisseur Simon West im Regiestuhl saß. Und wahrscheinlich ein Nickerchen hielt - sonst wäre ihm aufgefallen, daß sein offensichtlich sehbehinderter Kameramann den Film zwar schön körnig analog drehte, aber keine zwei Einstellungen mit zufriedenstellender Bildschärfe hinbekam. Entweder hat man es mit der post production übertrieben oder mit der Hommage an schlechte Action-Filme. Viel eher aber steht zu vermuten, daß man an ein, zwei Dingen gespart hat, um der versammelten Riege der Prügel-Rentner den Ruhestand per Honorar versüßen zu können.

 

Dolph Lundgren sieht zwar alt aus, ist aber besser denn je und darf endlich auch im Film verkünden, daß er einen akademischen Grad in Chemie hat. Eigentlich möchte man schon nach seinen ersten Szenen einen eigenen Film nur mit ihm sehen.

Der tänzelnde Kampfhobel Statham trägt wie üblich reihenweise die Gegner ab, ohne auch nur eine Schweißperle zu zeigen, aber er ist ja auch ein bißchen jünger. Genau wie Muskelmann Terry Crews und der hauptberufliche Ringer Randy Couture, bei dem man sich allerdings schon im ersten "Expendables" fragte, warum er da eigentlich mitspielt.

Aber eigentlich geht man ja in diesen Film, um auch mal wieder Bruce Willis und Arnold Schwarzenegger zu sehen. Und man wird mit der erhofften Schlüsselszene belohnt: Arnie, Sly, Bruce - drei Ikonen des Action-Kinos - schreiten nebeneinander durchs detonationserschütterte Gefechtsfeld und ballern, daß die Wampe splittert. Ja, das noch einmal sehen und dann sterben ...

Während Willis allerdings wohl noch in "Stirb Langsam 7" mitspielen könnte, ohne älter auszusehen als ohnehin schon immer, wird man der steirischen Eiche wohl keinen weiteren Terminator abnehmen, es sei denn, dessen Story handelt vom Schrottplatz hinter dem Firmengelände von Cyberdyne. Die müden Oneliner, die man den ehemaligen Helden angedichtet hat, zünden zudem oft nur, wenn man die Übersetzungsfehler im Geiste rückgängig macht und zudem ein wirklich harter Fan des längst vergangenen Zeitalters der Action-Filme ist. Aber wer ist das nicht, denn bessere Filme wurden nie gedreht ...

Der arme JCVD wird übrigens als Schurke (namens "Vilain" -  hier entwickelt das Drehbuch ungeahnte Cleverness) verheizt, nutzt die Gelegenheit aber tapfer, um einen Over-the-Top-Bösewicht zu geben, dessen Schmierlappigkeit selbst in den einschlägigen B-Movies ihresgleichen sucht. Er wurde augenscheinlich für eine vertraglich festgelegte Zahl von 360-Grad-Kicks bezahlt.

 

Warum nur macht es trotzdem Spaß, diesen Käse anzusehen? Keine Ahnung, aber es ist so. Vielleicht, weil "Expendables" kein ironisch-oberschlaues Tarantino-Kino sein will, sondern ebenso dumpf ist wie seine Vorbilder. Solche Filme werden einfach nicht mehr gemacht, wie jeder weiß, der die Stars dieses Streifens in sein Herz geschlossen hat. Außer eben hier und jetzt mit diesem Film.

Brauchen Sie noch Gründe, um sich diesen unterirdischen No-brainer im Kino anzusehen? Tja, außer den genannten Pensionären in selbstreferentiellen Dialogen und dem Umstand, daß praktisch jeder Gegenstand, jede Location und jede feindliche Person filmisch wenig ausgeklügelt zerschossen, gerammt oder gesprengt wird, gibt es keine. Bruce Willis bringt es wirklich auf den Punkt, als er in einer Szene, in der er mit Schwarzenegger in einem Smart durch einen Flughafen heizt, sagt: "Schieß auf irgendwas!"

Okay, hier ist dann doch noch ein Grund: Chuck Norris kommt auch drin vor! Seine Auftritte sind ebenso drehbuchsinnfrei wie köstlich und erheben den angerosteten Kabumm-Schnuller in den Status postmoderner Kunst. Als solche ist "The Expendables 2" fast schon ein abstraktes Pop-art-Action-Painting, das man sich entweder gerne ins Wohnzimmer neben den röhrenden Hirsch hängt – oder eben nicht.

Der Rezensent jedenfalls freut sich schon auf "The Expendables 3", für den man vielleicht sogar Nicolas Cage und Steven Seagal aus der Biomülltonne zerren wird.

 

Andreas Winterer

The Expendables 2

ØØØØ

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2012

103 Min.

 

Regie: Simon West

Darsteller: Sylvester Stallone, Jason Statham, Yu Nan, Dolph Lundgren, Chuck Norris, Randy Couture, Terry Crews, Jean-Claude Van Damme, Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger, Liam Hemsworth, Jet Li u. a.

 

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen
blixie - 01.06.2013 : 08.16
hehe, die jungs lassens ordentlich krachen. freu mich schon auf den nächsten. vor allem, wenn milla wirklich dabei ist

Kolumnen
Kolumnen, die die Welt nicht braucht #50

Das Leben ist ja doch ein Ponyhof!

Immer wieder fallen uns Sprachzombies mit halbverrotteten Phrasen an. Zumindest dieser einen sollten wir einen Headshot verpassen.  

Kolumnen
Kolumnen, die die Welt nicht braucht #49

Warum Sie Ihren Job nicht an eine Terminator-KI verlieren werden

Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch - und immer mehr weise Wissenschaftler warnen vor ihr. Ich nicht! Ich sage: Machen Sie sich keine Sorgen!* (Eigentlich können Sie das auch einfach glauben und müssen nicht einmal diese Kolumne lesen.)  

Kolumnen
Kolumnen, die die Welt nicht braucht #48

Ausnahmen bestätigen die Regel

Es war nicht alles schlecht, damals im (Ihr regionales Vor-Regime hier einsetzen). Ja, sicher, XYZ war die Regel, aber es gab auch Ausnahmen! Und dahinter steckt meist Rußland.  

Editorial
Kolumne: Autoren, die die Welt nicht braucht #47

15 Typen schreibender Menschen, die Sie nicht kennen müssen

Sinnvoller als Bücherverbrennungen sind eigentlich nur Manuskriptverbrennungen. Noch besser wäre freilich, das Schreibpapier schon abzufackeln, bevor sich Poesie und Prosa darauf niederlassen können. Die Wurzel allen Übels aber sind die Schreibenden.  

Print
Bret Easton Ellis: Weiß

American Snowflake

Der Autor von "American Psycho" hat ein neues Buch geschrieben. Der Klappentext verspricht "autobiographische Erlebnisse mit schonungslosen Beobachtungen und Erfahrungen" in "der amerikanischen Gesellschaft". Naja ...  

Kolumnen
Kolumnen, die die Welt nicht braucht #46

Papier und Bleistift

Angesichts der totalen Digitalisierung alles Analogen wird es Zeit, der ganzen digitalen Scheiße einmal den Dolch in den Rücken zu stoßen. Mit Papier und Bleistift kann das jeder.