Kolumnen_Miststück der Woche - V/010: Standing In The Shadows Of Motown

The Bastards Of Soul: "The Way It Should Be"

Vade retro satana! Meine Seele kriegst du nicht. Da mache ich nämlich Musik draus - genauso, wie es Marvin Gaye, Levi Stubbs, Bill Withers oder Al Green schon vor mir taten. Wirst schon sehen, Teufel. Oder hören. Nur Engel singen schöner als ich. Und mein Groove ist heißer als deine Hölle ... Vielleicht war das die Initialzündung, die dazu führte, daß der Texaner Chadwick Murray die Bastards Of Soul gründete. Manfred Prescher fände das schön, aber vermutlich war alles viel profaner.    18.03.2020

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.


Wie hieß es seinerzeit in der Fernsehklamotte "Königlich Bayrisches Amtsgericht"? Irgendwie so: "Es war eine schöne Zeit, es war eine gute Zeit." Aber von welcher Zeit man auch sprechen oder schreiben mag - sie ist immer nur in der romantisch verklärten Rückschau schöner als die gerade aktuelle Gegenwart. Wer mal versucht hat, diesen Umstand einem Rockabilly- oder 80er-Jahre- oder Sonstwas-Jünger zu stecken, bekommt ein ungläubig desinteressiertes Schulterzucken oder vielleicht sogar einen Bums auf die Lauscher. Es hat keinen Sinn, bei einem Soul-Allnighter ein Hohelied auf die Moderne zu singen, während die Enthusiasten grad darum feilschen, wer ein paar tausend Pfund Sterling für die Original-Single von William Powells "Heartache Souvenirs" - nur echt mit der B-Seite "Chicken Shack" - ausgeben darf.

Natürlich war es in jedem Früher nie wirklich schöner, und diese Erkenntnis kann man bis ins Paradies zurückreichen lassen. Ausnahmen waren vielleicht die Momente, an denen der ominöse Liebesapfel kredenzt wurde.Die Folgen sind hinlänglich bekannt und führen direkt nach Bolton zum "Let´s Get Together &  Do It"-Allnighter. Man kann sich nämlich auch mit der Erkenntnis, daß es einfach immer schon schwierig war, sich auf diesem Planeten behaglich einzurichten, trotzdem auch gerne dem alten Kram hingeben. Früher war halt auch nicht alles schlecht. Es war oft schlicht und wenig ergreifend nur anders, zum Beispiel, was den Klang angeht. Damals, als die Erwachsenen erst einmal alles zu Bruch gehauen hatten, auf daß sie es wiederaufbauen und ein Wirtschaftswunder starten konnten, war die Musik aufregend, weil sie sich an den Zuständen rieb und weil Jugendliche plötzlich genug Geld hatten, um sich Schallplatten oder Instrumente zu kaufen. Oder um, wie Barry Gordy oder Jim Stewart und seine Schwester Estelle Axton, Motown oder Stax zu gründen.

Gut, das ist jetzt etwas verknappt und historisch einigermaßen verzerrt wiedergegeben, aber lassen wir das mal so stehen: In der vermeintlich guten alten Zeit, als "Race Music" zu R&B und dann zu Soul wurde, herrschte zumindest Aufbruchsstimmung. Wenn wir Zeitgleich- oder Nachgeborenen Fakten wie Ausbeutung, Diskriminierung und eine grundsätzlich rigide Gesellschaft ignorieren, bleibt schlicht ein Haufen guter Musik übrig. Ob man allerdings zigtausend Pfund für das geniale "Heartache Souvenirs" ausgeben muß, obwohl es auf einigen Samplern preiswert zu haben ist, ist freilich Ansichtssache. Die beste Liebespartnerin von allen würde mich für bescheuert halten, wenn ich die Urlaubskasse für eine schnöde Single, die annodunnemals gerade mal 45 Cent gekostet hat, plündern würde. Womit sie natürlich recht hätte. Sie hört den Song via Spotify - und groovt sich dazu ein. Was natürlich auch geht. Aber der Wunsch, eine ultraseltene Single alleine zu besitzen, verleiht manchen Geldbeuteln Flügel.

 

 

Die Sammler sind ohnehin in der Minderheit, was gar nicht so schlecht ist. Das senkt auf Dauer vermutlich die Preise, macht aber die alten Sachen auch für Otto und Gerlinde Normalfan dank Labels wie Ace oder Bear Family sogar auf den Streaming-Plattformen zugänglich. Das ist natürlich nicht das gleiche wie eine Vinyl-Single, die - sich auf dem Plattenteller drehend - vor sich hinknistert. Genauso ersetzen Retro-Labels wie Daptone oder Eastwood nicht die Originalaufnahmen der Four Tops, von Aretha Franklin oder Otis Redding. Spaß machen die meisten Aufnahmen der neuen alten Soul-Künstler trotzdem, ob es sich nun um die leider gerade auf dem Höhepunkt ihres späten Ruhms verstorbenen Künstler Charles Bradley oder Sharon Jones handelt oder ob Michael Kiwanuka den "klassischen" Soul ins Hier und Jetzt transferiert. Soul heißt schließlich Seele, und die Seele ist vermutlich ein Gas, zumindest ist sie angeblich flüchtig genug, um - etwa nach dem Ableben von Otis Redding - zum nächsten und übernächsten Sänger weiterzuwandern.

 

 

Was genau Soul-Musik ist, muß man nicht wirklich ausdiskutieren, es ist sowieso nur ein Sound-Schirm, unter dem sich alle möglichen Künstler mit ihren unterschiedlichen Ideen versammeln können. Da passen Solange Knowles und Kiwanuka genauso dazu wie beispielsweise James Hunter aus Essex. Der 1962 gerade in den Soul-Boom hineingeborene Brite macht seit den 1980er Jahren rückwärtsorientierte Musik, seit 2013 im Verein mit der virtuosen Formation The James Hunter Six. In Interviews betont er, daß er einfach spielt, was er gern hört. Die Melange ergibt dann einen swingenden Groove, der nicht neu klingt, aber immer noch betört. Im Prinzip gilt das auch für den Amerikaner Chadwick Murray und seine Band, da paßt auch der Name: The Bastards Of Soul. Das klingt nach einer wilden Truppe von musikalischen Freibeutern, die einfach die Sounds entern, die ihnen zusagen - und das ist zweifelsfrei der Soul der späten 1960er und frühen 1970er Jahre.

Schon das Cover ihres eben erschienenen Debütalbums "Spinnin´" erinnert den Kenner an die LP-Hüllen der Detroit Emeralds oder von Chairmen Of The Board. Mit der Musik verhält es sich ähnlich, aber die tonnenweise vorhandenen Bezüge führen trotzdem nicht dazu, daß die Bastards altbacken oder schwer belastet klingen. Sie spielen mit der Vergangenheit und haben hörbar ihren Spaß damit. Speziell mit ihrer ersten Single - genau, es gibt wirklich eine real produzierte Vinylscheibe, die auf 45 Umdrehungen abgespielt werden muß - "The Way It Should Be" zeigen sie, daß man all die Referenzen, die zu diesem Stück führten, gar nicht kennen muß. Der Song steht für sich, auch losgelöst von historischen Bezügen. Er hat Soul, verdammt viel Soul sogar, und es spielt keine Rolle, von wem Chadwick Murray die übernommen hat.

 

Man sollte aber nicht immer nur zurückschauen, sondern den Kopf und das Gehör auch mutig in die Gegenrichtung erheben. Deshalb wird es immer wieder Miststücke geben, die sich mit Neuem beschäftigen. Ob das nächste Woche auch so sein wird, ist aber fraglich. Denn aus gegebenem Anlaß muß ich mich - zum zweiten Mal in dieser Kolumnenreihe - mit The Cure beschäftigen. Ich bin sehr gespannt, was Herr Smith uns 2020 zu sagen beziehungsweise zu singen hat. Möglicherweise ist er längst genauso retro wie die Bastards Of Soul oder The James Hunter Six. Wir werden es gemeinsam herausfinden ...

Manfred Prescher

Bastards of Soul - Spinnin´

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