Kolumnen_Miststück der Woche - V/024: Wilde Maus

Bob Dylan: "False Prophet"

Bob Dylans 39. Studioalbum ist da. Manfred Prescher hat reingehört und daraus sein aktuelles "Miststück der Woche" auserkoren.    01.07.2020

(Prolog der Redaktion: Aufmerksame EVOLVER-Leser wissen, daß die Ansichten zum Thema Bob Dylan zwischen unserem geschätzten Kolumnisten und unserem geliebten Herausgeber unterschiedlicher nicht sein könnten. Wenn Sie es genauer wissen wollen, lesen Sie bitte "Grantler und Poet". Peter Hiess und Manfred Prescher liefern ihnen darin jeweils zehn Gründe, warum man den Lockenkopf einfach lieben oder eben hassen muß. Und jetzt übergeben wir das Wort wieder an Manfred Prescher.)

 

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.


" 'Später', sagte ich. 'Zuerst brauch ich ein Achtel, und dann erklär ich dir alles.' Eine Notlüge, der man das eine oder andere Achtel folgen lassen wird, bis es dann irgendwann zu spät ist für die Wahrheit. Ehrlich: Was hätte der Rudi davon, wenn ich ihm jetzt erkläre, daß die ganze Angelegenheit einen erholungsbedürftigen Musikanten meines Jahrgangs mental und überhaupt überfordert?"

Vermutlich nichts. Uns hat es an dieser Stelle nicht zu interessieren, wer der Rudi ist und daß es sich beim "Musikanten" um den hochverehrt verschollenen Doktor Kurt Ostbahn himself handelt. Wissens-, weil lesenswert und auch dem Urheberrecht nach nötig, ist es, darauf hinzuweisen, daß das Zitat aus dem wunderbaren, noch erhältlichen - Hör-, Kindle- und Taschenbuch - Ostbahn-Krimi "Blutrausch" stammt. Der "Musikant" könnte freilich Robert Zimmermann alias Bob Dylan sein. Dessen erstes Werk mit eigenen Sachen seit "Tempest" von 2012 klingt nun auch so, als sei es nach diversen Achteln entstanden: nämlich dann, als der Alkohol schlußendlich doch dazu führte, daß sich diverse bittere Wahrheiten im Musikanten ausbreiteten.

 

Bob Dylans 39. Studioalbum ist da, und Dylan hat uns vorab drei Songs kredenzt, die zusammen auch schon mehr als 20 Minuten lang sind. Er hat mit dem knapp 17minütigen Monolog "Murder Most Foul" voller historischer Querverweise erstmals in seiner langen Karriere einen Nummer-1-Hit gelandet. Und der ist sperriger als das fast gleich ausufernde Hippie-Gebrabbel "In-A-Gadda-Da-Vida" von Iron Butterfly. Man muß sich wundern: Keine Melodie, nur Satzbau und ungewöhnliche Querverweise, dazu ist der "Song" nur als Download verfügbar - und doch ein Erfolg. Gut, daß die weiteren neun Stücke von "Rough And Rowdy Ways" dann doch wesentlich mehr mit Songwriter-Traditionen zu tun haben als der eloquente Geschichtsunterricht.

 "Ein weiterer Tag voller Wut, Bitterkeit und Zweifel" heißt es in "False Prophet". Und genau das denkt man "In The Wee Small Hours Of The Morning", also dann, wenn man die Liebste - oder das, was von ihr blieb - am meisten vermißt und sich die Gewißheit einstellt, daß es anderswo, anderntags oder andernfalls "auch Scheiße" ist, wie man zwischen Dortmund und Gelsenkirchen regelmäßig betont. Warum das so schlimm ist? Dylan sagt es: "Ich öffnete mein Herz, und die Welt kam herein". Klar, er war neugierig und auch geblendet. Von oberflächlicher Schönheit, Silber und Gold. Aber bekanntlich kann man all das am Ende sowieso nicht mitnehmen, wenn es zum Schluß "über die Regenbogenbrücke" (Kinky Friedman) geht. "Gotta Serve Somebody"? Geht nicht.

In dieser irgendwie beruhigenden Gewißheit, daß sowieso alles sinnlos und eben nicht alles Gold ist, was glänzt, und daß nur das Wenigste glänzt, was wertvoll ist, torkelt der "Musikant" heim, wo immer das sein mag: "Ich gehe dorthin, wo nur die Einsamen gehen können", singt Dylan. Und tatsächlich: er singt. Irgendwie ist er der rührselige Cowboy, dem man die Guitarre mit auf die Bahre legen sollte, falls er den Heimweg nicht überlebt. Am Ende kann er vielleicht nur, wie Hans Moser selig, sein "Schlüsselloch ned finden", was den honorigsten Säufern immer wieder mal passiert. Besonders, wenn es dem Affen, der einem stets seit den letzten Achteln begleitet, zu dunkel ist. Zur Not pennt man dann in irgendeiner Hofeinfahrt oder einfach neben irgendeiner Dreckskarre im Rinnstein, bis der Tod oder das grelle Tageslicht einen von der letzten Nacht und seinen finalen Wahrheiten scheidet. Dann ist entweder alles, wie es vorher war, oder anders. Besser ist es wahrscheinlich nicht.

Aber das merkt man nicht, weil sich die Erkenntnisse in Kopfschmerzen auflösen und die dunklen Schatten der Nacht schon wieder von Falschgold überzogen oder im Trubel des Falschgeldverdienens verschwunden sind. So wie diese geheimnisvolle Frau, mit der man mal eine schwierige Stunde zwischen Angst und Zuversicht verbrachte, vorübergehend aneinandergekettet durch die Sperrung eines Bahnhofs und die damit verbundene Unterbrechung zweier Reisen zu unterschiedlichen Lebensentwürfen. Die Geheimnisvolle, die auf jeden Satz von ihm mit einer klugen Antwort konterte und die Fragen voller Wahrheit stellen konnte, auf daß ihm die Augen übergingen, löste sich im "ganzen Hustle um die Knete" auf. "Wenn dein Lächeln auf mein Lächeln trifft, muß es etwas geben", singt Dylan.

 

 

 

Ja, am Ende bleiben Lieder wie "False Prophet" - und die sind so universell, daß sie es wohl immer geben wird. Und wohl auch schon immer gab. Bob Dylan weiß das und greift auf dieses Wissen auch musikalisch zurück. Denn der neue Song basiert auf einem uralten Stück, nämlich auf der B-Seite von Billy "The Kid" Emersons Debüt-Single für das nicht nur wegen seiner Entdeckung von Elvis Presley legendäre Label Sun Records: "If Lovin´ Is Believing" ist tatsächlich die Blaupause für "False Prophet". Wenn der Tag kommt und Johnny Walker geht, dann sind die Wahrheiten eben universell. Das war 1954, als Emerson seine Single aufnahm, so - und es ist heute immer noch so. Außer daß es mittlerweile wahrscheinlich eine App gibt, die einem dabei hilft, das Schlüsselloch zu finden. Falls man das Smartphone nicht am Tresen liegen hat lassen. Was freilich auch nicht schlimm wäre, da jede technische Errungenschaft der neueren Zeit das Land mit einer deutlich erkennbaren Spur von falschem Tand überzieht.

 

Bob Dylan jedenfalls ist der Wahrheit mit "False Prophet" und mit dem neuen Album eine Spur nähergekommen. Warum? Weil seine Suche dieses Mal unangestrengt ist. Mir geht es da grad anders, ich werde immer hektischer, weil ich tatsächlich nicht weiß, wo ich mein verdammtes Handy liegengelassen habe. Hätte ich es doch bloß nicht auf lautlos gestellt, das nervige Ding. Es wird schon wieder auftauchen. Wenn nicht, dann halt nicht.

Ich bin auf jeden Fall nächste Woche wieder für euch da. Sicher ist sicher. Wahrscheinlich stelle ich euch dann aufregend neue Musik von Ada Rock vor. Oder auch nicht. In der Zwischenzeit werde ich sowohl die Suche nach dem Mobiltelefon und nach der Wahrheit erst einmal aufgeben, zum Wirten rübergehen und mir ein Achtel Rotwein bestellen.

"Soll gut sein für den Kreislauf. Auch der braucht momentan jede erdenkliche Unterstützung", sagt Doktor Ostbahn. Womit? Mit Recht!

Manfred Prescher

Bob Dylan - "False Prophet"

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Photos: © Sony Music

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Dr. Ostbahn - 01.07.2020 : 18.45
Wenn schon... denn schon: trockenen Rotwein - zum Wohle

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