Kolumnen_Depeschen an die Provinz/Episode 34

Blut und Boten

"Don´t kill the messenger!" heißt es im Englischen. Manchmal fühlt man sich aber trotzdem sehr versucht, mit Gewalt auf den Überbringer loszugehen - wenn nicht schon der nächste vor der Tür stünde.    01.08.2020

Wie ein Wahnsinniger wirft sich der Mann gegen das Haustor. Er hat das Prinzip der Gegensprechanlage nicht begriffen: anläuten - warten, bis "Krrzzzkchhhchh" ertönt - mit den Worten "ggssskkzz, sscchttrrrr" reagieren - bei Summton Tür öffnen. Stattdessen kracht er mit vollem Gewicht gegen das schwere Holz, daß schon die ersten Blutstropfen spritzen.

Ich hingegen eile, vom Sturmläuten und dem Krachen des sukzessiven Selbstmordattentats alarmiert, ins Erdgeschoß hinab, mit vorgehaltenem Schlüssel und beruhigenden Handbewegungen, um weitere Zornesausbrüche zu verhindern. Natürlich ist eh offen, die ganze Zeit schon, aber das scheint den Mann aus dem Morgenlande nicht zu kümmern. Der Schweiß tropft ihm vom Schnauzbart, die Augen blitzen, und er umklammert ein Paket, das möglicherweise eine Bombe enthält - vorausgesetzt, die werden jetzt auch schon von Amazon verschickt.

"Irre Name!" brüllt mich der Unhold an.

"Naja, so irr´ ..." wiegle ich ab, "ich weiß nicht ..."

"Naa! Wie heiße?!" Er starrt auf den elektronischen Zünder in seiner Hand und sticht mit dem Zeigefinger auf den Minibildschirm ein.

"Wie heiß? Nicht arg, höchstens 26 Grad ..."

Jetzt ist er kurz vor dem Durchdrehen, rauft sich das reichlich vorhandene Brusthaar und hüpft auf und ab wie ein Rumpelstilzchen. "Wo gäbe?! Immer nix! Sage Name, muß frage!"

Um ihn nicht noch mehr zu reizen, gebe ich das Spielchen endlich auf und sage: "Hiess. Wie der Kolumnist."

"Kommunist?" murmelt der seltsame Besucher verächtlich, weist mich an, auf seinem Bildschirm zu unterzeichnen, und geht von dannen, Allah preisend und auf sein im Parkverbot stehendes Lieferauto zuschreitend.

Und kaum habe ich wieder die Stiege zu meiner Wohnung erklommen, ertönt auch schon das nächste Läuten, gefolgt von dumpfen Schlägen auf Holz. Stufensteigen soll ja sehr gesund sein ...

Wo einst einmal am Tag der Briefträger ins Haus kam, wenn er einen Einschreiber hatte oder Geld brachte, und dann schlimmstenfalls noch der Paketpostler schellte, unterminiert heute das Botendienst-Unwesen die Arbeitskraft des Selbständigen. Zehntausende Fahrzeuge verschiedener Zusteller marodieren höchst umweltfreundlich durch die Straßen Wiens, prüfen Haustore auf deren Widerstandsfähigkeit und hinterlegen - so sie den Adressaten nicht daheim anfinden - die Pakete, wo es ihnen grad einfällt: beim Nachbarn, beim Greißler am Eck, vor der Tür oder "unter der dritten Brücke stromabwärts am Donaukanal, kommen Sie um 22.26 Uhr und tragen Sie einen roten Hut, dreimal pfeifen." Und das ist noch ein Glück; einer von denen hat einmal in krakeliger Spinnenbeinschrift seine Privatadresse auf die Benachrichtigung geschrieben, weil er eh nicht weit weg wohnt und sich über einen Besuch meiner lieben Gattin zwecks Sendungsabholung sehr freuen würde ...

Ich sag´s Ihnen, die Welt ist schlecht. Und schuld daran ist nur diese On-Demand-Sauwirtschaft. Kaum verspüre ich zum Beispiel einmal den "Demand", endlich aufs Klo zu gehen oder unter der Dusche den strengen Geruch abzuwaschen, der durchs dauernde Zum-Haustor-Rennen erzeugt wird - läutet schon wieder einer an. Diesmal komme ich zu spät und finde nur einen Zettel vor, daß man gar nicht daran denke, einen zweiten Zustellversuch zu vereinbaren, sondern ich mir mein Packerl bitteschön beim Paketshop abholen soll. "Ein Shop?" frage ich mich. "Muß ich jetzt vielleicht noch Lösegeld für meine Post zahlen?"

Aber es nutzt ja nix ... Also mache ich mich auf den Weg und gebe den Vorsatz auf, heute noch irgendwas zu arbeiten oder diese Kolumne pünktlich abzugeben. Die Wanderung zur Abholstelle nimmt kaum eine Stunde in Anspruch, doch auf halber Strecke führt mich fast ein Kastenwagen nieder, direkt am Zebrastreifen, wo man die Verletzten leichter findet. Der Fahrer schaut bedrohlich, kurbelt sein Fenster herunter, greift hinter den Sitz - und holt ein Paket hervor, das er mir grad bringen wollte. Ich unterschreibe, nehme das schwere Trumm in Empfang, schleppe es bis zum Shop und erfahre dort, daß das gesuchte Poststück noch nicht da ist: Der Fahrer hat grad jemanden am Zebrastreifen erlegt.

"Wissens was?" sage ich resigniert und lege die mitgebrachte Last auf den Tisch. "Ich möchte ein Paket aufgeben. An mich selber. Zustellung heute, pünktlich um acht. Bringens mir eine Pizza mit, und ein Sechsertragel Bier. Wiederschaun!"

Und jetzt suche ich mir einen Boten, der mich heimträgt ...

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien und zwischendurch eine Zeitlang in der Provinz. Jetzt ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Endlich.

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 34

Blut und Boten

"Don´t kill the messenger!" heißt es im Englischen. Manchmal fühlt man sich aber trotzdem sehr versucht, mit Gewalt auf den Überbringer loszugehen - wenn nicht schon der nächste vor der Tür stünde.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 33

Feurio! Feurio!

... das Schnitzel brennet lichterloh!" Oder: Warum es in Nachbars Garten immer mehr stinkt als daheim. Der Kolumnist, beflügelt von Schampus und chemischer Munterkeit, hält einen Monolog.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 32

Da leiden´s, die Genossen

Ist es nicht herrlich, daß heute praktisch jeder tun kann, was er will - auch wenn es ein Blödsinn ist? Die Leidensvisagen, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, sagen: Nein. Ist es nicht.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 31

Mist you!

Solange der wirtschaftliche Aufschwung auf sich warten läßt, können Sie sich ja in der guten alten Tradition des Miststirlns üben. Das spart nicht nur Geld, sondern ist auch lehrreich. Nicht nur für Kolumnisten.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 30

Auf der Suche nach der vergorenen Zeit

Das mit den guten Vorsätzen war auch heuer schnell vorbei. Schon ein paar Tage nach Silvester fand sich unser Kolumnist in einem Wirtshaus wieder, um die Mysterien des Alkoholismus zu ergründen.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 29

Wiener Wohnen

Der durchschnittliche Stadtbewohner hat nur vier Wände - statt ein ganzes Haus mit Carport und Gemüsegarten. Aber in denen kann er wenigstens seinen Wahnsinn ausleben, ohne daß ihm dauernd wer nachspioniert.