Kolumnen_Miststück der Woche - V/017: Sei zärtlich, Pinguin

Erstes Wiener Heimorgelorchester "Neffenbesuch"

Diese mistige Pandemie ist drauf und dran, die Kultur zu zerstören. Oder doch nicht? Auf jeden Fall sind Künstler schon ziemlich findige Wesen. Sie erinnern an Walt Disneys Backenhörnchen, die praktisch jeden Weg suchen, auf dem sich ein Wintervorrat an Nüssen ansammeln ließe. Manfred Prescher findet das absolut in Ordnung, vor allem, wenn die Schließfrüchte auch noch lecker schmecken.    13.05.2020

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 
Von nichts kommt bekanntlich nichts. Und mit nichts wird auch der nachvollziehbare Drang nach Wahrnehmung und Relevanz nicht befriedigt. Also muß man dringend was tun. Ich verstehe das sehr gut, denn eigentlich ist diese Kolumne auch nur ein Weg, eure Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen und sich dann in harten Zeiten wie ein Backenhörnchen an einer Nuß zu erfreuen. Aber irgendwie artet das in Arbeit aus, sprich, es wird immer schwerer, obwohl es eigentlich leichter werden müßte. Aber jetzt, wo ihr Zeit hättet? Jetzt steht ihr entweder vor dem Baumarkt oder brütet daheim vor euch hin, ob Corona ein rechter Blödsinn ist und die Verbreitung vom CIA und den Chinesen oder Bill Gates gesteuert wird. Und ob die normale Grippe nicht doch schlimmer ist. Vielleicht gehört ihr auch zu denen, die die Nachbarschaft vom Balkon aus mit selbstgestrickter Musik beschallen? Das ist lobenswert, denn es zeigt, daß sich die schlimmen Zeiten auch mal von ihrer guten Seite zeigen. Schließlich wäre vor nicht allzu langer Zeit bei sowas die Polizei angerückt und hätte die Session wegen nächtlicher Ruhestörung aufgelöst, was natürlich manchmal auch ein Akt der Barmherzigkeit sein kann.

 

Aber zurück zum Zwangsurlaub auf Balkonien: Rein technisch ist das Erste Wiener Heimorgelorchester ja auf Konzerte im intimen Nachbarschaftsumfeld vorbereitet. Schließlich besteht das Equipment, das die Herren Daniel Wisser, Florian Wisser, Jürgen Plank und Thomas Pfeffer einsetzen, hauptsächlich aus Instrumenten, die - der Bandname sagt es ja - auch daheim benutzt werden könnten ... solange zumindest der Strom noch aus der Steckdose kommt. Getreu dem Motto "while my Casio electonically fieps" hat man die Teile nämlich bei Tchibo, im Mediamarkt, auf Flohmärkten oder bei Kinderzimmerauflösungen zusammengehortet. Ein frühes Album heißt also völlig zu Recht "Wir haben die Orgeln nur von unseren Kindern geborgt".

Ich springe immer sofort in meinen alten Toyota Corona, wenn es ein neues Album des Quartetts zu erstehen gibt. Trio, Afrika Bambaataa, die frühen Kraftwerk oder Vince Clarke hätten sicher auch ihre Freude an dem Sound des EWHO. Denn von sich aus klingt die billige Technik nach der Zeit, in der man an das Positive im Fortschritt glaubte. Heute mutet uns das ziemlich retromäßig an, weshalb es nicht wundert, daß die Herrschaften nicht nur anfangs, sondern auch später immer wieder Coverversionen aus "guten, alten Zeiten" ins umfangreiche Werk einstreuten.

Mit diesen Songs könnte man nun tatsächlich auch halbwegs an Kunst desinteressierte Zeitgenossen zum Zuhören bringen: "Hör mal, Schatz, das klingt doch echt wie damals im U4" - oder wie der Club hieß, in dem der Heinzi seinerzeit bei "Just Can´t Get Enough" über seine bessere Hälfte, die Herta, gestolpert ist. Heute, vierzig Jahre und genauso viele Kilo Zusatzgewicht später, würden sie sich über solche Erinnerungsfetzen freuen. Aber das Maul bleibt den beiden erst mal sauber, wie man in Franken zu sagen pflegt. Denn das EWHO wollte sein neues Lied gar nicht auf dem Balkon präsentieren, sondern im Wiener Literaturhaus spielen.

Wer jetzt denkt, daß Daniel Wisser dazu auch den Nachfolger des übrigens völlig zu Recht mit dem Österreichischen Buchpreis prämierten Romans "Königin der Berge" vorstellen oder für die Fans ein Potpourri aus seinem umfangreichen literarischen Werk zusammenstellen würde, irrt. Denn der Auftritt, der am 2. April über die Bühne gehen hätte sollen, war ureigentlich dem vor nun auch schon wieder vor zehn Jahren verstorbenen Dichter Andreas Okopenko gewidmet - der wie sonst noch Ernst Jandl oder H. C. Artmann - zu den Säulenheiligen des Heimorgelorchesters gehört.

Schließlich ist die Sprache, im Verbund mit dem wohlklingenden Elektroschrott, auch ein wesentliches Instrument des EWHO. Wie in "Die Letten werden die Esten sein", wo scheinbar ganz einfach einzelne Buchstaben weggelassen und dadurch ein neuer Wortsinn - oder Wortunsinn - nebst neuer Sprechmelodie entsteht. Mehr Nähe zu Ernst Jandl geht kaum, außer man vertont direkt ein Gedicht des Meisters, wie in "Calypso". Denn man kann, wenn man kann, auch Poesie covern. Wie sagte schon der große Danny Wilde selig? Richtig: "Ach, Cannes, kann es warm sein, kann es kalt sein, kann es schön sein, Hauptsache man kann es!" Und das Erste Wiener Heimorgelorchester kann es wirklich.

Für den Abend im Literaturhaus machte man sich nun einen Reim auf ein Gedicht des begnadeten, aber leider auch schon in Vergessenheit geratenen Stegreifpoeten Okopenko. Doch leider kam der Virus dazwischen, weshalb sich Wisser und Co. dafür entschieden, das vertonte Kurzwerk des selbsternannten "Lockerdichters" einfach auf dem virtuellen Balkon, also via Spotify, mit uns zu teilen. Okopenko, von dem unter anderem die Zeilen "Über allen Wipfeln/Frißt die Kuh voll Zorn/Ihre Butterkipfeln/Und riskiert ein Horn" oder "Cortez zu den Seinen: Seid nicht panisch:/Gott ist spanisch!" stammen, dichtete in "Neffenbesuch" unter anderem "Lieber Onkel Schizophren/Kannst du Wittgenstein versteh´n?". Ungewiß ist, ob der Onkel in der Lage ist, den tieferen Sinn der Gedanken und Aufzeichnungen des Philosophen zu erfassen. Man müßte ihm die Frage momentan aber auf jeden Fall über Skype oder so stellen, wofür Okopenko vermutlich durchaus zu haben gewesen wäre. "Ach, Wittgenstein soll es sein? Da weht ein kluger Geist herein. So klug, es ist echt nicht zu fassen. Ich werd´ mich für meine Blödheit hassen ..." Das ist jetzt allerdings von mir.

 

 

 

Dieser Ludwig Josef Johann Wittgenstein hat viele seiner Gedanken auf Zettel geschrieben und das Sammelsurium noch zu Lebzeiten veröffentlicht. Nicht überliefert ist, ob uns alle Papierfitzel vorliegen oder ob ein fleißiger Hausgeist Teile davon im Kamin entsorgt hat. Immerhin hat Wittgenstein selbst die überlieferten 717 Notizen in einem Kästchen gesammelt, auf daß wir uns heute über Sätze wie "Diese Vorrichtung ist eine Bremse, funktioniert aber nicht" den Kopf zerbrechen können, aber ganz sicher nicht müssen. Denn ist eine Bremse auch dann eine Bremse, wenn sie nicht funktioniert und wir uns beim Aufprall den Kopf anhauen, auf daß "das Blut hervorsprützt" ("Tadellöser und Wolff")? Das spielt spätestens im Angesicht des Schnitters oder des Notarztes auch nicht die entscheidende Rolle.

Oder nehmen wir mal diese Sentenz aus dem Kästchen heraus: "Und versuch einmal, über etwas sehr Trauriges nachzudenken mit dem Gesichtsausdruck strahlender Freude!" Doch, doch, das ginge schon. Vor allem, wenn das Erste Wiener Heimorgelorchester das doch an und Pfirsich traurige "Neffenbesuch" vertont: " 'Lieber Onkel Schizophren/Kannst du mir den Arsch vernäh´n?'/'Ja, ich lernt´ es auf der Schule,/Bring die Nadel und die Spule/Wart mir ew´ge Somnambule/Aus der Gitterzelle zwo/So, jetzt komm mit mir aufs Klo' ". Doch, doch, es steckt Komisches in dieser Traurigkeit. Sprache macht das möglich, das wußte schon der oft schwer verständliche Wittgenstein: "Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen läßt, läßt sich klar aussprechen." Man kann nun mal bekanntlich außer Zitronen alles mit Worten ausdrücken - auch die Gleichzeitigkeit von Schwermut und Heiterkeit, von Wermut und Himbeergeist.


Mich findet man jetzt erst mal nicht mehr, denn ich muß dringend mal ausruhen. Das muß man schließlich nach getaner Arbeit. Und vielleicht muß ich auch ein kühles Getränk zu mir nehmen. Das hat der Neffe bei seinem letzten Besuch vor Corona mitgebracht: Ah, ein leckeres "Kilkenny" ist noch übrig. Dem widme ich mich jetzt, aber nicht für lange: "So ein Krügerl entleert sich bei entsprechender Übung mit zwei- bis dreimaligen Ansetzen", wußte schon Thomas Raab zu berichten. Ihr müßt also gar nicht lange warten - nur ein paar Schlucke und dann mach´ ich mich ans nächste "Miststück". In dem geht es dann um die Einstürzenden Neubauten und die Sparks. Gleichzeitig. Doch, doch, ich kann das.

Manfred Prescher

Erstes Wiener Heimorgelorchester - Neffenbesuch

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Photos: © Semroth/Die Partei & EWHO

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