Kolumnen_Depeschen aus der Provinz/Episode 10

Rettungs-Gassenhauer

Noch ist verkehrstechnisch nicht alles gesagt. Nachdem sich der Kolumnist über Radler und Autofetischisten ausgelassen hat, bleibt nur die Eisenbahn. Weil mit dem Flugzeug kommt man nicht in die Provinz.    16.09.2019

Ich mag die ÖBB. Und zwar richtig gern. Ich würde auch diese neumodische Westbahn mögen, aber die hält nicht dort, wo ich wohne - und hat sich außerdem von den Ministeriums-Apparatschiks gleich wieder die Raucherwaggons verbieten lassen. Also mag ich die ÖBB lieber.

Sowas darf man heute eigentlich gar nicht mehr öffentlich zugeben, weil es so schick geworden ist, über die Bahn zu matschkern. Wegen Verspätungen, teurer Fahrkarten, übellauniger Schaffner und so weiter, ad infinitum, man kennt das ja. Und man weiß auch, wer die ewigen Nörgler sind: Pendler. Vor allem jene Charaktere, die in Wien schon mehr als langweilig waren, deshalb irgendwann mit ihren mißratenenen Bälgern in eine Wienerwaldgemeinde übersiedeln mußten und jetzt alle Werktage wieder zu idiotischen Uhrzeiten mit dem Regionalzug in die Arbeit fahren. Dabei sitzen sie immer denselben zwideren Gesichtern gegenüber und grämen sich furchtbar, wenn sich die Lokomotive einmal drei Minuten ausruht ... Dann fallen sie nämlich um ihre blödsinnige Gleitzeit um und können nicht schon um halbvier am Nachmittag mit denselben zwideren Gesichtern wieder heimreisen, um sich im Garten ihrer Einfamilienhölle sinnlos auf den Liegestuhl zu drapieren.

Statt daß sie froh sind, daß sie überhaupt mit dem Zug fahren dürfen ... Die anderen - das pendelnde Volk, das sich noch Benzin leisten kann - stürzen sich stattdessen täglich in den Autobahnkrieg. Auf des Führers grauslich modernisierten Panzerrouten sind sie dann zwischen Lärmschutzwänden eingesperrt wie Affen im Käfig und befinden sich in permanenter Lebensgefahr durch amokfahrende Ost-LKWs oder zerfallende rumänische Kleintransporter, die gerade ihre Beute nach Hause bringen. Und mit ein bißchen Pech geraten sie auch noch in einen Unfall und müssen sich laut neuem Schildbürgergesetz zu Rettungsgassen zusammenfinden, ganz nach Piefke-Muster: "Links wenden, marsch! Rechts ran, Lenker Arsch!" Der Deutsche hat Befehle bekanntlich gern und gehorcht sofort; im renitenten Österreich hingegen wirkt die freigelassene Einsatzroute eher wie ein zugeparktes, kurvenreiches Gassl in der Sieveringer Heurigengegend.

Der Neoprovinzler weiß, daß es für ihn sowieso keine Rettung gibt. Daher setzt er sich gemütlich in einen Wieselzug gen Wien, wirft das Internet an, ißt eine Semmel und betrachtet gelegentlich boshaft grinsend das Treiben auf der nahen Autobahn. Die Blechmenagerie läßt ihn fast vergessen, daß er bald selbst im Nahverkehrsnarrenhaus landen wird - dort, wo Radfahrer regieren, denen Verkehrsregeln ebenso fremd sind wie meßbare Gehirnaktivitäten.

Vielleicht sollte er sich an den abgewandelten Werbespruch einer Kreditkartenfirma halten: "Don´t leave home!" Selbst wenn es irgendwo da draußen ist ...

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien. Dann entschloß er sich, in die Provinz zu übersiedeln. Wie sich das anfühlte, erfahren Sie hier.

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