Kolumnen_Depeschen an die Provinz/Episode 27

Früher, statt Halloween ...

"Ich geh´ nicht gern auf Friedhöfe - die deprimieren mich so!" hört man immer öfter aus imbezilem Mund. Da man die Leute aber blöderweise nicht im Keller der Therapeutin verscharren kann, ist zu Allerheiligen der Weg vorgezeichnet.    22.05.2020

Der echte Wiener - zugegeben, eine aussterbende Rasse - möchte in erster Linie in Frieden gelassen werden. Deswegen liebt er auch seine Friedhöfe so sehr. Das heißt, "seine" sind es ja eigentlich nicht, weil sie vom größten in Österreich aktiven Multi betrieben werden: der Gemeinde Wien. Aber er schätzt sie trotzdem und verspürt eine starke innere Verwandtschaft zu ihnen, was auch daran liegen mag, daß dort seine Verwandtschaft liegt. Und so besucht man die Oma, den verstorbenen Gatten, die zu früh abgetretenen Freunde, wenn es sich irgendwie ausgeht, vielleicht zu Geburts- oder Sterbetagen, bringt Lichterln und Blumengebinde mit, verbringt ein paar Minuten am Grab und wandert dann in melancholischer Stimmung durch die ordentlich numerierten Reihen, um zu schauen, wer da noch aller wohnt.

Der Spaziergang am letzten Ruheort ist ja immer auch eine soziale Studie, je nachdem, wo man grad unterwegs ist. Ob es nun Gräber von Hofratswitwen, Luxusgruften von K. & k.-Offizieren, Erinnerungsstätten an Wiener Arbeiterführer sind - überall springt einem die Geschichte ins Auge. Anhand der Namen und Sterbedaten lassen sich soziale Strukturen ablesen, Grabsteine verraten wechselnde Designtrends, und die Namen der lieben Verstorbenen (sie sind alle lieb, weil man einem Toten nix Schlechtes nachsagen soll) weisen auf depperte Moden hin. Wenn da eine zum Beispiel "Bianca Ogawalla-Sedlacek" heißt, kann man anhand des Vornamens nicht nur ihr Geburtsjahrzehnt erraten, sondern sich auch über diverse Migrationswellen Gedanken machen. Und wenn man so denkt wie ein Handwerker aus meiner Bekanntschaft, ordnet man die Dame posthum der Gruppe der "Z-L-F"-Kunden zu, deren Rechnungen immer etwas saftiger ausfallen: Zahnärzte, Lehrer und Frauen mit Doppelnamen.

Touristen und selbsternannte Ästheten schickt man in Wien gern auf den "Zentral", zu dem die Fahrt mit dem 71er bekanntlich so lang dauert, daß man sich als älterer Mensch bange fragt, ob man´s noch nach Hause schaffen wird. Tatsächlich liegen dort viele Hofschranzen sowie nach ihrem Tod wegen plötzlicher Ungefährlichkeit Geehrte - doch es gibt interessantere Friedhöfe. Zum Beispiel die in den hügeligen westlichen Außenbezirken, wo man sich nicht nur körperlich ertüchtigen, sondern auch allerlei Entdeckungen machen kann: den letzten Landeplatz eines Piloten aus dem 1. Weltkrieg etwa, wo statt des Grabsteins ein Holzpropeller und daneben seine Fliegerlaterne steht. Oder den winzigen Josefsdorfer Friedhof auf dem Kahlenberg, auf dem die schönste Frau zur Zeit des Wiener Kongresses ruht; aber ihre ganze Schönheit konnte sie nicht davor bewahren, mit 21 Jahren an Tuberkulose zu sterben. Oder, ganz in der Nähe, die ewige Heimat (solang wer die Gebühr zahlt) der wunderbaren Marisa Mell. Und als meine junge Begleiterin fragt: "Wer, bitte, is Marisa Mell?", da wird mir bewußt, daß ich mir auch schön langsam überlegen sollte, wo ich einmal liegen möchte ...

Das gehört ja alles genau geplant. Man will halt nicht zu dem Großonkel in die Grube, den man schon zu Lebzeiten nie leiden konnte. Aber andererseits: eine neue Grabstätte kaufen? Was des kost! Ned amoi denken. Und irgendwann ist in der Zeitung gestanden, daß man sich einfach in fremde Gräber dazulegen kann, da schaut keiner von der Wiener Bestattung so genau nach - da heißt es auch aufpassen. Außerdem sollte man einen Friedhof wählen, der eine vernünftige Gärtnerei hat, nicht irgendwelche gescheiterten Bodenkultur-Landschaftsarchitekten, die statt eines ordentlichen Rasens grausliche Bodendecker anpflanzen oder gar nur Rindenmulch draufhauen. Schon wegen der Klärung dieser Fragen trifft man sich zu Allerheiligen mit der Restfamilie am Friedhof, damit´s nachher kane Wickeln gibt.

Aber glauben Sie jetzt bitte nicht, das alles hätte irgendwas mit dem Klischee vom "morbiden Wiener" und der "schönen Leich" zu tun. Es stimmt schon, daß man hierorts im Wirtshaus und im Wartezimmer gern über grausliche Krankheiten und vor kurzem Verstorbene redet - andererseits: Soll man sich vielleicht über die debile "Mahü"-Fußgängerzone unterhalten? Na eben. Und daß es in Wien verdächtig viele Altersheime und Krankenhäuser gibt, aus deren Fenstern man direkt auf den Totenacker hinausschauen kann, ist reiner Zufall.

Man will ja nur seinen Frieden haben. Und spazierengehen. Und vielleicht ein Licht anzünden.

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien und zwischendurch eine Zeitlang in der Provinz. Jetzt ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Endlich.

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