Kolumnen_Miststück der Woche - V/006: Stranger Than Fiction

Halsey: "Finally//Beautiful Stranger"

Wie sang schon Max Goldt? "Das Leben ist uninteressant, aber schön." Manfred Prescher findet allerdings, daß es schon auch interessant sein kann, dieses Leben. Auf jeden Fall kann man es aber derart anpreisen, mit Übertreibungen aufbrezeln oder einfach nur so bunt präsentieren, daß es für andere Menschen wesentlich schillernder und spannender wirkt als das eigene mediokre Dasein. Das nennt man dann PR oder Marketing ...    19.02.2020

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.


Vielleicht ist Ashley Nicolette Frangipane alias Halsey einfach eine moderne und weibliche Variante von David Bowie, die nebenbei auch noch Madonna und Lady Gaga verinner- oder besser veräußerlicht hat? Wenn man nun aber dem Bayerischen Rundfunk Glauben schenkt, was man durchaus nicht immer tun muß, dann läge der Fall hier anders als bei Madonna/Gaga, die immer hauptsächlich ihr Geschäftsmodell und damit die Gewinnmaximierung durch Image-Verfeinerung im Blick hatten.

Würde Halsey nicht streng nach ihrem Busineßplan agieren, dann wäre die Nähe zu Bowie wohl tatsächlich größer. Der hatte nämlich längere Phasen, in denen Erfolg und Scheitern ineinander übergingen - und dadurch großartige Dinge wie "Low" oder "Lodger" ermöglichten. Beim BR jedenfalls glaubt zumindest die Kollegin Engelhardt, daß Halsey mit ihrem neuen, dritten Album "Manic" ihren angestammten Status als extrem erfolgreicher Anti-Popstar verlieren wird. Die Begründung ist ebenso einfach wie schräg - und damit harmoniert sie perfekt mit dem Habitus der Künstlerin: Weil sich Halsey in ihren neuen Songs mit ihren Abgründen beschäftigt und diese in Popsongs verpackt, kann sie nicht mehr der Anti-Popstar sein. Stattdessen könnte sie entweder den Ruhm ernten, den eine Frau als richtiger Superstar hingestreut bekommt, oder famos scheitern. Letzteres ist aus zweierlei Gründen durchaus möglich: Erstens ist die musikalische Qualität des Albums größtenteils nicht so besonders hoch, aber das stört die meisten Spotify-User sowieso nicht. Im Gegenteil, an Klassewerken wie dem letzten Album von Lana del Rey und dessen eher zähen "Abverkäufen" merkt man, daß Qualität in der Regel kontraproduktiv ist. Aber man wird sehen, wie es sich mit Halsey verhält, denn auf der nach unten offen Rihanna-Skala ist "Manic" so übel auch wieder nicht.

Zweitens könnte es sein, daß die potentielle Käuferschicht noch nicht reif für Halseys Dreifach-Outing ist, das sie selbst "Bi-bi-bi" nennt. Daß sich Künstler als homo-, bi- oder asexuell outen, ist mittlerweile so normal wie die sexuelle Ausrichtung generell. Oder um wieder mal den längst geouteten Max Goldt zu zitieren: "Liebe ist feucht und belanglos, doch Mann liebt Frau und Frau liebt Mann. Es gibt zwar Ausnahmen, gab es immer, doch zu denen geht man nicht aufs Zimmer ..." Mittlerweile sind Ausnahmen auch Teil der Regel, und jeder kann mit jedem aufs Zimmer gehen. Andere Menschen reden öffentlich von ihren Krankheiten und Störungen oder vom ihrem Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie. Wobei das "oder" wichtig ist: Denn obwohl ein Unglück bekanntlich selten allein kommt, viele Leute eine schlimme "Kinderheit" (Fredl Fesl) hatten und sich die Menschen durchaus in fast allen Bereichen mehr oder minder deutlich unterscheiden, ist es gut möglich, daß Halsey die Fans mit ihrem dreifachdonnernden "BiBiBi" meilenweit überfordert.

 

 

 

Halsey, die übrigens wirklich mehrere Instrumente spielt und musikalisch hochbegabt ist, ist also "Dreifachbi" - ein Begriff, den ich ihr jetzt nicht in typischer "Miststück"-Manier unterjuble, denn er stammt von ihr selbst: Sie ist "biracial",weil sie tatsächlich auch afroamerikanische Wurzeln hat, außerdem ist sie "bisexuell" und zu guter (?) Letzt leidet sie an einer "bipolaren Störung", ist also im Grunde manisch-depressiv. Was sagt der Fachmann beziehungsweise das Fachportal im Internetz über diese Krankheit? "Bipolare Störungen ... zeichnen sich durch ausgeprägte Schwankungen im Antrieb, im Denken und in der Stimmungslage einer Person aus. So durchleben Menschen mit bipolaren Störungen depressive Phasen und Phasen euphorischer oder ungewöhnlich gereizter Stimmung", heißt es auf Psychenet.de. Man geht also vermutlich den anderen, erst recht aber sich selbst, immer wieder auf den Senkel.

Rein künstlerisch gesehen kann man eine solche Störung durchaus gutheißen, da sie vermutlich für sehr unterschiedliche Tracks sorgt. Bei Halsey sind aufgekratzte Elektropopper wie in "Nightmare" genauso möglich wie dicke Baßgrooves in "Without Me" oder verhalten zarter Gesang im fast countryesken Stil wie im wunderschönen "Finally//Beautyful Stranger". Wen das, was ich hier beschreibe, an Prince erinnert, dem sage ich, daß ich tatsächlich beim Durchhören von dessen Werk schon früh von einer multipolaren Persönlichkeit ausgegangen bin. Halsey überzieht, genau wie das zu früh verstorbene Genie aus Minneapolis, so manchen Groove mit einer Nachdenklichkeit, die sich immer wieder auch mit düsterer Weltsicht paart - und das auch, wenn sie mit anderen Künstlern, etwa den Chainsmokers, Justin Bieber oder Post Malone oder mit ihrem Ex, dem genialischen Yungblud, zusammenarbeitet. Daß es durchaus problematisch sein kann, ein solches Mehrfach-Outing innerhalb des Pop-Rahmens von "Maniac" zu erörtern, ist logisch. Lieder von maximal 3:54 Länge können es schließlich in Umfang und Tiefe nicht mit wissenschaftlichen Traktaten aufnehmen.

Ob sich dieses manische "Ich muß alles in das Album zwängen" kommerziell rächen wird? Im Gegensatz zur BR-Redakteurin Engelhardt habe ich dazu noch keine abschließende Meinung. Man wird es beim Blick auf die "Billboard"-Charts ja sehen. Sicher ist aber, daß "Finally//Beautiful Stranger" ein Abschiedslied von solch erhabener Schönheit ist, daß es auf jeden Fall wie ein Monolith in diesem Popjahr stehen bleiben wird. Möglicherweise ist dieser schlicht daherkommende Song ein Verweis in Richtung von Halseys Zukunft, aber vielleicht auch nicht. Auch Prince hatte solche Songs ja im Sortiment, etwa "Sometimes It Snows In April" oder "Under The Cherry Moon", beide übrigens vom Album "Parade", das mit "Kiss" und "Anotherloverholenyohead" zwei Tracks enthielt, die als Maxisingles ganz manisch überdreht waren.

Von mir aus darf Halsey sich in Richtung des Magiers aus Minneapolis weiterentwickeln und sich dabei outen, so oft und wofür sie will. Das geht schwer in Ordnung, wenn solche Songs dabei herauskommen. Abgesehen davon ist es doch besser (wie schon Elton John wußte), man bringt die persönlichen Belange selbst ans Licht der Öffentlichkeit, bevor Yellow Press und Boulevardmagazine das Privatleben zerfleddern.

Ich ziehe mich auf jeden Fall für diese Woche in meine Kemenate zurück und schließe Türen und Fenster in etwa so, wie es früher die Augsburger Puppenkiste mit ihrem Holzcontainer machte, wenn Bill Bo, Urmel oder Jim Knopf für den Tag genug Abenteuer erlebt hatten oder schlicht die Sendung zu Ende ging. Aber nächste Woche bin ich dann wieder für euch da. Versprochen!

Manfred Prescher

Halsey - Manic

Leserbewertung: (bewerten)

Capitol Records 2020

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kolumnen
Miststück der Woche - V/012: Walk The Line

Dixie Chicks: "Gaslighter"

Sie sind unverwüstlich, die Dixie Chicks - seit 31 Jahren gibt es sie bereits. Manfred Prescher findet, daß es an der Zeit ist, ein Hohelied auf diese Band und auf Frauen um die 50 anzustimmen. Im Gegensatz zu einigen männlichen Überlebenden der goldenen Ära von Rock und Pop setzt diese Band nicht darauf, in Würde zu altern. Sie sammelt einfach Erfahrungen und bleibt dabei erstaunlich jung. Und das kann man dann auch wieder "in Würde altern" nennen ...  

Kolumnen
Miststück der Woche - V/011: Sinn und Sinnlichkeit

Die Supererbin: "Fuckin´ Dunkel"

Diese Künstlerin fordert "mehr Frauen im deutschen Pop" - und die Forderung trifft speziell bei Manfred Prescher auf offene Ohren. Er hört nämlich gerade sehr gern Steiner & Madlaina, die allerdings aus der Schweiz sind, oder Doctorella und Kitty Solaris. Deshalb hofft er, daß die Supererbin ihr vermutlich komplett von verstorbenen Religionsgründern der Mammonenkirche und/oder Großfürsten der Subkultur übertragenes Vermögen zum Wohle begabter Künstlerinnen einsetzt.  

Kolumnen
Miststück der Woche - Spezial

Kinky Friedman & The Texas Jewboys: "Men´s Room L.A."

Und wieder gibt es bei Hofer kein Klopapier, obwohl angeblich jeden Tag mehrere Gigaliner nichts anderes an die Filialtür liefern als die Discounter-Variante von Hakle drei und vierlagig. Was diese Situation mit dem großen Kinky Friedman zu tun hat, verrät ihnen Manfred Prescher in einer "Miststück"-Sonderausgabe.  

Kolumnen
Miststück der Woche - V/010: Standing In The Shadows Of Motown

The Bastards Of Soul: "The Way It Should Be"

Vade retro satana! Meine Seele kriegst du nicht. Da mache ich nämlich Musik draus - genauso, wie es Marvin Gaye, Levi Stubbs, Bill Withers oder Al Green schon vor mir taten. Wirst schon sehen, Teufel. Oder hören. Nur Engel singen schöner als ich. Und mein Groove ist heißer als deine Hölle ... Vielleicht war das die Initialzündung, die dazu führte, daß der Texaner Chadwick Murray die Bastards Of Soul gründete. Manfred Prescher fände das schön, aber vermutlich war alles viel profaner.  

Kolumnen
Miststück der Woche - V/009: Radio Rock Revolution

Do The Prescher Shuffle II

Dies, Folks, ist das 375. Miststück. Wenn es nicht so angeberisch wäre, müßte man sich glatt selber auf die Schulter klopfen. Aber das bringt ja sowieso nichts. Deshalb feiere ich mit euch das Jubiläum nach guter alter Sitte - mit dem Shuffle-Modus.  

Kolumnen
Miststück der Woche - V/008: Wild At Heart

The Destroyer: "Cue Synthesizer"

Was für ein seltsamer Name - oder doch nicht? Destroyer heißen ein mediokrer Actionfilm und eine ziemlich extreme Metalband. Doch die schreibt man "Deströyer" und sie hat sich den Zusatz "666" an den Namen gehängt. Aber warum nennt nun ein eigentlich braver Kanadier sein Projekt The Destroyer? Naja, vielen Eltern fällt in puncto Nachwuchsbenennung auch nichts "G´scheites" ein, findet Manfred Prescher.