Kolumnen_Depeschen aus der Provinz/Episode 11

Haben oder Nichtsein

"Begrabt mein Herz an der Biegung des Waldwegs." Oder: "Wir haben die Welt von unseren Raubrittern nur geliehen." Oder auch: Wie ein versuchter Spaziergang auch abseits der städtischen Arbeiterviertel zwangsläufig zum Klassenkampf führen muß.    19.09.2019

Wir hatten ja keine Ahnung. Wir wollten einfach nur im Wald spazierengehen, weil der Frühling ausgebrochen war wie eine ansteckende Krankheit - und weil plötzlich alles ins Freie drängte, sich in den Schanigärten zusammenrottete und samt Familie die Promenadenwege verstopfte. Wir wußten doch nicht, daß dort, wo wir jetzt wohnen (und wahrscheinlich überall dort, wo es noch Wald gibt) das Ende der kalten Jahreszeit dazu benützt wird, ganze Hänge abzuholzen, Bäume und Strauchwerk umzuschneiden, als bräuchten wir all das gute CO2 auf einmal selbst, und die Landschaft möglichst großflächig zu verwüsten, weil der Tourist eine schöne Aussicht haben soll statt immer nur fades Grünzeug vor den Augen.

Wir fuhren also nichtsahnend mit dem Kleinwagen zu einer ehemaligen Raubritterburg hinauf, lavierten uns zwischen gigantischen Holztransportern durch und brüllten uns im wütenden Geknatter der Motorsägen die Einstiegskoordinaten des Wanderwegs zu. Aber da hatten wir nicht mit dem tollwütigen Waldarbeiter gerechnet: Kaum waren wir eine Minute gegangen, sahen wir vor uns auf dem einst idyllischen Pfad einen dieser Harvester vor uns, von denen jeder ganz alleine das angebliche Waldsterben der 80er Jahre herbeiführen hätte können. "Kennts eeh geeeeh!" rief uns einer der Vernichtungsgehilfen noch hinterfotzig zu, weil er uns ganz offensichtlich in die maschinelle Falle locken und zu blutigem Rindenmulch verarbeiten wollte.

Zwischen stürzenden Baumstämmen und in einer Wolke aus Sägespänen flüchteten wir wieder ins Tal und erfuhren dort, wer hinter der üblen Machenschaft steckte: der Graf. Nicht Dracula, neinnein, viel schlimmer - es handelt sich um einen jener heimischen Adeligen, die auch nach dem Ende der Monarchie (und trotz der fortschrittlichen Ideen der Madame Guillotine) nichts an Macht und Besitz verloren haben. Zumindest in den "Seitenblicken" und in der Provinz, wo man solche Parasiten tatsächlich noch "die Herrschaft" nennt. Weil man hier nämlich eine heilige Ehrfurcht vor dem Besitz hat, die einem ehemaligen Wiener Zinshausbewohner wie mir völlig fremd ist.

Und da beginnen die Verständigungsschwierigkeiten. Statt im Tankstellenbüffet bei 18 Bier konspirativ die Köpfe zusammenzustecken und die Enteignung der Ausbeuterklasse zu planen, will auf dem Lande jeder selbst zu den Besitzenden gehören. Wenigstens ein bißchen. Sie begreifen nicht, daß man eine Wohnung mietet, wenn man doch ein Haus haben kann. Oder zwei. Und dazu einen Garten, eine Garage, einen Carport, ein Stück Wald, einen Fischteich, ein Gasthaus, ein Geschäft, eine Firma, eine Fabrik, die Wiese da unten, wo vielleicht noch eine kleine Privatbrauerei Platz hat, eine Werkstatt und dann noch einen Schupfen, mindestens, damit man die Traktoren, Mähdrescher und Harvester hagelsicher unterbringen kann. Um sich das leisten zu können, müssen sie dauernd Schulden machen, bausparen und die Felder und Obstgärten der Großeltern an den nächsten Schweindlbauern verkaufen, auf daß der dort noch eine Tierfabrik hinstelle, die mit ihrem Gestank den schönen Besitz der anderen verpestet. Und in Wahrheit gehört alles der Bank. Geheimnis des Kapitalismus. Amen.

Die einzigen, die wirklich an dieser Orgie des Besitzens, Bewahrens und Betonierens verdienen, sind die Baumeister, die dem Salz der Erde dabei helfen, die Erde ordentlich zu versalzen. Die schaffen es regelmäßig, selbst eingefleischten Junggesellen ohne Chance auf Rehabilitation dreistöckige Paläste einzureden, in denen problemlos vier Ehefrauen und ein ganzer McDonald´s voller Kinder Platz hätten. Aber zu denen bringt es der Häuslbauer nie, weil er den Rest seines einsamen Lebens mit Pfuschen verbringen muß, damit er den Kredit zurückzahlen kann. Deswegen sitzt er auch des Abends alleine in einem der unverputzten Räume seiner endlosen Zimmerfluchten, vor dem günstigen Flachbildschirm vom Hofer, sucht mit ganz Deutschland vergebens nach dem Superstar und denkt daran, daß er morgen schon wieder soviel "Oawat" haben wird.

Für einen wie mich, der notorisch nichts hat außer die paar Haare, die ihm die Sozialversicherung demnächst vom Kopf fressen wird, ist das alles ein Rätsel. Bis auch einem wie mir wieder einfällt, daß der größte Immobilienbesitzer des Landes sowieso die rote Gemeinde Wien ist. Dort hat die Revolution ihre Kinder eingemauert ... also versuche ich es doch lieber noch einmal im Wald. Mit einem praktischen Schutzhelm.

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien. Dann entschloß er sich, in die Provinz zu übersiedeln. Wie sich das anfühlte, erfahren Sie hier.

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