Kolumnen_Miststück der Woche - Spezial

Kinky Friedman & The Texas Jewboys: "Men´s Room L.A."

Und wieder gibt es bei Hofer kein Klopapier, obwohl angeblich jeden Tag mehrere Gigaliner nichts anderes an die Filialtür liefern als die Discounter-Variante von Hakle drei und vierlagig. Was diese Situation mit dem großen Kinky Friedman zu tun hat, verrät ihnen Manfred Prescher in einer "Miststück"-Sonderausgabe.    25.03.2020

Wenn um 7 Uhr in der Nacht der Supermarkt seine Pforten für die Kunden öffnet, ist der Run auf Toilettenpapier größer, als es die Jagd nach Kinderschneehosen, Notebooks oder Unterwäsche in besten Schnäppchenzeiten je war - und nach weniger als 15 Minuten bleiben dann nur noch leere Paletten übrig. Für das Horten der Rollen, die es bei Hofer (je nach Zahl der Lagen) ohnehin nur im Achter- oder Zehnerpack gibt, wird der Mensch dann hernach im Internetz verurteilt, erntet aber schon in der Filiale mißbilligende Blicke und bösartige Tiraden von denen, die selbst gern die letzte Packung an sich genommen hätten. Man rauft um das Produkt, so wie früher am Klondike. Sie erinnern sich? Dagobert Duck mußte seinen ersten selbstgeschürften Goldklumpen seinerzeit gegen gewaltbereite Mitmenschen verteidigen. Und warum? Weil man gern das hat, was der andere auch hat? Genau! Und natürlich auch, weil man als Kollege Goldgräber ja nie weiß, ob man jemals selbst ein Riesennugget findet. Womit wir wieder beim Klopapier wären.

 

Was passiert nämlich, wenn das letzte Blatt von der Rolle gelöst und im Abfluß gelandet ist? Und wenn Hakle und Co. nicht mehr liefern können, weil die Mitarbeiter allesamt am Virus erkrankt sind und damit die Lieferkette langfristig unterbrochen wird? Machen sich all die Kritiker, Schimpfkanoniere und "Egoismus!"-Schreier darüber Gedanken? Dabei müßten wir uns nur an die Worte des großen Häuptlings Stinkender Pups erinnern: "Wenn das letzte Blatt aufgebraucht sein wird, werdet ihr merken, daß man von gesunder Baumrinde Hämorrhoiden bekommt."

Der nette Opa aus dem Nachbarhaus, den man jetzt nicht mehr zu Gesicht kriegt, weil er von Drittligafußballern die Lebensmittel und Hygieneartikel - exklusive Klopapier - vor die Wohnungstüre gestellt bekommt, erinnerte mich zu Beginn der Hamsterkaufära an sein Leben zu Zeiten, als seine Heimatgemeinde noch Stalinstadt hieß: "Wir nahmen damals einfach die Zeitung." Das erklärt natürlich, warum er sich bis heute Großgebinde von Faktu mitbringen läßt. Denn das Papier der Tageszeitung ist hart bis kratzig, färbt ab, saugt nicht - und außerdem wird das Lokalblatt in der Krise ohnehin immer dünner. Ohne die Sportmeldungen bleibt ja nur noch ein Thema, weshalb der Journalist an seinem Schreibtisch auch in den Kurzarbeitsmodus verfällt. Abgesehen davon sollte man nicht vergessen, daß das bevorstehende Ende von Drei- und Vierlagigkeit einen massiven Eingriff in die Lebensqualität darstellt. Das gilt natürlich erst recht, wenn wir alle zu Hause bleiben müssen und nicht mehr das firmeneigene, freilich höchstens zweilagige verwenden können.

Sie merken es schon, liebe Leserinnen und Leser, der persönliche Umgang mit dem Klopapier wird leicht zur soziologischen Kernfrage, ja, er kann sogar zu einem philosophisch-religiösem Dilemma mutieren. Das zeigt sich allerspätestens dann, wenn eben - siehe Häuptling Stinkender Pups - kein Blatt mehr verfügbar und auch die Zeitung schon im Orkus verschwunden beziehungsweise die Kläranlage beschäftigt ist. Daß das durchaus so kommen kann, beschreibt der große "texanische Jude" Kinky Friedman in einem sehr persönlichen Lied, dessen Text ihm aber von Buck Fowler auf den dünnen Leib geschrieben wurde. Es geht um ein Problem, das man in Zeiten dringender Notdurft haben kann, vor allem, wenn der Klorollenhalter leer und kein Nachschub in Benutzweite ist.

Friedman beschrieb das, was dann passieren kann, bereits vor rund 45 Jahren aus persönlicher Sicht ebenso drastisch wie eindrucksvoll: Im Lied "Men´s Room L.A.", das er aus ewig gegebenem Anlaß immer wieder live zum Allerwertesten gibt, ist die Lage eigentlich einfach: Nie ist Papier da, wenn man es mal wirklich braucht. Und doch stellt sich eine Gewissensfrage, die zügig beantwortet werden muß: Kinky besucht also, irgendwo in der Stadt der Engel, ein stilles Örtchen, und in den Kabinen sind alle Halter leer. Dazu kommt, daß es bis zur nächsten Bedürfnisanstalt vermutlich viel zu weit ist, L.A. ist schließlich 1.302 Quadratkilometer groß. Das einzige, was eventuell als Papierersatz in Frage kommt, ist das Jesusbild, das eine Glaubensgemeinschaft im Klo verteilt hat und das nun achtlos direkt neben dem Thron liegt. Was tun? "I said 'Lord, what would you do/If you were me and I was you?/Take a chance, save your pants or your soul?' " Also eventuell die Seele ... oder doch wenigstens die Unterhose retten? Für den pan-religiösen Kinky Friedman eine schwierige Entscheidung, die sekündlich drängender getroffen sein will. Was würden wir an Kinkys Stelle tun? Für uns würde sich das Problem gar nicht stellen, meint ihr? Wir gehen doch sowieso längst nicht mehr auf öffentliche Toiletten und haben mindestens immer 30 Bonusrollen in Schüsselnähe deponiert.

 

 

 

Aber genau: Gottlob wird Friedman die Entscheidung ja abgenommen, denn Christus selbst erscheint und beantwortet die fäkaltheologische Frage für ihn: "Kinky, hier spricht Jesus. Du weißt, ich bin kein Photo und außerdem liegen diese Bilder überall von hier bis zur 'Frisco Bay, Baby' zu zigtausenden herum." Also gebot der Herr dem Kinky, daß er gottgefälligst tun solle, was er nun mal dringend tun muß - und daß er dabei keine Rücksicht auf die Abbildung zu nehmen braucht. Denn erstens ist es "nur" ein Photo und nicht er selbst, und zweitens ist Christus bekanntlich ohnehin nichts Menschliches fremd. Vermutlich nicht mal der Egoismus, der auch in einem kalifornischen "Men´s Room" auftauchen kann. 

Das Naheliegende ist einem nun mal näher als das, was später noch passieren könnte und vermutlich auch wird. Denn wenn das letzte Abbild des Herrn, das sich in einem Toilettenraum finden ließ, benutzt worden ist, hilft - tiefentheologisch gesehen - garantiert nicht einmal mehr beten. Dann wendet sich selbst der Herr mit angewidertem Gesicht ab und läßt die Menschen in ihrer Verzweiflung allein zurück. "Herr, warum hast du mich verlassen?" Die Frage muß man sich dann auch noch selbst beantworten, während man sich alles Weitere verkneift. Die Antwort kann nur "weil es hier gottserbärmlich stinkt und ich auf dein Geheule keine Lust habe" heißen. Freilich - und das ist doch ein Trost - lassen Gott und Herr Hakle ja täglich Klorollen auf die Hofer- und Sonstwas-Filialen regnen. Weil der Herr nämlich unsere Panik versteht und uns mit drei- und vierlagiger Sanftheit darauf hinweisen will, daß wir uns nicht ums Papier balgen, sondern uns um Wichtigeres, etwa um unsere Mitmenschen, kümmern sollen. Wir sind hier schließlich nicht am Klondike.

Wort des (noch) lebendigen Kolumnisten. Amen.

Manfred Prescher

Kinky Friedman & The Texas Jewboys - Old Testaments & New Revelations

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