Kolumnen_Kolumnen, die die Welt nicht braucht #33

Mein Leben als Star-Autor

Die meisten Leute glauben, wir Autoren würden ein Leben in Saus und Braus führen, uns den ganzen Tag im Glück suhlen und ab und zu einmal in TV-Serien vorkommen. Das Gegenteil ist der Fall. Unser Leben ist die Hölle, jede Minute ein erbärmliches Gieren nach Auflage und Erfolg.    15.11.2011

Ein Buch zu schreiben, das ist "as easy as 1-2-3". Das sage ich immer wieder, obwohl mich keiner fragt. Denn nur drei Dinge sind dabei wichtig: Anfangen. Weitermachen. Fertigwerden. Jeder Maurer oder Mechaniker, jeder Historiker, jeder Fensterputzer und jede Domina - sie alle werden bestätigen, daß nur diese drei Dinge wichtig sind: Anfangen. Weitermachen. Fertigwerden. Genau wie im restlichen Leben.

Das klingt erst einmal einfach, aber die Idylle trügt.

 

Anfangen zum Beispiel will gelernt sein. Man hadert mit dem Schicksal, ringt mit sich und der zündenden Idee, schiebt tausend Gründe vor, die legitimieren sollen, warum man es nicht tut, das Anfangen. Doch es hilft nichts, denn nur eine Sache kann das Anfangen ersetzen, nämlich das Anfangen. Ich persönlich habe damit die wenigsten Probleme: Ich fange ständig was an. Aus meinen angefangenen Romanen könnte man einen Roman mit dem Titel "300 erste Seiten" machen. Doch wer würde da wissen wollen, wer der Mörder ist? Zumal es bislang keine einzige letzte Seite gibt.

Weitermachen ist noch wichtiger. Ich wage sogar zu sagen: Wer es nicht bis zu dieser Phase schafft, bleibt ewig ein Anfänger. Weitermachen heißt vor allem: Weitermachen. Hört sich leichter an, als es ist. Denn hat man erst einmal den Schwung verloren, wird man langsam. Sobald ein Autor mit dem Tippen aufhört, setzen seine höheren Denkfunktionen wieder ein. Dann neigt er dazu, das Geschriebene durchzulesen. Fehler! Denn natürlich ist alles Geschriebene schlecht. Der Beweis: Autoren, die sich für Profis halten, geben es anderen Menschen zum Lesen. Fehler! Denn das Ergebnis ist deren ehrliche Meinung. Selbst wenn man sich nach der nicht das Leben nimmt, so bleibt es doch immerhin schwierig, die Freundschaft aufrechtzuerhalten. Oder weiterhin einen Mist zu schreiben, den nicht einmal die besten Freunde gut finden. Ich persönlich rate daher dazu, möglichst früh alles wegzuschmeißen und mit etwas anderem anzufangen.

Fertigwerden ist das Schlimmste. Der Held wächst einem ans Herz, den will man nicht so schnell wieder loswerden. Oder die sexy Heroine mit dem harten Hintern, wer will sie schon in den Sonnenuntergang schippern lassen mit ausgerechnet jener Romanfigur, die diese Spitzenbraut gar nicht verdient hat? Man könnte also noch einen Lapdance einbauen. Oder noch eine Gefahr hinzufügen. Habe ich eigentlich eine Autoverfolgungsjagd eingebaut? Ein Meteor könnte die Aufklärung des Mordes verzögern ... Und so weiter. Und hat man erst einmal 900 Seiten fabriziert, müssen diese überarbeitet werden. Wer es tatsächlich geschafft hat, auch nur 300 Seiten mit sinnvollem Text zu füllen, hat darin zum Beispiel ganz notgedrungen Übung entwickelt. Er wird daher die ersten 100 Seiten wie die Schreibversuche eines Elefanten empfinden. Dasselbe bei den zweiten 100 Seiten. Und ist man am Ende der dritten 100 Seiten angekommen, hat man inzwischen auch das Überarbeiten gelernt, ganz von selbst. Dann sieht man sofort, daß die ersten 100 Seiten dringend ein Refreshment brauchen. Und so weiter, ad infinitum. So wird man nie fertig.

 

Doch das alles ist harmlos im Vergleich Zu Dem Tag, An Dem Das Buch Erscheint. Da ist man gut gelaunt, ja mehr noch: Man erwartet, daß die Welt sich nun in die entgegengesetzte Richtung dreht. Oder zumindest in eine etwas andere Richtung. Oder mit einem etwas anderen Tempo. Doch die lakritzbittere Wahrheit ist die folgende: Wenn des Autors neues Buch endlich erscheint, dann passiert rein gar nichts, außer eben, daß es erscheint.

Ein Beispiel, willkürlich herausgegriffen: Mein neues Buch war erschienen, doch die Erddrehung blieb unbeeindruckt kostant. Omas rempelten mich weiterhin rücksichtlos an. Die Hunde kläfften unbeeindruckt an mir vorbei, auch die Karawanen zogen weiter. Die heißen Schnitten, von denen ich gehofft hatte, sie würden mich nun spontan nach Sex fragen, ignorierten mich wie bisher auch. Selbst auf meinen Lesungen wurde ich gebeten, mit dem Putzen doch bitte zu warten, bis die Zuhörer weg sind.

Ich starre noch heute auf das Telefon, aber kein Verleger ruft an, um ein weiteres Buch zu bestellen. Kein Stephen King will Tips von mir. Kein Stephen Spielberg fragt nach Filmrechten. Verkauft es sich sooo schlecht? Ich rufe also Amazon auf. Verkaufsrang: 3873265987365982765-fantastillardster Platz. Und das, obwohl das Buch seit drei Stunden erhältlich ist. Es ist zum Weinen. Es passiert einfach nichts. Mancher Autor schlägt daher die Zeit damit tot, bei Amazon unter falschem Namen positive Kritiken zu schreiben oder sich selbst in Blogs zu loben, die man nur deswegen ins Leben gerufen hat. Inzwischen habe ich daher über 50 Facebook-Konten, über die ich mit mir selbst befreundet bin. Ein bürokratischer Aufwand ist das, neben dem die Aufnahmepapiere für die Hölle wie ein An/Aus-Knopf wirken.

Ich beschließe: Ich erschieße mich. Aber noch nicht, nein, ich rufe lieber nochmals Amazon auf. Unverändert: Rang 3873265987365982765-fantastillardster Platz. Ich schaue auf die Uhr: Eine Minute vorbei, wieder kein Buch verkauft. Woran liegt es? Der Titel? Das Cover? Der Klappentext? Hat die Marketingabteilung versagt? Die PR? Werde ich boykottiert? Ich bin doch jetzt so wichtig, warum merkt das keiner... [Hier blenden wir aus, denn die ursprüngliche Kolumne geht auf diese Weise noch unerträgliche 300 Seiten weiter. Anm. d. Red.]

 

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Das Bilderrätsel, heute aus dem Bereich der Urban Street Art:

"Wo ist eigentlich die Art bei der Street Art?"

Andreas Winterer

Kommentare_

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Martin Compart - 15.11.2011 : 08.17
Seufz. Und nun zwei Zitate eines Meisters:

"Mr.Hammett, welche Art Literatur ist die erfolgreichste?"
"Erpresserbriefe."

"Ich habe einen neuen Roman, an dem ich nicht arbeite. Es ist schön, einen neuen Roman zu haben. Der alte, an dem ich nicht gearbeitet habe, begann mich zu langweilen."
Andreas Winterer - 15.11.2011 : 10.56
"Der Leser hats gut: er kann sich seine Schriftsteller aussuchen." (Kurt Tucholsky)
peterjkraus - 15.11.2011 : 17.21
Andreas, danke für den Tipp mit den fünfzig Facebookseiten! Dass ich darauf noch nicht gekommen bin....
Andreas Winterer - 16.11.2011 : 08.48
Einfach mal die Profis fragen.
onkelhoste - 29.11.2011 : 21.06
Wann hast Du in mein Gehirn gekuckt?
Der Star-Autor - 30.11.2011 : 10.01
Weiß ich nicht mehr, aber es war finster und hallte.

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