Kolumnen_Kolumnen, die die Welt nicht braucht #34

Zombie-Frohsinn für einen Teller warme Suppe

Die Menschen lieben Rituale. Anders ist nicht zu erklären, warum wir uns alljährlich mit den anderen Lohnsklaven in schäbige Wirtschaften begeben und dort grausliche Menüs zu uns nehmen. Bericht von einer Weihnachtsfeier.    05.12.2011

Ihr geliebter Kolumnenautor hat lange darüber gerätselt, warum Weihnachtsfeiern so beliebt sind. Inzwischen weiß ich es: sie verschaffen allen die Gelegenheit, sich früher vom Arbeitsplatz zu entfernen.

"Fährst du mit uns?"

"Nein, ich komme öffentlich, ich muß mich noch frischmachen."

Meine Ausrede war natürlich völlig unglaubwürdig, denn ich bin ja einer der Deodorantverweigerer, die unsere Untergrundbahnen klimatisch und aromatisch so problematisch machen. Und doch bot mir dieser kleine Schwindel die beste Gelegenheit, mich in die Einkaufserlebniswelten der Innenstadt zu stürzen, um auf Kredit meinen quengelnden Nachwuchs mit all dem Unterhaltungselektronikramsch zu beglücken, den er sich gewünscht hatte.

Drei Minuten nach den Nikolausgeschenken.

Stilvoll per McDagoberts-Wunschzettel-eCard.

Mein Rat: Machen Sie es wie ich und vergessen Sie beim Schenken tunlichst ein wichtiges Zubehör, zum Beispiel Netzteil oder Controller. Andernfalls leiden Sie bis Neujahr unter der Melodie von Super Mario. (Kennen Sie nicht? Warten Sie’s ab, bald kennen Sie nichts anderes mehr.)

 

Weihnachtsfeiern empfand ich stets als angeordnete Betriebsversammlung mit angeordnetem Essen und angeordneter Feierlaune. Ergo ist es keine Kommunion, keine Hochzeit und auch kein Begräbnis. Daher zog ich wie stets ein Hawaii-Hemd an. Ein solches Kleidungsstück sorgt nicht nur bei mir für gute Laune, sondern auch bei allen, die mich sehen. Ich sparte auch nicht mit Gel, denn eine säuberlich querbelegte Halbglatze ist besser als gar kein Haar. Leider kam ich nach Weihnachtsshopping und Schneeschipping wieder einmal zu spät. Aber ich sah es positiv: Alle bekamen meinen Auftritt mit, nicht zuletzt dank buntem Hemd. Außerdem mußte ich mich nicht mehr entscheiden, wo ich Platz nehmen wollte - mein Favorit wäre ohnehin nirgends gewesen, oder jedenfalls nicht hier, sondern lieber in meinem Fernsehsessel. Stattdessen konnte ich den letzten verbliebenen Stuhl verwenden. Keiner fühlte sich bedrängt, weil ich mich zu ihm setzte. Niemand fühlte sich vernachlässigt, weil ich mich nicht zu ihm gesetzt hatte. Ein Win-win-Szenario.

Das ist übrigens auch die Strategie, die ich zuletzt auf einem Manager-Seminar hörte: Einfach so lange warten, bis die Entscheidung sich von selbst getroffen hat. Das Universum findet immer einen Weg. Om.

Und ich hatte ohnehin nichts versäumt. Nur die zähen Vorträge von Geschäftsführern, Vorstandsvorständen, Bereichs- und Fachabteilungsleitern, Gruppen- und Teamleitern sowie anderen Verzweifelten auf Karriereleitern.

 

Die führten mir wieder einmal Peter-Prinzip und Dunning-Kruger-Effekt vor Augen. Der Dunning-Kruger-Effekt geht so: Angenommen, wir sind zu dritt und müssen irgendwie was Tolles erfinden, um die Welt zu retten. Meine zwei Kollegen haben die besten Ideen, weil sie nämlich Genies sind. Bloß ich, ich bin im Vergleich dazu ein Depp. Mangels Intelligenz weiß ich das aber nicht. Daher quatsche ich meinen Kollegen ständig drein, denn ich habe das Gefühl, daß die Burschen auf dem Holzweg sind. Das Tragische am Dunning-Kruger-Effekt ist, daß man wirklich aufrichtig glaubt, daß die anderen alles falsch machen. Weil man eben selbst ein Depp ist.

Das Peter-Prinzip, das geht so: Sie sind einer von zehn Mitarbeitern und können weniger als die anderen. Man befördert Sie deswegen, damit Sie weniger Schaden anrichten. Danach sind Sie der Chef der neun anderen, einer von zehn Unterchefs, und weil Sie auch als solcher nicht gerade glänzen, macht man Sie zum Oberchef, und so weiter. Infolgedessen werden stets die Depperten an die Spitze befördert.

Ist aber natürlich nur eine Theorie.

 

Wie kam ich da jetzt drauf? Ach ja, die Reden der Vorstände, Geschäftsführer, Vorstandsvorstände, Bereichs- und Fachabteilungsleiter, Gruppen- und Teamleiter. Sie glichen den Reden vom letzten Jahr. Wieder sprach man vom dunklen Tal der Tränen, das noch nicht durchschritten sei (Psalm 84), und doch gebe es Licht am Ende des Tunnels - und es handle sich dabei nicht um ein Reflektorschild mit der Aufschrift "Sackgasse". Doch wo Licht sei, da sei eben auch Schatten, daher müßten jetzt alle Mitarbeiter der unteren Ebene zusammenhalten, Ihren Gürtel aus Gründen der Solidarität enger schnallen, und so weiter, Bescheidenheit sei nicht nur eine Zier, sondern die rettende Hand am Ufer der Stromschnellen.

(Die letzte rettende Hand, an die ich mich erinnern kann, war da beim Lavafluß die Hand des dunklen Imperators, der sie dem halbierten Darth Vader reichte.)

COBs, CEOs, CMOs und CSOs brachten eine Wiederholung der "Blut, Schweiß und Tränen"-Rede vom letzten Jahr und zündeten Nebelkerzen für mehr proaktives Engagement, konstruktive Offenheit und grenzübergreifende Denkkultur, wobei die Stalinorgeln ihrer Münder im Sekundentakt Buzzword-Raketen mit Sprengladungen wie "Synergieeffekte", "Paradigmenwechsel" und "Commitment" verschossen, während wir Mitarbeiter, also die, die den eigentlichen Job machen, uns nur fragten, wann es endlich etwas zu essen gäbe. Doch diese Frage durften wir nicht stellen. Denn bei diesem Spiel geht es nur darum, uns das Gefühl zu geben, eine wertvolle humane Ressource zu sein. Dafür muß man dankbar sein. Und ich persönlich halte das für eine sehr redliche Maßnahme zur Ertragssteigerung. Ganz ähnlich wie die Mozartbeschallung in Mastschweinekoben.

Früher oder später kommt ja doch einer der CAOs, CFOs oder CTOs auf die dumme Idee, eine Bemerkung zu machen wie "Falls übrigens jemand eine Frage hat - zur Politik der nach oben offenen Tür gehört natürlich auch unsere Bereitschaft, nach unten zu treten - in den Dialog, meine ich".

 

Dies Bemerkung ließ mich wie üblich nicht kalt. Sie warf in meinem Gehirn Fragen auf:

1. Sollte ich Intelligenz vortäuschen? Zum Beispiel, indem ich den Schnabel hielt? Es war ja von ihnen eigentlich alles gesagt worden, was sie sagen wollten - jede weitere Frage wäre nur unbequem oder dumm gewesen. Dumme Fragen sind dumm, und unbequeme Fragen wurden sowieso noch nie beantwortet; sie zu stellen wäre daher ebenfalls dumm gewesen. Vorteil dieser Reaktion: wenig Aufwand, null Risiko.

2. Sollte ich Dummheit vortäuschen? Manche würden jetzt wohl hämen, das wäre etwas, was mir ja besonders leicht fiele. Ich müßte nur einige unsäglich dumme oder unbequeme Fragen stellen oder bei den Fragen anderer nachhaken, am besten zu einem Zeitpunkt, an dem ohnehin klar ist, daß die Obrigkeit nicht gewillt ist, auf diese Fragen zu antworten. Vorteil: Ich würde auffallen. Nachteil: Auffallen würde ich nur als dümmlicher Querulant.

 3. Ich entschied mich gemeinsam mit einigen anderen Kollegen für die dritte Methode: das positive Feedback. Wir fanden all das Gesagte lautstark extrem gut und wünschen allen was Nettes, plus Weltfrieden. Vorteil: Es gab kurz darauf endlich was zu essen.

Wurde auch Zeit, denn 22 Uhr ist keine Zeit für eine Vorspeise.  Zumal es sich um die übliche dünne Suppe handelte, die zu heiß serviert wurde, eine Taktik, dank der man sich die Zunge verbrennen soll, um kein Geschmacksempfinden mehr zu haben, das zu Beschwerden über den Hauptgang führen könnte. Ich wurde trotzdem Erster und leckte den Teller ab, um allen zu zeigen, daß ich in Sachen Engagement und Gründlichkeit jederzeit mein proaktives Wirkpotential entfalten könnte, wenn man mir nur endlich eine Chance gab.

 

Es verging nun einige Zeit, wohl weil im gebuchten Restaurant einfach niemand damit gerechnet hatte, daß wir um 22.30 Uhr schon Interesse an Ente/Lamm/Gans/Hirsch oder Hase haben könnten. (Rind oder Schwein werden nicht mehr gereicht, das könnte ja religiös problematisch sein.) (Auf einer Weihnachtsfeier!) (Also wirklich, wenn man bedenkt, daß viele Religionen einst als Sekten angefangen haben, und sich dann vor Augen hält, wie viele Sekten wir derzeit haben, dann muß man befürchten, daß wir in 2000 Jahren gar nichts mehr essen dürfen. - Weihnachtsfeiern gäbe es natürlich trotzdem ... )

Die Wartezeit überbrückte ich mit Drinks, dem Zerklopfen der Walnüsse (vom letzten Jahr) auf dem Tisch, einem zweiten Drink, dazu einem Stück von dem sprichwörtlich "hartem Brot", das in Körben den Tisch dekorierte, sowie weiteren Drinks. In vino veritas, im Bier ist auch etwas. Ich möchte daran erinnern, daß ich ja aufgefordert worden war, positiv zu denken, und mit einer gewissen Schwebung im Kopfe sieht man die Dinge nicht mehr so nüchtern wie vorher.

Dann kam endlich die Hauptspeise. Ich nutzte die Gelegenheit für ein paar hämische Bemerkungen über die Potenz von Nichtbiertrinkern und die beschränkte Orgasmusfähigkeit von Vegetarierinnen und speziell Veganerinnen, was innerhalb meiner Peergroup auch mit Gelächter belohnt wurde.

Einigen jungen Mitarbeitern, die sichtlich direkt nach dem Essen schon abhauen wollten, riet ich mit der schweren Tiefe eines Papstes, der die Quantenelektrodynamik ins Dogma aufnehmen will, daß es dafür noch zu früh sei. Eine Zeitlang sollten sie ihre Gesichter schon noch in den Wind halten, wenn ihnen ihr Job lieb sei.

Diese Kids! Die sitzen doch sowieso die ganze Zeit vor ihrem Phone, das smarter ist als sie, und schieben mit dem Daumen virtuelle Dinge von links nach rechts und zurück.

 

Bedenken Sie bei Ihrer eigenen Weihnachtsfeier, daß es sich in Wirklichkeit um verkappte Assessment-Center handelt. Bei solchen Gelegenheiten prüft das Management also sehr genau, wer das Zeug zum Alphatier hat und wer zu den Opfern gehört. Ich persönlich nutze daher jede Gelegenheit, mich in die Nähe des Managements zu begeben. Dort devot andocken - das bringt erfahrungsgemäß Punkte. Mein Rat: Vergessen Sie nicht, sich über unfähige Kollegen das Maul zu zerreißen, eigene Verdienste hingegen als standortsichernd herauszustellen. Bestätigen Sie noch einmal, wie klug die soeben von der Geschäftsleitung aufgewärmt vorgetragenen Ideen sind. Vermeiden Sie dabei Fallen wie "aber" und "jedoch", denn Ihr Power-Wording (guter Vorsatz fürs kommende Jahr!) kennt keine negativen Begriffe. Und hauen Sie heimlich noch vor der Nachspeise ab, bevor Sie sich quer über den Tisch des Generalstabs übergeben müssen.

 

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Das Bilderrätsel:

"Nennen Sie mich Spießer, aber: Wer verschenkt sowas?"

Andreas Winterer

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