Kolumnen_Depeschen an die Provinz/Episode 32

Da leiden´s, die Genossen

Ist es nicht herrlich, daß heute praktisch jeder tun kann, was er will - auch wenn es ein Blödsinn ist? Die Leidensvisagen, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, sagen: Nein. Ist es nicht.    16.07.2020

Schon wieder wackelt einer um die Ecke. Er kriegt schwer Luft, der Dreck rinnt ihm das Gesicht herunter, und seine Oberarme baumeln sinnlos umeinander, als hätte man ihm die Schultermuskulatur amputiert. Er trägt eine Wollhaube der Marke "Mir foin jetz scho die Haar aus" und enganliegende, grauslich bunte Leibwäsche, für die ihn seine Mutter früher eine Woche in den Keller gesperrt hätte. Und der Gesichtsausdruck! Dieser Mensch blickt so verzweifelt in die Welt, als hätte er auf einem Viertelkilo Brechwurz gekaut, während er stundenlang im Laufschritt neben der Stadtautobahn Kohlenmonoxid, Feinstaub und die Darmgase behäbiger Passanten inhalieren mußte. Betrachtet man ihn seitlich, aus den Augenwinkeln, dann sieht man richtig, wie ihm der Herzkasperl auf den Schultern sitzt und boshaft grinsend mit der Skeletthand in seinen Brustkorb hineingreift.

Was muß im Kopf des unglücklichen Stadtläufers vorgehen, während seine riesigen Kopfhörer ihm wahrscheinlich grad Verdis Requiem vorspielen? Wir wissen es nicht. Vielleicht rezitiert er "Da renn ich nun, ich armer Tor, bin blader noch als wie zuvor ..." Oder er fragt sich, warum er nix Gescheites gelernt hat und jetzt am hellichten Tag durch die Straßen Wiens torkeln muß wie eine hiniche Aufziehpuppe. Jedenfalls: Keiner macht so viel mit wie er - und das sollen gefälligst alle wissen, deswegen schaut er auch so zwider.

Eventuell ergeht es ihm da ähnlich wie den "Walkern", die übrigens weder Nudelwalker noch Lodenwalker mitführen, sondern einfach nur die deutsche Sprache verlernt haben. Diese Kreaturen erwecken ja auch immer so einen traurigen und beladenen Eindruck, während sie ungelenken Schrittes durch den Beserlpark hatschen und sich dabei innerlich schelten: "Jetz bin i Hirnederl scho wieda mit Schisteckn ausm Haus gangen, dabei liegt gar nirgends a Schnee."

Das unermeßliche Leid (bitte langsam und getragen aussprechen!), von dem auch in den Zeitungen heutzutage so gern die Rede ist, hat weite Teile der urbanen Bevölkerung ergriffen. Man sehe sich nur die vielen Schmerzensmütter an, die mit ihren unwürdigen 49 Jahren geglaubt haben, sich noch schnell zwischen Altersvorsorge und Arterhaltung entscheiden zu müssen. Jetzt schieben sie die gehsteigbreiten Kinderwagerln mit ihren Hormonzwillingen vor sich her und blicken voller Resignation und Empörung jeden Mitmenschen an, der nicht sofort bereitwillig in den Rinnstein springt, um ihnen auszuweichen. Am liebsten rotten sie sich in einst ruhigen, gemütlichen Kaffeehäusern zusammen, wo sie ihre verzogenen Bälger schreiend und spuckend durchs ganze Lokal toben lassen, während sie mit ihren unermeßlichen Leidensgenossinnen darüber plaudern, wie schwer so ein Mutterkreuz zu tragen ist. Wenn man je Zeuge der gottlosen Komödie wurde, wie solche pensionsreifen Jungmütter ihre Säuglinge am Billardtisch zu wickeln versuchen und sich dann aufregen, weil sie versehentlich einen Queue auf die Birn gekriegt haben, wird einem die Melange im Mund sauer.

Und man möchte sie alle anschreien, diese unermeßlich Leidenden: Wer zwingt euch denn, bitteschön, sinnlos im Fitneß-Clownskostüm am Gürtel herumzurennen, bis euch das Beuschl beim Mund aussehängt? Wer nötigt euch Stadtwanderer dazu, mit Stöcken und klobigen Rucksäcken bewehrt durch Gemeindebauanlagen zu irren? Und wer hat euch angeschafft, o ihr spätberufenen Mütter, der Menschheit so ein waaaahnsinniges Opfer zu bringen, obwohl euch eh schon die Osteoporose in den Knochen sitzt?!

Ähnliches gilt übrigens auch für Szenelokal-Kellner, die dem gemeinen Gast mit ihrem unglaublich angefressenen Gesichtsausdruck zu verstehen geben, daß sie sich in Wirklichkeit ohnehin viel zu gut für so eine primitive Hackn sind - es ist halt nur, weil sie sogar fürs Soziologiestudium zu deppert waren und jetzt drauf warten, daß irgendein Job in den Medien für sie frei wird. Bis dahin knallen sie dir zwar dein zaches Schnitzel auf den Tisch und schütten dir das Bier auf die Hose, aber du sollst wissen, daß sie eigentlich zu Höherem berufen sind und sich hier nur für dich und dein bissl Trinkgeld zum Trottel machen.

Aber mir reichen die ewigen zwideren Gsichter jetzt. Ich geh lieber in irgendeine Krebsstation, rauch dort mit den Insassen ein paar vorletzte Tschick und hör mir die morbiden Schmäh der Sterbenden an. Weil die wissen wenigstens, woran sie leiden ...

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien und zwischendurch eine Zeitlang in der Provinz. Jetzt ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Endlich.

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