Kolumnen_Depeschen an die Provinz/Episode 28

Tage wie Pisa

Manchmal geht einfach alles schief. Verstehen Sie? Schief ... wie der Turm. Aha! Na endlich. Blitzkneißer. Und jetzt Schluß mit der Fragerei. Das Leben ist schwierig genug - selbst für geduldige Stadtbewohner.    05.06.2020

Du wirst brutal aus einem Traum gerissen, in dem dir jemand einen Goldbarren hinhält und sagt: "Gehört dir." Es ist noch stockfinster, aber von draußen klingt es so, als hätten die Sternsinger aus der Hölle grad Generalprobe. Genau vor deinem Fenster steht ein Kleinwagen von "Essen auf Rädern", in dem eine extra blade Person eine Wurstsemmel in sich hineinschoppt, als wollte sie Werbung für ihr Firmenmotto machen. Dazu spielt das Viel-zu-Frühprogramm des Frohsinnssenders, der halb Österreich den ganzen Tag die restliche Intelligenz raubt.

Du wendest dich ab und schlurfst ins Badezimmer. Deine Zunge fühlt sich an wie der abgetretene Teppichboden aus einem Obdachlosenheim - und schmeckt auch ungefähr so. Als du das Licht aufdrehst, glotzt dir eine Geisterbahngestalt aus dem Spiegel entgegen, die du noch nie gesehen hast und BITTE auch nie mehr sehen willst, wenn´s geht. Das muß der Trottel sein, der gestern abend die elf roten Spritzer bestellt hat ... Du stellst dich unter die Dusche, schmeißt die Seife hinunter und verreißt dir beim Aufheben schon wieder das Kreuz. Gram- und schmerzgebeugt trittst du dem jungen Tag entgegen.

 

It´s a hard pill to swallow - I believe I´ll chew it first

Things have gotten so bad, I´m quite sure they can´t get no worse ...

 

Eigentlich gscheit, daß du so früh auf bist. In einer halben Stunde soll ja der Thermentechniker kommen und dafür sorgen, daß du wieder heizen kannst und dich nächtens nicht mehr im Straßengwand unter drei Decken verkriechen mußt. Du trinkst Kaffee und wartest. Trinkst noch einen Kaffee. Wartest. Frierst. Verbrennst dir mit dem nächsten Kaffee die Pappn. Und wartest noch immer.

Aber der Thermenmann kommt nicht. Er ist ein zwei Meter zehn großer Untam von einem Handwerker, mit dem man nur ungern anhängt, also rufst du ihn an und flötest: "Was is denn, Herr Untam? Ich wart schon so lang ..." Er schweigt. Wahrscheinlich sitzt er wieder vor einem seiner südkoreanischen Online-Rollenspiele und metzelt Prinzessinnen nieder, damit er nachher den Drachen freien kann. Man weiß es nicht ... Irgendwann spricht der Thermenmann: "Ups. Hob vergessen." Welcher erwachsene Mensch sagt "ups"?! "Dann vergessens mi!" sagst du zornig, legst auf und ziehst dir einen Anorak über den Wintermantel.

Jetzt wirfst du das Hausrechengerät an und schaust auf dein Online-Konto. Das ist so im Minus, daß sogar der Computer ein nervöses Bildschirmzittern kriegt. Wieder hat keiner bezahlt, und wieder werden die Verbrecher am Telefon nur antworten: "Gestern überwiesen." "Grad mit der Buchhaltung gsprochen." "Keine Angst, das Geld is sowieso letztens abgschafft worden." Für sowas bist du jetzt zu müde. Da gehst du lieber auf ein spätes Frühstück ins Kaffeehaus. Dort ist geheizt.

 

When I finally received my check

they had misspelled my name ...

 

Das Fiakergulasch, die Reparaturseidln und die drei Fernet stoßen dir ordentlich auf, als du in die Tramway steigst. Du mußt um drei beim Arzt sein, wegen deinem depperten Kreuz. Wenigstens ist der Waggon leer - bis auf einen einsamen Fahrgast. Nach zwanzig Sekunden reckt es dich, weil deine Nase registriert hat, daß dieser eine ein Sandler ist, der garantiert schon zwei Stunden da drin vor sich hinverwest und wahrscheinlich auch seine Geschäfte, die großen und die kleinen, am liebsten in den Wiener Linien erledigt. Du steigst bei der nächsten Station aus und hatschst den Rest zu Fuß.

Im Wartezimmer vom Orthopäden sitzen Millionen Leute, die vor dir drankommen. "Warum geben Sie mir überhaupt einen Termin, wenn ich dann den kargen Rest meines Lebens zwischen Siechen und Lahmen verbringen muß?" herrschst du die Sprechstundenhilfe biblisch an, doch die zuckt nur die Achseln und versteckt deinen Krankenschein.

Als du die Praxis verläßt, noch maroder als vorher wegen der brutalen Spritze, ist es längst wieder finster. Du trittst den Rückweg an, der auch ewig dauert, weil Stoßzeit ist, so wie den ganzen Tag in Wien.

 

The bus moved so slow

I forgot where I was going ...

 

Wozu heimgehen? fragst du dich kurz vor der Haustür. Woanders kann´s ja auch ungemütlich sein ... Also machst du noch schnell einen Abstecher ins Wirtshaus. Vielleicht ist ja der Typ mit den roten Spritzern wieder dort.

 

 

(Thanx to Eddie Harris und seinem wunderbaren Song "Bad Luck Is All I Have")

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien und zwischendurch eine Zeitlang in der Provinz. Jetzt ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Endlich.

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 31

Mist you!

Solange der wirtschaftliche Aufschwung auf sich warten läßt, können Sie sich ja in der guten alten Tradition des Miststirlns üben. Das spart nicht nur Geld, sondern ist auch lehrreich. Nicht nur für Kolumnisten.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 30

Auf der Suche nach der vergorenen Zeit

Das mit den guten Vorsätzen war auch heuer schnell vorbei. Schon ein paar Tage nach Silvester fand sich unser Kolumnist in einem Wirtshaus wieder, um die Mysterien des Alkoholismus zu ergründen.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 29

Wiener Wohnen

Der durchschnittliche Stadtbewohner hat nur vier Wände - statt ein ganzes Haus mit Carport und Gemüsegarten. Aber in denen kann er wenigstens seinen Wahnsinn ausleben, ohne daß ihm dauernd wer nachspioniert.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 28

Tage wie Pisa

Manchmal geht einfach alles schief. Verstehen Sie? Schief ... wie der Turm. Aha! Na endlich. Blitzkneißer. Und jetzt Schluß mit der Fragerei. Das Leben ist schwierig genug - selbst für geduldige Stadtbewohner.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 27

Früher, statt Halloween ...

"Ich geh´ nicht gern auf Friedhöfe - die deprimieren mich so!" hört man immer öfter aus imbezilem Mund. Da man die Leute aber blöderweise nicht im Keller der Therapeutin verscharren kann, ist zu Allerheiligen der Weg vorgezeichnet.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 26

Der Ruf der Sirene

"Es wird doch nix passiert sein?!" sagt der Wiener mit ängstlich-lüsternem Blick, wenn zwei, drei Rettungen an seinem Fenster vorbeirasen. Dabei sollte er längst wissen: In der Stadt ist immer was passiert.