Kolumnen_Miststück der Woche - V/019: Die Faust im Nacken

Oasis: "Don´t Stop ... (Demo)"

Kommen Oasis wieder zusammen? Schwer zu sagen. Aber jeweils einer der beiden Gallagher-Brüder forciert das Thema immer dann, wenn der andere gerade sein "Never"-Veto durch die Medien posaunt. Wer also auf Neues von der einstmals besten Band mindestens Manchesters wartet, harrt wahrscheinlich vergebens der Dinge, die da kommen könnten. Oder doch nicht? Fragt Manfred Prescher ...    27.05.2020

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.


Das Ganze muß man sich wohl so vorstellen: Noel Gallagher saß zu Hause und langweilte sich. Erstens hatte Corona Dignidad das heimische Inselchen im Griff, und zweitens ploppten immer wieder Meldungen durchs Netz, die von einer Wiedervereinigung von Nord- und Süd-Manchester, also von Noel und seinem jüngeren Bruder Liam fabulierten. Der wollte letztens die Band unbedingt zusammenbringen. Man wohl würde zwar nie "im Auftrag des Herrn" unterwegs sein, aber man sollte, so Liam, die Differenzen zumindest für einen großangelegten Auftritt überwinden - und das erspielte Geld dann an die Vereinigung notleidender Oasis-Fans spenden. Noel seufzte, verwünschte dabei sein völlig mißratenes Familienmitglied zum wiederholten Male. Dann langweilte er sich weiter, hatte auch zum Songschreiben keine Lust. "Aber apropos Song ..." dachte er. "Irgendwo muß noch ein Lied herumliegen, das wir nie veröffentlicht und zu Geld gemacht haben."

 

Wo mochte das verdammte Ding nur sein? Wenn er sich recht erinnerte - und er war sich beileibe nicht sicher, ob er seinem Gedächtnis in diesem Punkt trauen konnte -, mußten sie das Lied für das Album "Don´t Believe The Truth" aufgenommen und eben nicht verwendet haben. "Oder war es doch für 'Dig Out Your Soul'?" Das vermochte er beim besten Willen nicht zu sagen. "Ich werde wohl langsam senil", schalt er sich und stapfte mißmutig ins Aufnahmestudio in den Keller. Dort lagerten die Masterbänder der Platten und noch einige Demoversionen der Songs. Also schauen wir doch mal, was sich zwischen 2005 und 2008 - "verdammt lang her!" - so alles angesammelt hat. Zehn Minuten später wußte Noel, war er eigentlich schon geahnt hatte: Der Zeitraum barg kaum Geheimnisse und vor allem kein unverwendetes Material. "Hundertausend Höllenhunde nochmal, ich bin sicher, daß da noch ein Lied übrig war." Er ging an die Studiobar und goß sich einen Aureum Grave Digger ein, setzte sich auf einen Hocker und sinnierte, das Glas leicht in der Hand schwenkend. "Wo ist der Track? Das Haus verliert doch nichts?" Nein, das Haus verliert natürlich nichts, er selbst aber schon. Zuletzt hat er seine Geduld verloren - und das sogar ohne Liams Zutun.

 

Er wußte nicht, wie lange er so dagesessen sein mochte. Waren es 15 Minuten oder gar eine Stunde? "Ach, sch... der Hund drauf. Ich geh´ jetzt wieder hinauf, schließlich kommt auf BBC1 gleich meine Lieblingsserie 'Have I Got News For You'." Auf dem Weg nach oben fiel sein Blick auf ein großes Holzgefäß, sein "Faß ohne Boden", wie er es nannte. Dort verschwand einfach alles, was sich keinem Zimmer und keinem Stockwerk im Haus zuordnen ließ. Oder was gerade nicht ins persönliche Fengshui paßte. Wenn er etwas nicht aufräumen wollte oder konnte, war das Faß der beste Ort, es verschwinden zu lassen. Sollte es jemals bis zum Rand voll sein, würde er es komplett entsorgen. "Was ich nicht brauche, kann weg." Entrümpeln ist oft besser, als jedes Ding auf seine Brauchbarkeit zu hinterfragen. "Wie war das noch gleich? Was man sieben Jahre lang nicht vermißt hat, wird aller Wahrscheinlichkeit nie mehr gebraucht?" Er wußte nicht, ob das von Seneca oder von seinem City-Lieblingsspieler Colin Bell stammte, aber das spielte letztlich keine Rolle. Im Entsorgen und Verschwindenlassen war er gut, nur sein bescheuerter Bruder verschwand einfach nicht. Der hielt sich wie eine Zecke am Hundehals. Ihm schauderte - dann nahm er den Deckel vom Faß, wühlte lustlos im Morast seines Lebens und hielt plötzlich eine CD-ROM in der Hand. Irgendwann hatte er mit schwarzem Edding "Don´t Stop ..." auf den Rohling geschrieben. Alles Weitere verflüchtigte sich dann im Nebel der Geschichte von Oasis.

Noel vergaß seine Lieblingsserie und legte den Song ein. Die Aufnahmequalität war mittel. Nicht ganz schlimm, aber eben auch nicht zu Ende produziert. Er fragte sich, warum sie das Lied nicht fertiggestellt und für eines der beiden in Frage kommenden Alben verwendet hatten. Er wußte nämlich genau, daß in der Endphase der allerbesten Band der Welt weitaus schlechtere Tracks auf den Platten gelandet waren. "Don´t Stop ..." war gar nicht so übel. "Nicht weltbewegend, aber ein okayes Stück Oasis." Man könnte es Spotify zum Fraß vorwerfen, dachte er. Dafür müßte man es nicht noch einmal ins Studio zerren, was ohne Master sowieso schwierig wäre. Er erinnerte sich, daß seinerzeit die Bänder der Session dem brüderlichen Streit zum Opfer gefallen waren.

 

Am Ende dieses unwürdigen Arbeitstags lagen nur noch Fetzen auf den Fliesen der Sawmills Studios in Cornwall. "Es hätte nicht viel gefehlt und wir hätten den ganzen, schönen Landstrich rund um Fowey den Erdboden gleichgemacht." Und dafür klingt das Demo von "Don´t Stop ..." richtig gut. Noel wußte natürlich - genau wie alle Oasis-Fans -, daß er und Liam meist dann am besten waren, wenn sie wütend aufeinander waren. Die Tatsache sprach nun wieder dafür, es nochmal mit Liam zu versuchen. Er war immerhin nachhaltig wütend auf seinen kleinen Bruder. Schließlich nervte der mit seinen dauernden Kontaktversuchen via "Observer" und "Daily Mail". Und dann ist Liams letztes Album "Why Me? Why Not." auch noch richtig gut geraten. "Kaum zu fassen, der Hirni hat echt was hingekriegt", dachte Noel - und eines mußte der Neid Liam auch lassen: "Im Video zu 'Once' den Butler von Eric Cantona zu spielen, ist schon verdammt genial!" Cantona war zwar bei ManU, aber er ist eine coole Sau.

"Wir könnten über Fußball reden", dachte Noel. Darüber stritten sie eigentlich nie. Beide waren seit den Kindertagen Fans von Manchester City. Er erinnerte sich, wie er mit Liam an der Hand nach Moss ins Stadion an der Maine Road gegangen war, er hatte sogar noch die Ermahnung seiner Mutter im Ohr: "Paß auf deinen Bruder auf und laß ihn nie aus den Augen." Vermutlich sollte er genau das wieder tun. "Don´t Stop ... Genau!"

So oder so ähnlich könnte es sich zugetragen haben. Sicher ist, daß der unveröffentlichte Oasis-Song tatsächlich per Zufall gefunden wurde. Den Rest habe ich mir und euch in bunten Farben ausgemalt, um den 4:56-Minuten-Fund nicht allzu profan beschreiben zu müssen. Für eine Handvoll Worte: Als Fan ist es mir wichtig, ein paar Worte über den Zufallsfund zu verlieren ...  Wie denn das Lied nun ist? Na ja, etwa so, wie ich es Noel in den Mund gelegt habe: Es gibt schon etliche schlechtere Songs, aber eben auch viele bessere. Also nicht übel, sprach der Dübel. Ob "Don´t Stop ..." die Botschaft "Weitermachen!" verbreiten soll, kann man – je nach Lust, Laune oder Grad an Zu- oder Abneigung - hoffen oder befürchten. Also bleibt bei den Gallaghers alles wie immer. Warten wir einfach, was der "Observer" so zu berichten hat.

 

 

 

Nächste Woche werde ich euch hier eine junge Frau aus Göppingen, Göggingen oder Göttingen vorstellen. Sie ist, wie sie selbst sagt, 1995 oder ´96 geboren. Sicher ist, daß sie rappt - und das auch noch richtig gut. "Niemand der so redet" heißt der Track, um den es dann gehen wird. Bis es soweit ist, werde ich mich verdünnisieren. Macht es gut, macht es noch besser und bleibt vor allem, wie ihr und was ihr seid. Es bleibt euch sowieso nichts anderes übrig. Jemand, der so schreibt, ist bald wieder für euch da.

Manfred Prescher

Oasis - "Don´ Stop ... (Demo)"

Leserbewertung: (bewerten)

Photos: Oasis

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kolumnen
Miststück der Woche - V/025: Million Dollar Baby

Ada Rook: "Someday (Dear ______) - World Doesn´t Come Apart"

Lärm oder Wohlklang? Eigentlich geht beides ganz ordentlich zusammen, findet Manfred Prescher. Schließlich ist die Welt seit jeher aus Widersprüchen gebaut. Musikalischer Wechselstrom kann die irdische Quintessenz auch gut bündeln, wie Ada Rook zeigt. Manfred Prescher berichtet über musikalische und andere Spannungsfelder.  

Kolumnen
Miststück der Woche - V/024: Wilde Maus

Bob Dylan: "False Prophet"

Bob Dylans 39. Studioalbum ist da. Manfred Prescher hat reingehört und daraus sein aktuelles "Miststück der Woche" auserkoren.  

Kolumnen
Miststück der Woche - V/023: Zurück in die Zukunft

Die Buben im Pelz: "Kodachrom"

Die Zukunft beginnt leider etwas später - ein unscheinbares Virengebilde sorgt zum Beispiel dafür, daß das neue Album der Buben im Pelz nebst Tour durch die Gemächer von Herrn Felix Austria und seinen Nachbarn erst im hoffentlich kommenden Jahr ansteht. Manfred Prescher freut sich aber, daß es wenigstens schon einen famosen Song vorab zu hören, streamen oder herunterzuladen gibt.  

Kolumnen
Miststück der Woche - V/022: Vier Fäuste für ein Halleluja

Robert Görl/DAF: "Ich denk an Dich"

Manfred Prescher hat sich aufrichtig gefreut. Als die Posts über eine neue Platte seiner Idole von der Deutsch Amerikanischen Freundschaft - kurz DAF und eben nicht DÖF - ihre Spur durchs Netz zogen, deutete alles auf die glorreiche Rückkehr der eigentlich nie Weggewesenen hin. Aber es kam anders, und deswegen muß der Kolumnist an dieser Stelle etwas über echte Freundschaft erzählen.  

Kolumnen
Miststück der Woche - V/021: Wonder Woman

Balbina featuring Herbert Grönemeyer: "Machen"

Wer nix macht, macht bekanntlich nix verkehrt. Allerdings verfällt er - oder in diesem speziellen Fall sie - dann leicht in eine mit düsterer Schwermut angereicherte Stimmung. Also erhebt sie sich vom Sofa und macht irgendwas. Am Ende ist bei der Aktion ein nettes Lied herausgekommen, findet Manfred Prescher.  

Kolumnen
Miststück der Woche - V/020: Freestyle: The Art Of Rhyme

Haszcara: "Niemand der so redet"

Nicht schon wieder ein Text über den ach-so-doofen deutschsprachigen HipHop, über dämliche Grenzübertretungen und bescheuertes Gehabe! Nein - es wird vielmehr einer über interessante und begabte Rapperinnen und Rapper. Die gibt es nämlich wirklich. Das sagt Manfred Abou Chaker und duldet absolut keinen Widerspruch.