Kolumnen_Miststück der Woche - V/014: Trainspotting

Porridge Radio: "Sweet"

Gut unterrichtete Kreise gehen davon aus, daß diese Band das nächste hippe "Indie-Ding" des Jahres wird. Sowas führt dann zu blendenden Kritiken und zur Beschallung von WGs und Kneipen in urbanen Szenevierteln. Das muß aber gar nicht schlecht sein. Manfred Prescher ist ziemlich angetan von Porridge Radio, wie Sie hier nachlesen können.    22.04.2020

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 
Ich mag das klassische, englische Porridge wirklich gern - also das mit Haferflocken, Mandelkernen, Zimt, einer Prise Salz und viel Milch. Das löffle ich bis zu den unweigerlich folgenden Bauchschmerzen in mich hinein. Und ich liebe, wie Ihr alle wißt, Radio als Hörer und Macher. Niemals werden Video oder sonstwer Radio "killen"; das bekommen nicht einmal die Formatgleichschalter hin, die landauf, landab in "Heavy Rotations" für Nebenbeibeschallung sorgen.

Vermutlich bezeichnet der Begriff "Porridge Radio" genau die Grütze, die die meisten Sender auf uns herabrieseln lassen. Mit dieser Form von Rundfunk hat die Band gleichen Namens aber rein gar nichts zu tun. Das im südenglischen Brighton gegründete Ensemble machte nämlich recht lange - und fast nur in regional begrenztem Rahmen - Lärm in fast schon punkig-rotziger Ausgestaltung. Von nichts kam zunächst einmal halt recht wenig. Do It Yourself, bis alle Saiten reißen und der Übungsraum nicht mehr schalldicht genug ist, um die Nachbarschaft zu schützen. Die DIY-Phase hielt fast fünf Jahre lang an, doch man konnte schon an den 2019er-Songs "Give/Take", "Don´t Ask Me Twice" und "Lilac" erkennen, daß das Songwriting von Sängerin und Leadgitarristin Dana Margolin sich deutlich verbessert hat.

Gingen selbst die besten Ideen zuvor in den Lärmkaskaden unter, so werden sie nun auch dank punktgenauer Produktion aus dem Sound-Sumpf herausgehoben. So ähnlich haben - nicht erst seit den Beatles - alle Bands, gute wie schlechte, angefangen. Und: Porridge Radio sind innerhalb von fünf Jahren verdammt gut geworden. In den normalen Dudelfunk schaffen sie es zwar immer noch nicht, aber das wollen Margolin und ihre Mitstreiter garantiert auch nicht. Dazu klingen sie immer noch zu rotzig-rauh, dazu wird den Songs immer noch jede Spur von Glätte ausgeschleudert - oder, um es anders auszudrücken: Margolin setzt immer dort auf künstlich erzeugte Brüche, wo es zu sehr heimelig, romantisch oder sonst irgendwie süß werden könnte. Das gilt paradoxerweise auch für "Sweet", die aktuelle Single, die - wie die oben genannten drei Songs - auch auf dem Album "Every Bad" zu finden ist.

 

Die britische Musikpresse, die allerdings auch nur noch als Rudiment in den Nischen des Inseljournalismus dahinkraudert, feiert die Band hymnisch, so wie sie schon viele Bands vorher aufgrund von ein, zwei Songs in den Himmel gelobt hat. Der deutsche "Musik Express" schließt sich nach Anhörung des kompletten Albums der durchaus verdienten Lobhudelei an:

" 'Every Bad' ist einerseits zu einem emotional hochtourigen Auskunftsbuch über" das "schwer verständliche Leben geworden, andererseits zerfallen die Erzählungen schneller, als die Künstlerin ihre Gedanken sortieren kann". Über diese Sätze muß die beste Liebespartnerin von allen schmunzeln und stellt, nachdem sich die Gesichtszüge wieder auf normale Alltagsniveau zurückbewegt haben, fest: "Du hättest die Qualität des Albums vermutlich genauso verschwurbelt zusammengefaßt." Weil das durchaus sein könnte, begreife ich diese Äußerung auch gar nicht erst als Lob. Denn eigentlich erklären die Zeilen des verehrten Kollegen von der Musikzeitung auch nicht die Musik an sich, sondern ein Gefühl, nämlich sein Gefühl beim Hören der Songs und beim "Antizipieren" (Jürgen Klopp) der Texte. Man erfährt nebenbei, daß es im Kopf des Kritikers verquaster und komplizierter zugeht, als es sein müßte. Aber besser so als andersherum. Eine Wanderdüne im Kopf herumzutragen, kann schließlich auch nicht das Ziel der menschlichen Evolution sein.

 

Also halten wir einmal fest: Die Songs von Margolin sind nur in den musikalischen Brechungen komplex, die Melodien und Lyrics sind einfach, was hier aber ausdrücklich nicht für "simpel" oder "schlicht", sondern für "präzise" und "durchdacht" steht. So wie es sich mit vielen Brecht-Gedichten auch verhielt: "Frühling wird es allerorten, denn es stinkt aus den Aborten." Mehr braucht es nicht, um den Zeitgeist der 1920er Jahre und die Lebensbedingungen auf den sprichwörtlichen Punkt zu bringen. Bei Porridge Radio gibt es ähnlich kluge Sätzchen: "I am charming, I am sweet/She will love me when she meets me" raunt uns Frau Margolin an der Grenze des Wahrnehmbaren zu. Würde frau den Satz in Slits-Manier punkmäßig heraushauen, was sie durchaus draufhat, dann würde es klingen, als platze sie vor Selbstbewußtsein. Aber dieses Flüstern sorgt dafür, daß die Selbstzweifel lauter klingen als die wenigen Worte. So einfach stellt man eine zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Stärke und Schwäche changierende Person in aller Kürze dar.

Die Welt ist tatsächlich komplex, weil verschiedene sehr einfache Dinge ein verwirrendes Ganzes von unvorstellbarem Ausmaß ergeben. So wirkt die Musik von Porridge Radio - bei aller Energie, bei allem Zorn und bei aller Rock´n´Roll-Trashigkeit - immer auch zart, ja, zerrissen von Extremen. Aber eben auch unbeugsam, denn aufgeben will Dana Margolin nie und nimmer: "I don´t want to get bitter/I want us to get better" singt sie in "Lilac", dem nach "Sweet" zweitbesten Song des Albums. Was das Werk nämlich auszeichnet, ist das, was Spontis in den späten 70er und dann in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hoffnungsfroh mit "Unter dem Pflaster liegt der Strand" bezeichneten: Zwischen all dem Unrat auf der Welt existiert noch viel Schönes.

Daß der Slogan eigentlich auf die Situationistische Internationale zurückgeht und damit noch älter als der erste Sponti ist, muß man nicht wissen. Doch Bildung schadet bekanntlich auch nicht - also zurück zum Strand, den man angeblich unter dem Trottoir finden kann: Zwischen versifften Mini-Clubs im auch nicht mehr mondänen Brighton, zwischen billiger Studentenbutze und Brexit-bedingter Zukunftsangst kann man auch vorsichtig nach Glücksmomenten stöbern. Genau das macht Dana Margolin auf den elf Tracks des Albums "Every Bad". Sie sucht ein Zuhause - wie im finalen "Homecoming Song", weiß aber, daß es schwer zu finden sein wird. Und ob dort jemand wartet, der/die einen längerfristig "sweet" genug findet, um zu bleiben, ist natürlich auch nicht gewiß. Aber die Hoffnung darauf sollte man nicht aufgeben. Wenn man die Quintessenz von Porridge Radio denn unbedingt zusammenfassen möchte, dann am besten so: "Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her" - oder eine Leuchte wie Dana Margolin.

 

 

Das soll es erst einmal von mir gewesen sein, ich muß mal in den Keller, zum Sicherungskasten. Das Licht ist ausgegangen, und der Akku vom Notebook steht bei nur noch acht Prozent. Aber nächste Woche komme ich wieder, vermutlich im gut ausgeleuchteten Büro sitzend. Dann geht es an dieser Stelle um den ewigen Morrissey, den manchmal sehr schrägen, oft richtig genialen Romantiker. Der klopft Sprüche raus, daß es nur so rauscht im virtuellen Blätterwald. Aber er kann halt auch immer wieder anders. Wie? Davon berichte ich nächste Woche. Bis dahin vergeßt nicht: "There´s a light/Over at the Frankenstein place/There´s a light/Burning in the fireplace/Theres a light/In the darkness of everybody´s life." So schaut´s aus.

Manfred Prescher

Porridge Radio - Every Bad

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