Kolumnen_Miststück der Woche - V/022: Vier Fäuste für ein Halleluja

Robert Görl/DAF: "Ich denk an Dich"

Manfred Prescher hat sich aufrichtig gefreut. Als die Posts über eine neue Platte seiner Idole von der Deutsch Amerikanischen Freundschaft - kurz DAF und eben nicht DÖF - ihre Spur durchs Netz zogen, deutete alles auf die glorreiche Rückkehr der eigentlich nie Weggewesenen hin. Aber es kam anders, und deswegen muß der Kolumnist an dieser Stelle etwas über echte Freundschaft erzählen.    17.06.2020

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.


Die große Frau Doktor Erika Fuchs, ja, die Dame, die den Erikativ erfunden hat, forderte es ein: "Nur keine Sentimentalitäten!" Aber manchmal muß man einfach sentimental sein. Zum Beispiel dann, wenn ein Freund gestorben ist, dem man mehr als 40 Jahre lang eng verbunden war. Mit dem man gute, aber auch schlechte Zeiten erlebte und mit dem man stritt wie die Kesselflicker, aber dann auch wieder gegen jeden Widerstand zusammenhielt wie Tick, Trick und Track: "Jawohl, laßt uns schwören! Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr ..." Mit dem man Dinge erlebte, die nie zuvor zwei Menschen erlebten und mit dem man zu kreativen Höhenflügen abhob, auch mal ohne Fallschirm, dafür aber mit Nachdruck auf die Schnauze flog.

Ich habe zwei solcher Freunde. Sie begleiten mich seit der Oberschulzeit und wir haben manchen Strauß ausgefochten, gegen einen Strauß gekämpft, als der Kanzler werden wollte, über den Tod, den Teufel, die Liebe und den ganzen Rest philosophiert und dabei die kreativen Säue durch die fränkische Schweiz getrieben. Gedichtet, gemalt, photographiert, geschwurbelt und ab und an auch mal Pannen bewältigt. Ein Aquariumschlauch als Ersatz für die lecke Benzinleitung? Geht doch. Weil fast alles ging, besonders, wenn vermeintlich nix mehr ging. Wenn Gemälde auf dem Speicher und im Keller zu verrotten drohen, weil man selbst an ihnen zweifelt, wenn man das literarische Werk in Windeseile mit Feuerzeug oder Klospülung bearbeiten möchte, dann sind Freunde da. "Ein einig Volk von Brüdern" halt. Weil dem so ist, verstehe ich auch Robert Görl so gut. Was auch immer wieder an zeitlicher und emotionaler Distanz zwischen ihm und Gabriel "Gabi" Delgado-López gestanden haben mag, es hat eben nie ihre Freundschaft zerstört - aber durch Gabis Tod hat er etwas unwiederbringlich verloren: die gemeinsame Zukunft.

 

Man braucht jetzt nicht unbedingt sentimental zu werden, obwohl das beim Blick zurück durchaus erlaubt sein muß. Der Andalusier Gabi und der Bayer Robert waren nämlich ein perfektes Team, seit sie in Wuppertal zusammenfanden. Der eine, Robert, war klassisch ausgebildet und lernte als Teenager Schlagzeug bei einer deutschen Jazz-Ikone, deren Geschichte mal ausführlich erzählt gehört, bei Freddie Brocksieper. Der andere, Gabi, war einer der Köpfe der Punkszene an Rhein und Ruhr und auch Teil der legendären Mittagspause. Weil damals wirklich alles passieren konnte, wurden - vereinfacht geschrieben - aus Mittagspause sowohl Fehlfarben als auch DAF.

Gabi und Robert spielten mit uns "Räuber und Prinz", träumten "Kebab-Träume"und tanzten mit uns durch die Nebelschwaden von "Kitsch" und anderen Punk-Wave-Düster-Dingens-Clubs den "Mussolini". Gemeinsam mit den beiden verschwendeten wir unsere Jugend, bis sie zur Neige ging. Für mich war es "Liebe auf den ersten Blick", und ich begleitete sie auf Solopfaden, die - trotz oder wegen mancher Irrungen und Wirrungen - geniales Zeugs hervorbrachten. Man denke nur an Gabis "Delkom"-Projekt oder sein leider unterschätztes Soloalbum "Mistress". Oder man erinnere sich an Roberts "Psycho Therapy" oder "Sexdrops". Aber (und ich bin sicher, Robert weiß das) so gut sie auch allein waren, im Verbund waren sie besser. Sie konnten sich auf das Können des anderen und sein kreatives Genie verlassen, so wie nur beste Freunde das hinbekommen. Sieben Langspielplatten haben uns DAF hinterlassen, fünf davon spielten sie im Duett ein. Das letzte gemeinsame Werk stammt von 2003 und heißt zurecht "Fünfzehn neue DAF-Lieder", seitdem warten wir auf neue gemeinsame Aktivitäten. Die große, bei Grönemeyers Grönland-Label erschienene Werkschau "Das ist DAF" war zwar schön, aber hatte man das nicht alles schon dank der Original-LPs? Eben. "Du bist DAF" nannten sie eine an uns Fans gerichtete Single - Robert und Gabi kannten uns gut.


Wir würden warten, denn zum Sterben blieb ja noch Zeit. Schließlich war Gabi noch bärenstark, viril und jung. Oder zumindest wirkte das auf uns so. Deshalb hofften wir auf Neues von den alten Kumpels. Und deshalb brach eine Welt zusammen, als Gabi Delgado-López kurz vor seinem 62. Geburtstag starb. Wie es Robert mit der Nachricht ging, kann man nur ahnen. Ich werde ihn nicht nach seinen zutiefst privaten Gefühlen und nach seiner Trauer fragen. Wenn ich an meine beiden besten Freunde denke, die munter und kregel wirken, aber eben auch in Gabis Alter sind? Ja, dann kann ich erahnen, wie es mir dereinst gehen könnte.

Und nun hat Robert Görl dieses Lied gemacht. Wie alle Songs hat es einen Titel, aber dieser hier läßt mich an seichte Schlager im Stile von Andrea - und eben nicht von Voodoo - Jürgens denken. Würde Robert seine Gefühle in solch eine Musik kleiden, er könnte es tun. Aber mir ist es lieber, daß "Ich denk an Dich" eben kein weinerliches Rührstück, sondern ein kraftvoller DAF-Track geworden ist. Einer, der auch auf "Gold und Liebe" oder eben auf "Für immer" gepaßt hätte. Ein wenig retro ist das Lied, aber das muß so sein. Immerhin transportiert es die Vergangenheit zweier Freunde. Nach Zukunft kann es nicht klingen, denn die hat der Schnitter ja unterbunden, bevor die beiden sie mit uns teilen konnten. Da aber auch die "klassischen" Alben von DAF auch heute nicht altbacken wirken, geht das völlig in Ordnung. Und daß Robert dabei auch Gabis Part mitübernimmt, ist mehr als ok. Wenn einer das darf, dann er. Im Wissen, daß es nie wieder so wie früher sein kann, gelingt ihm ein einfühlsames Stück Techno. Und das versetzt mich auf seine ureigene Art in eine sentimentale Stimmung, der ich jetzt noch ein bißchen nachspüre ...

 

 

 

Nächste Woche werde ich wieder mit Schmackes von Neuem auf euch "einschreiben". Worum es gehen wird, weiß ich noch nicht. Es könnte sich tatsächlich um einen neuen Song vom Nino aus Wien handeln. Das wäre dann zwar irgendwie melancholisch, aber eben auch sooo schön. Aber vielleicht kommt es ganz anders - ihr werdet es erleben. Also bleibt gesund, munter und fidel.

Manfred Prescher

Robert Görl/DAF: "Ich denk an Dich"

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Photos: © Disney, Grönland Records

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