Kolumnen_Depeschen an die Provinz/Episode 18

Ungezogen umgezogen

"Kaum hab’ i den ersten Bissen im Mund, ruaft wer an ..." Wenn es in der Provinz immer so originell zuginge, könnte man glatt dortbleiben. Aber man soll ja bekanntlich aufhören, wenn man schon weiß, wie´s weitergehen wird.    13.11.2019

Der Bekannte aus Bayern war einer, den man in Kleidergeschäften dezent einen "stärkeren Herrn" nennt. Nur: Dort, wo ich bis vor kurzem wohnte, gibt es so etwas wie dezent nicht - zumindest nicht in den berüchtigten Hügeln, die düster hinter der Kleinstadt aufragen. Ausgerechnet dahin mußten wir aber, weil irgendwas mit dem Auto war (wie das mit Autos immer ist). Und der Münchner fuhr mit. Kaum hatten wir das marode Fahrzeug verlassen, stürzte sich ein Hobbymechaniker unter die Karosserie, während seine Lebensgefährtin den bayrischen Besuch in Augenschein nahm. Skeptisch. Nachdem sie ihm keine zwei Sekunden lang ins Gesicht gesehen hatte, starrte sie zwei Minuten lang fasziniert seinen Bauch an und fragte dann in dessen Richtung: "Machst du überhaupt Bewegung?"

Der Bauch antwortete nicht, der Eindringling ins Hügelland war peinlich berührt und erging sich in patscherten Ausreden: wie er eh immer laufen gehen wolle, daß er schon so viele Diäten ausprobiert habe und jetzt aber sicher-wirklich-ganz-bald die Süßigkeiten lassen würde ... "Tua des ned", wandte die Inquisitorin ein. "Des Süße is wahrscheinlich des einzige, was dir no a Freud macht." Der Bekannte senkte das Haupt und ergab sich, von urbaner Höflichkeit gelähmt, dem Verhör - das wenige Minuten später bereits von seiner Verdauung handelte.

Das alles scheint mir mittlerweile wie ein Traum, weil ich ja nun wieder in der Metropole residiere. Aber ein bißchen Provinz nimmt man immer mit. Auch in die noblere Vorstadt, wo man sich diesmal angesiedelt hat, um der grauslichen Piefke-Invasion in den Bobo-Bezirken zu entgehen. Der erste Fauxpas ereignete sich, als ich während einer Umzugsfahrt mit der neuen Hausbesitzerin – einer Dame mit einwandfreiem Benehmen – telefoniere. Unglücklicherweise paßt der ländliche Assistent, der den Wagen lenkt, genau diesen Moment ab, um mit einem anderen Verkehrsteilnehmer anzuhängen: "Oaschloch! Wos foahstn ned weida?!"

Ein Augenblick angespannten Schweigens auf beiden Seiten des Mobilgeräts ... dann tun sowohl die Vermieterin als auch ich selbst so, als wäre nichts vorgefallen, und konversieren gepflegt weiter. Doch der nächste Köpfler ins Fettnäpfchen ist vorprogrammiert: Wir sind nach dem anstrengenden Transport zu Kaffee und Kuchen bei der Dame des Hauses geladen. Der Assistent betrachtet angelegentlich seine Tasse, und die Gastgeberin ergreift das Wort: "Das Porzellan ist von Metzler und Orloff", erklärt sie in der Hoffnung, einen Fachkundigen vor sich zu haben. Doch der Besucher aus dem Sorgenlande enttäuscht weiterhin, als er das edle Stück vor seiner Knopfnase hin- und herdreht: "I schau ma jo goa ned des Heferl an, sondern die Fliagn. Solche ham ma daham a ..."

Wieder breitet sich Stille aus, die nur von der spontanen Fraktur eines Schienbeins und einem praktischen Ohnmachtsanfall seitens des Begleiters unterbrochen wird. Nur die Rettung kann ihn jetzt noch retten. Als sie ihn auf die Bahre bettet, zitiere ich ihm noch kurz aus meinem privaten Knigge ins Ohr ("Niemals in Anwesenheit der Hausfrau Ungeziefer in den Räumlichkeiten erwähnen!") und ramme ihm zum Abschied den Ellbogen in den Solarplexus. Man weiß ja, was sich gehört.

Trotzdem: In mancher - zugebenermaßen recht weniger - Hinsicht wird mir die Provinz mit all ihren liebenswerten Unarten fehlen. Zum Beispiel beim Gedenken an den Silvesterspaziergang in einen der vielen österreichischen Flecken, deren Ortsname verdientermaßen das Wörtchen "Öd" enthält: Dort durfte ich den zwidersten Wirten zwischen Wien und Amstetten kennenlernen. Vor seiner "Würstelbude" (wie ein Mitwanderer das Etablissement nannte) fügten qualmende Ölfasser dem Punschpublikum eine Rauchvergiftung zu, drinnen wusch der Besitzer ungehalten Gläser. Auf unseren Wunsch nach Glühwein und Atemschutzmasken reagierte der Mann wie folgt: "Jo, aber woats draußn, sunst kummen ma do olle eina." Soviel Ehrlichkeit erlebt man selten.

Auch die älteren Damen im Kaffeehaus werde ich in seligem Angedenken bewahren, weil sie ihre Vormittage so gut und richtig zu verbringen wissen - mit vielen Sechzehnteln vom Roten, aufgespritzt auf Achterln. Das nennen sie dort "Tupferl". Wenn ich mir vorstelle, was mir in der Stadt passiert, wenn ich eine schöne Kaffeesiederin frage, ob ich bei ihr ein Tupferl haben kann, brennen mir jetzt schon die Wangen.

Also: danke, Provinz. Ehrlich.

Peter Hiess

Depeschen an die Provinz


Peter Hiess lebte nach Jahrzehnten in seiner Geburtsstadt Wien 18 Monate lang auf dem Land - oder noch schlimmer: in einer Kleinstadt. An der Donau. Als er dann eines Besseren belehrt nach Wien zurückflüchtete, stellte er sich der Aufgabe, das Volk da draußen über das (provinzielle) Leben in der Metropole zu unterrichten.

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