Kolumnen_Miststück der Woche - V/004: Die Bourne Identität

Tame Impala: "Posthumous Forgiveness"

Über die australischen Stars der Indie-Irgendwas-Szene wollte Manfred Prescher schon vor Jahren schreiben - aber er ist irgendwie drüber weggekommen, also macht er es jetzt. Viel hat sich ja bei den Tame Impalas nicht geändert.
   05.02.2020

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.


Früher hätte man bei Gruppen, die schon überall Gold- und Platinplatten eingeheimst haben, politisch korrekt gefragt, ob man die wirklich noch als "Indie" bezeichnen darf. Das ging ja zum Beispiel mit den Smiths oder auch New Order so. Heute ist man in den meisten Belangen des Lebens politisch viel korrekter als anno 1982, aber halt nicht, wenn es um Musik geht. Anderseits haben die Tame Impalas zwar Edelmetall spendiert bekommen, verkaufen aber wohl doch deutlich weniger als seinerzeit die obengenannten Bands aus dem längst nicht mehr so großen Britannien. Also, was soll´s? Auf diese Frage antworte ich mit einem Schulterzucken und einem lapidaren: "Ist sowieso egal, wumpe oder wurscht." Aber was mache ich mit den Fragen, die der Kolumne eng verbundene Leser stellten? Da zucke ich ebenfalls mit den Schultern, hole einen großen Braunen und hoffe, daß nur der Kaffee mein Seufzen hört.

Also wohlan denn: Werde ich noch mal auf Mozart treffen und mich mit ihm unterhalten, so wie anno 2013? Kaum, denn vermutlich hat er sich nun endgültig totgesoffen und den Spaß an Statements zur aktuellen Popmusik verloren. Aber wer weiß, am Ende begegnet mir vielleicht der Herr Beethoven, der deutschösterreichische Schlingel. Der ist ja 2020 praktisch überall. Nächste Frage: Wird auch die "beste Liebespartnerin von allen" wieder ins Geschehen eingreifen? Was die Antwort angeht, habt ihr die Wahl zwischen vier unterschiedlichen Optionen und könnt zur Beantwortung von mir aus einen Telefonjoker einsetzen:

 

A) Sie existiert nur in der Phantasie - und da weiß man bekanntlich nie, was der so einfällt. Im besten Falle wird es wie bei Ephraim Kishons "bester Ehefrau" von allen, die immer da ist und sich höchstens mal, wie die Gattin vom Lot, im Restaurant umdreht und zur Salzsäule erstarrt.

B) Es hat sie mal "in echt" gegeben, allerdings ist sie ist mittlerweile glücklich anderweitig verheiratet und züchtet mit ihrem Gemahl irgendwo in Neuseeland schwedische Alpakas. Oder macht sonst etwas Nützliches.

C) Sie hat sich, nachdem sie drei Mal hintereinander in der "Quiz Duell"-App Gesamtsiegerin wurde, im Beisein von Jörg Pilawa in einem Logikwölkchen aufgelöst. Oder:

D) Sie denkt grad über den frisch verzapften Nonsens des Kolumnisten nach und wird sich, spätestens, wenn Ostern und Heiligabend auf den Geburtstag David Bowies fallen, wieder zu Wort melden.

 

Was Genaues weiß man nicht, sagte bekanntlich schon der bayerische Säulenheilige, das Finessensepperl. Nächste Frage: Werden auch wieder Wünsche erfüllt werden, so wie am Schluß der EVOLVER-"Miststücke"? Da muß die Antwort vage bleiben. Aber sagen wir mal so: Das könnte schon sein, wenn etwas dabei ist, zu dem mir Erbauliches einfällt. Also kommt mir dieses Mal bitte nicht mit Helene Fischer, aber auch nicht mit Bausa, Apache 207 oder Andreas Gabalier. Gerade was den Letztgenannten angeht, ist mein Horizont sehr begrenzt, weil ich sofort über Lederhose (Thüringen, Ausfahrt A9) auf Bernd Höcke, den Führer und das Horst-Wessel-Lied käme – und das ist bekanntlich alles schon dagewesen. Also: Wünsche erfülle ich, wenn Zeit und Lust im Einklang mit meinem persönlichen Feng Shui stehen.

 

 

 

Bleibt noch eine Frage offen, die ich mir grade stelle: Warum habe ich weder 2012 noch 2015 etwas über die Tame Impalas gemacht? Also wartet mal kurz, ich muß im alten Kram herumwühlen: Im Oktober 2012 kamen mir Dexys dazwischen, 2015 erfüllte ich gerade einen wichtigen Hörerwunsch, es ging um The Who. Das sind beides ehrenwerte Gründe, auch wenn die Who vielleicht noch eine Woche länger hätten warten können. Gut abgehangen war "Boris The Spider" damals nämlich auch schon. Ich könnte freilich auch zugeben, daß mir das kreuzsympathische Aussie-Quintett um Kevin Parker beide Male schlicht zu langweilig war. Oder zu gehypet. Wie man es auch betrachtet, der Faktor aus Langeweile geteilt durch Hype ergibt halt sowas wie einen Ackermannwinkel des Interesses: Je kleiner das Ergebnis der Rechnung, desto geringer ist dann meine Lust, sich damit zu beschäftigen.

 

Aber nun höre ich "Posthumous Forgiveness", den Vorboten zum neuen, erst vierten Impala-Album "The Slow Rush" und erfreue mich daran - und dieses beileibe nicht nur, weil der Track so gut zu den Leserfragen paßt. Er klingt, als würde Scott Walker mit Autotune arbeiten und das Ergebnis von den Pet Shop Boys remixen lassen, was zumindest, glaubt man meinem persönlichen Ackermannwinkel, wirklich gar nicht so uninteressant wäre: psychedelisch-melodiös, im Geist "klassischer" Sixties-Songs, nebst Intro und leichtem Bombast beim angedeuteten Refrain. Autotune hat man auf diese Weise noch nicht so oft gehört.

Sollten Tame Impala auf dem Album aber verstärkt zu diesem Tool, zu "Höhenkorrektur" und Phase Vocoder, greifen, wird mir auch schnell wieder fad. Aber es gibt bekanntlich nichts, was man nicht mit einem Stück von Sepultura aus den Gehörgängen hämmern könnte. Die brasilianischen Extremstmetaller sind übrigens auch wieder zurückgekehrt, sie haben vor kurzem das Züchten neuseeländischer Hochland-Alpakas aufgegeben und arbeiten wieder in der Stahlhütte vom Santa Cruz.

Manfred Prescher

Tame Impala - The Slow Rush

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Caroline (Universal Music)

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