Kolumnen_Miststück der Woche-– V/032: Promised Land

Taylor Swift: "illicit affairs"

Großartige Songwriting-Kunst, entstanden in Isolation. Taylor Swift nahm unter erschwerten Bedingungen ein überraschendes Album ohne jedes Füllwerk auf, findet Manfred Prescher.    26.08.2020

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.


Daß Taylor Swift anläßlich ihres neuen Albums so nebenbei via Rückzug in ein privates Idaho oder persönliches Oklahoma die verwandten Begriffe "Folklore" und "Heimat" für sich belegt, kann man - wie "Der Spiegel" - kritisieren. Oder es gerade jetzt gut finden.

Aber eigentlich wollte ich ja endlich meinen nächsten Gedichtband fertigstellen. Er sollte den Titel "Taylor Swift will nichts von mir" tragen. Dann kam die Pandemie, und plötzlich wollte keiner mehr irgendwas von irgendwem. Außer, daß andere Menschen die Grenzen des persönlichen Dunstkreises achten und nicht mit Balkonmusik nerven. Das wünschte ich mir zumindest und verzichtete dabei gern auf die vorher erhoffte Nähe zu Taylor Swift. Die hatte außerdem sowieso keine Zeit, weil sie ein neues Album aufnehmen wollte. Was unter Beachtung eben der Dunstkreise durchaus schwierig war. Den Produzenten Jack Antonoff, der auch schon mit Lana del Rey zusammenarbeitete, hat sie vermutlich während der Arbeiten an "Folklore" gar nicht live und direkt zu Gesicht bekommen. Aber das muß man heute auch nicht, die Vereinigten Staate of Internet ermöglichen den kontaktlosen Kontakt auch bei komplexen Handlungen wie dem Erstellen eines Albums. Fragt sich, wie das dann klingt.

Erstaunlich gut, sage ich. "Folklore" ist ein verdammt geniales Werk geworden. Nahe an der Perfektion und in jedem der 16 Tracks unglaublich rund und gesund. Die Mitarbeit des Dauer-Trendsetters Bon Iver hätte es da gar nicht gebraucht, aber er stört natürlich auch nicht. Weil er nämlich nie stört, was auf seine ureigene Art auch wieder nervig sein kann.

 

Ich neige dazu, den Begriff "Folklore" mit "Schein einer vermeintlich heilen Welt" zu übersetzen. Aber das trifft auf das achte Album von Taylor Swift rein gar nicht zu. Sicher, man kann bei oberflächlicher Betrachtung fragen, warum die Künstlerin zu Hause in ihrem Kämmerlein nicht von Isolation und der Bedrohung durch das Virus schreibt und sich stattdessen "´naus aufs Land" flüchtet. Doch diese Erörterung überlasse ich dem Hamburger Nachrichtenmagazin. Swift flieht immerhin nicht in ein Gestern, das als romantisch verklärter Sehnsuchtsort verklärt wird.

Es ist wie bei "Barnaby"-Krimis: Die Gegend ist schön, könnte sehr heimelig sein - aber dafür sind die Morde besonders gruselig. Nun, ermordet wird auf "Folklore" niemand, doch die Figuren, in die Swift als Ich-Erzählerin schlüpft, sind oft gebrochene und traurige Personen. Die Nostalgie von Songs wie "Cardigan" oder "Mirrorball" ist eine fragile, sehr intime. Ich kann es nachvollziehen: Wenn ich an meine Oma und die schönen Stunden der Kindheit denke, dann sind die schlimmen Momente nicht weg. Sie befinden sich in der Nachbarschaft. Das läßt mich, wenn ich jetzt über musikalische Intentionen sinniere, unweigerlich Vergleiche mit Springsteens "Nebraska" oder Joni Mitchells "Blue" ziehen. Nötig ist das nicht, da "Folklore" selbst outstanding ist - und das wird man, da würde ich meine komplette und heiß geliebte Sammlung an Noir-Filmen als Wetteinsatz in den Ring werfen - mit der Zeit erst wirklich merken. Das war bekanntlich bei "Blue" und "Nebraska" auch so.

Das Album hat rein gar nichts mit der Flucht vor urbanen Lebensbezügen und kitschiger Landhaus-Einrichtung im Nashville- oder Obereinherz-Style zu tun. Schon die schwarzweiße Ästhetik von Cover und Videos erinnert mehr an den "Zauberer von Oz", sprich, an den Moment, als der Orkan die heile Welt der kleinen Dorothy zu zerstören droht. Es ist, als sei in "Folklore" genau dieser Moment eingefangen und mit Geschichten aus Sylvia Plaths "Die Bibel der Träume" oder mit Gedichten wie "Mad Girl´s Love Song" und "Mohnblumen im Oktober" garniert worden: "And that´s the thing about illicit affairs/And clandestine meetings and longing stares/It´s born from just one single glance/But it dies and it dies and it dies/A million little times" singt Swift in "illicit affairs". Vermutlich würde Sylvia Plath diese Zeilen auch auf sich und ihre tiefe, sich aber verhängnisvoll entwickelnde Beziehung zu Ted Hughes beziehen. Natürlich passen die Zeilen des wunderbaren Songs auch zu den fatalen Liebeskatastrophen anderer gescheiterter Paare. In der Ruhe des Zurückgeworfenseins auf die eigene Scholle und die eigenen Erinnerungen kommen solche Gedanken zwangsläufig. Aber kaum jemand macht daraus allerfeinste Popsongs und flicht aus eigenen und kollektiven Gedächtnisfetzen ein famoses Album. Taylor Swift will nix von mir, denn sie hat Besseres zu tun.

 

 

 

Nächste Woche gibt es hier an dieser Stelle natürlich auch wieder eine Kolumne, aber die stammt nicht von mir. Anläßlich des großen Jubiläums - immerhin feiern wir das 400. "Miststück" - übergebe ich den Staffelstab vorübergehend an Nina Bambina und Sandra Schmidt. Was die beiden schreiben werden? Keine Ahnung. Und da ich ihnen auch keinerlei Vorgaben gemacht habe, dürfen wir alle wie Flitzebögen gespannt sein.

Manfred Prescher

Taylor Swift - illicit affairs

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Photos: © Taylor Swift

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