Kolumnen_Depeschen an die Provinz/Episode 24

Ich bleib´ dann mal hier

"Italien ist wunderschön, doch lieber mag ich wandern gehen." Trotz der thematischen Südausrichtung des vorliegenden Hefts bleibt der Kolumnist im Sommer daheim - und findet sein Dolce Vita im Wienerwald.    03.03.2020

Die Natur ist dem Stadtmenschen ja eigentlich ein Greuel.

Drum hat es auch was gottgewollt Gutes, daß das urbane Kind seine erste Kuh mit sechs Jahren sieht (und sich fürchtet), etwa im selben Alter erstmals vor einem Weizenfeld steht (und sich trotz dessen angeblicher Nahrhaftigkeit tödlich langweilt) und sein Glück nicht auf dem Rücken der Pferde sucht (weil ihm das depperte Ponyreiten im Prater schon mehr als gereicht hat).

Wer sie nicht von klein auf gewöhnt ist, darf die Natur nicht ungefiltert konsumieren, sondern nur moderiert, auf Plänen skizziert und streng koordiniert. Das Stichwort heißt "Ausflug" - und eventuell für nicht ganz Fußmarode "Wanderung". Dazu haben wir Wiener den Wienerwald, der trotz der Bäume, Schwammerln und Gelsen schon lange kein Naturgebiet mehr ist, sondern kulturell erobertes Terrain. Auf Schritt und Tritt begegnet man dort Erinnerungsstätten, Aussichtstürmen, heilenden Quellen wie der in der Lourdesgrotte ("Was brauch ma denn die Franzosen, des kenna ma doch ois söba ..."), mehr oder weniger rustikalen Einkehrmöglichkeiten und gelegentlich auch Bombenkratern aus dem Zweiten Weltkrieg. Man hatscht praktisch mitten durch die Geschichte, so sportlich wie lehrreich.

Und watscheneinfach ist es dazu: Da man beim Gehen sowieso schwitzen wird, kann man auch gleich die Panier vom letzten Abend anlassen, als man zwecks Ausflugsplanung noch ausgiebig saufen war. Nach der Anreise mit der Franz-Josefs-, Badner oder Westbahn sprüht man sich dann noch am Perron ausgiebig von oben bis unten mit hochgiftigem Insektenspray ein (Merke: Naturschutz heißt Schutz vor der Natur!), versorgt sich mit Proviant, setzt - wie der Autor dieser Zeilen - eine Sonnenbrille mit orangefarbenen Gläsern auf, damit das viele Grün noch psychedelischer einfährt, und macht sich auf den Weg. Der ist zwar nicht immer einfach zu finden, da hinterfotzige Waldarbeiter den Großstädter gern in die Irre führen, indem sie an Wegkreuzungen die Bäume mit den Markierungen umschneiden, aber mit dem notwendigen Kartenmaterial kommt man dann doch meist wieder heim. Oder zumindest in die nächste Gaststätte, wo Bier ausgeschenkt wird.

Wer aufgrund von Arbeitslosig- oder Selbständigkeit unter der Woche Tagesfreizeit hat, meidet den Wald klugerweise an Sonn- und Feiertagen, weil dann der gemeine Pöbel (auf den Hausbergen auch gern der gemeine Betriebswirtschaftler samt plärrender Familie) vor allem die Gegend rund um die Ausflugslokale unsicher macht. Am Werktag ist das Leben angenehmer - und das gilt auch für den Sommer, wenn das Volk in den Süden drängt, zum Meere hin, das nichts kann als den wertvollen Platz zwischen den Kontinenten verschwenden. (Vor allem die Damenwelt zieht es an den Ozean, wahrscheinlich wegen der Brandung, wir wissen es nicht. Der dressierte Mann setzt sich dann brav ans Steuer und gondelt im zähflüssigen Kolonnenverkehr der Sonne entgegen, stets nach dem Motto "Sie hots hoit so gern woin!", das ihm schon seine kostspielige Kinderschar beschert hat.)

Aber ich schweife ab - und das ist ja bekanntlich gerade im Wald keine gute Idee. Wer den von Alpen- und Naturfreunden markierten Weg verläßt, setzt sich nicht nur dem Zeck, sondern auch der Gefahr direkter Naturberührung aus. Und hier kommt die Nemesis des friedlichen Wandersmanns ins Spiel: der Mountainbiker, der Passanten gern ins Unterholz abdrängt.

Radfahrer sind bekanntlich schon im verbauten Gebiet eine einzige Plage für Aug, Ohr und körperliche Unversehrtheit. Wie man auf die Idee kommen kann, diese Irren auch noch in den Wald hinauszuschicken, bleibt ein Rätsel, das wohl nur mehr nachfolgende Alien-Generationen lösen werden können, wenn der Erdmensch längst gerädert ist. Bis dahin ist man stets der Gefahr ausgesetzt, daß einem beim Erklettern eines idyllischen Pfads plötzlich einer im Faschingstrikot entgegenrast, irgendwelche Parolen auf Piefke ruft, weil sein mobiles Mordwerkzeug nicht mit einer Klingel ausgestattet ist, und einem eventuell im Vorbeifahren auch noch ein Ohrwaschl abreißt. Und das hat Gott garantiert nicht gewollt.

Wie man hört, haben sich wehrhafte Wanderer mittlerweile darauf verlegt, heimlich Äste über die Bergradlerpisten zu legen. Der Autor dieser Zeilen distanziert sich deutlich von derart asozialem Verhalten und rät auch der geneigten Leserschaft dringend davon ab. Es könnt´ ja sonst was passieren ...

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte nach Jahrzehnten in seiner Geburtsstadt Wien 18 Monate lang auf dem Land - oder noch schlimmer: in einer Kleinstadt. An der Donau. Als er dann eines Besseren belehrt nach Wien zurückflüchtete, stellte er sich der Aufgabe, das Volk da draußen über das (provinzielle) Leben in der Metropole zu unterrichten.

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