Kolumnen_Depeschen an die Provinz/Episode 26

Der Ruf der Sirene

"Es wird doch nix passiert sein?!" sagt der Wiener mit ängstlich-lüsternem Blick, wenn zwei, drei Rettungen an seinem Fenster vorbeirasen. Dabei sollte er längst wissen: In der Stadt ist immer was passiert.    08.05.2020

So vernehmet die Kunde, o Menschen vom Lande, auf daß ihr staunet und bedächtig mit dem Kopfe wackelt: In Wien sind die Behörden und Professionisten vorbereitet. Auf jede Eventualität. Auf biblische Katastrophen. AUF ALLES. (Na gut, wenn´s schneit, sind sie jedes Mal total überrascht ... aber sonst: ALLES.)

Woran das auch der einfache Kolumnist merkt, das sind Einsatzfahrzeuge. Die sind dort, wo ich jetzt wohne, dauernd und überall unterwegs. Zwei Gassln weiter ist die Hauptfeuerwache des Bezirks, da geht schon einmal richtig was weiter, und ums Eck hat ein Sanitätsdienst seine Zentrale, aus der die Mitarbeiter oft auch mit Alarm ausfahren, wenn sie um Leberkässemmeln unterwegs sind. Dann gibt´s noch blitzschnelle Wagen mit lauten Sirenen und blauen, roten oder orangen Blinklichtern - für Gasgebrechen, Babynotfälle ("Grüßgott, ich bin schon wieder schwanger ..."), Tramwayschienenputzeinsätze, Wasserrohrbrüche und Allfälliges.

Nicht zu vergessen die vielen Polizeiautos, die ihr Folgetonhorn gewohnheitsmäßig erst einschalten, wenn sie zirka einen halben Meter hinter mir sind, und sich freuen, daß mich ein halberter Herzkasperl aus den Schuhen schüttelt. Aber man muß sie auch verstehen, die Wiener Ordnungsbeamten - sie dürfen ja auf höchste Anweisung nix mehr tun, auch wenn gerade was zu tun wäre, also fadisieren sie sich den halben Tag irgendwo hinter einer Radarfalle oder sekkieren das gemeine Volk.

Am meisten hab´ ich aber gestaunt, als ich im Schanigarten beim Chinesen vor meinen Sojasprossen saß und auf einmal ein kleines Feuerwehrauto mit einer übergroßen, beim Blaulicht angebrachten Biene vorbeischlitterte. War ich etwa in einen Godzilla-Film geraten? Oder hatte mir die freundliche Asiatin ein Stamperl Opium ins Bier geschüttet? Weit gefehlt, wie die Wikipedia - das Internet-Fachblatt für langweilige Amtsmitteilungen und offiziöses Halbwissen - mir erklärte: Es handelt sich um ein Fahrzeug der Feuerwehrimker, die ausrücken müssen, wenn beim Heurigen zu viele Wespen ums Kracherl kreisen. Und dafür haben sie natürlich auch ein Folgetonhorn.

Aber mir is wurscht, weil ich auf die Art weiß, daß ich in einer Großstadt wohne, wo was los ist. Manchmal würde ich mir am liebsten so ein Blinklicht und eine Sirene ins Schlafzimmerfenster stellen, damit ich das Gefühl habe, ich bin in New York.

Nur ein Einsatzfahrzeug vermisse ich schmerzlich: den MD-Notdienst. Den werden Sie naturgemäß nicht kennen, weil es ihn noch nicht gibt, also passen Sie auf: Früher, als einheimische Autos noch die richtigen Nummerntafeln mit weißen Zahlen auf schwarzem Grund hatten, konnte man als Laie die gscherten Verursacher der größten Straßenblödheiten nur am Bundesland erkennen. "N" war zum Beispiel der Neandertaler, dem man schon den Vogel zeigte, wenn er nur um die Ecke bog, damit er gleich weiß, warum er die Wiener nicht mag. Heute läßt sich viel einfacher festhalten, wer verkehrstechnisch die größte Schuld auf sich geladen hat. Und wer je genug Zeit hatte, das Kennzeichen des Fahrzeugs zu studieren, das ihn beinahe zusammengeführt hätte, weiß es auch schon: MD.

Wenn einer mit MD-Taferl daherkommt, fahren andere Autolenker brav rechts ran, Straßenbahner leiten eine Notbremsung mit schätzungsweise vier Oberschenkelhalsbrüchen ein ("Benützen Sie bitte stets die Haltegriffe!"), und der einfache Fußgänger wirft sich geschwind zwischen zwei parkende Autos oder flüchtet in einen Hauseingang. Der Mödlinger - jetzt hätt´ ich beinahe "Mördlinger" geschrieben - am Steuer ist unberechenbar, verbreitet Anarchie auf den Straßen und verdient eindeutig Vergebung, denn er weiß nicht, was er tut. Sein Ruf ist sogar schon bis ins Ausland vorgedrungen: Wenn sich in Italien einer mit MD am Auto zeigt, dann halten sich sogar die schlimmsten südlichen Chaoten plötzlich brav an Ampeln und Abbiegespuren; der Deutsche schert reflexartig zur Rettungsgasse ein; und am Nordkap verlassen alle fluchtartig ihre Campingmobile, weil sie Angst haben, daß der Besucher aus der österreichischen Provinz sie vom nördlichsten Spitz aus ins Wasser scheiben könnte.

Und niemand tut was dagegen im Verweinten Europa. Dabei könnten sogar die Mödlinger zu vernünftigen Verkehrsteilnehmern werden - wenn man sie nur behördlich und mit lautem "Tatü-tataa" drauf hinwiese. Ich tät´ den zusätzlichen Krawall auch noch aushalten. Ganz sicher.

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien und zwischendurch eine Zeitlang in der Provinz. Jetzt ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Endlich.

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 34

Blut und Boten

"Don´t kill the messenger!" heißt es im Englischen. Manchmal fühlt man sich aber trotzdem sehr versucht, mit Gewalt auf den Überbringer loszugehen - wenn nicht schon der nächste vor der Tür stünde.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 33

Feurio! Feurio!

... das Schnitzel brennet lichterloh!" Oder: Warum es in Nachbars Garten immer mehr stinkt als daheim. Der Kolumnist, beflügelt von Schampus und chemischer Munterkeit, hält einen Monolog.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 32

Da leiden´s, die Genossen

Ist es nicht herrlich, daß heute praktisch jeder tun kann, was er will - auch wenn es ein Blödsinn ist? Die Leidensvisagen, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, sagen: Nein. Ist es nicht.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 31

Mist you!

Solange der wirtschaftliche Aufschwung auf sich warten läßt, können Sie sich ja in der guten alten Tradition des Miststirlns üben. Das spart nicht nur Geld, sondern ist auch lehrreich. Nicht nur für Kolumnisten.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 30

Auf der Suche nach der vergorenen Zeit

Das mit den guten Vorsätzen war auch heuer schnell vorbei. Schon ein paar Tage nach Silvester fand sich unser Kolumnist in einem Wirtshaus wieder, um die Mysterien des Alkoholismus zu ergründen.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 29

Wiener Wohnen

Der durchschnittliche Stadtbewohner hat nur vier Wände - statt ein ganzes Haus mit Carport und Gemüsegarten. Aber in denen kann er wenigstens seinen Wahnsinn ausleben, ohne daß ihm dauernd wer nachspioniert.