Kolumnen_Depeschen an die Provinz/Episode 35

Ferien-Passion

Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Grauen liegt so nah? Auch in der Großstadt gibt es Gegenden, die einen bis in den Schlaf verfolgen … Ein Alptraum in drei Etappen, mit wissenschaftlichen Anmerkungen.    10.08.2020

"Seestadt" stand dem ersten Waggon auf die Stirn geschrieben. Wie in Trance steige ich ein, voll ängstlicher Neugier, weil es sowas wie eine Seestadt in Wien ja gar nicht gibt. Wo fährt diese U-Bahn also hin? In die Provinz? Oder in einen aufgegebenen unterirdischen Bahnhof, wie weiland der Mitternachts-Fleischzug, wo nach Betriebsschluß ein Schlachter sein grausiges Handwerk erledigt?

Ich nehme auf den schmierigen Plastiksitzen Platz, betrachte die fahlen, seltsam verzerrten Gesichter der anderen Passagiere, wende dann den Blick ab und schaue aus dem Fenster. Der Zug gleitet durch Transdanubien, zwischen Sozialbaughettos, zerfallenden Glashäusern und glitzernden Vergnügungsbetrieben, aus denen Tristesse kriecht. Und dann - nix mehr. Der Werbefilm auf dem Stationsmonitor hat die absolute, grauenhafte Wahrheit gezeigt. Da ist nur mehr Landschaft, das Gras und die Felder glatt und poliert, wie vom Computer gezeichnet, eine grelle unbewegliche Sonne am Firmament, darunter genau gleiche Schäfchenwolken in genau gleichen Abständen. Strichmännchen hetzen einander mit gezückten Messern durch die endlosen Wiesen ...

 

Wissenschaftlicher Einschub 1: Viele werden´s vielleicht nicht wissen, aber der Wiener als solcher fürchtet Transdanubien - außer, wenn er zufällig von dort ist. Die Bezirke 21 und 22 sind fremdes, unbekanntes Land, ähnlich wie die Weiten Simmerings oder Liesings, wurscht, wieviel U-Bahnen sie dorthin bauen. Natürlich kennt man immer wen aus Floridsdorf oder Donaustadt, man war auch schon ein paarmal in Stammersdorf beim Heurigen ... aber das bleiben Ausnahmen. Und gelegentlich gedenkt man auch des guten Bekannten, der auf Kaisermühlen gheirat hat und wenige Monate später genauso wurde und dachte und redete, wie es dort alle tun. Kurz und wissenschaftlich objektiv: Es ist irgendwie schon Wien, aber halt doch ganz anders.

 

Der Zug hält an, ich bin der letzte Fahrgast. Die anderen haben sich auf dem Weg zur Endstation in Luft aufgelöst, sind immer mehr verblaßt, bis sie endlich ganz verschwunden waren. Kaum habe ich die U-Bahn verlassen, gleiten boshaft zischend die Türen hinter mir zu. Der Zug ist abgefahren, die Haltestelle wirkt mit einem Mal so, als wäre sie seit Jahren im Verfall begriffen: bröckelnder Beton, blinde Fensterscheiben, kaum noch lesbare Hinweisschilder.

Ich blicke mich um. Da ist nur das Nichts. Flachland. Eine Riesenbaustelle, auf der laut einer im Sonnenglast längst bleich gewordenen Landkarte Wohnungen für zirka fünfzehneinhalb Millionen Menschen entstehen sollen, mit allem Drum und Dran: verstaubten Einkaufspalästen, verlassenen Cineplexen, zertrümmerten Jugendzentren. Von hier aus können die Bewohner dann täglich zwei Stunden zur Arbeit pendeln, also nur unwesentlich länger als aus Gmünd oder Graz. Es sieht aus, als würden sie hier täglich eine Atombombe zünden, bevor radioaktiv verseuchte Bauarbeiter sich daranmachen, die brüchigen Betonwände neu zu errichten. Und in der Mitte liegt doch tatsächlich dieser See, aus dem an diesem verfluchten Sonntag die ersten schwarzen, klebrigen Tentakel aufsteigen ...

Ich bin hier gestrandet, für immer.

 

Wissenschaftlicher Einschub 2: Ist er natürlich nicht. Er leidet nur an einer Überdosis Transdanubien. Interessanterweise ergab eine vor kurzem stattgehabte Korrespondenz mit einem jenseits der Donau Ansässigen, daß manche Menschen dort glauben, sie wohnten im wahren Wien. Das ist ungefähr so wie bei Kärntnern, die sagen: "I foa heit noch Wien ausse" oder "... nach Wien obe", worauf man unerbittlich entgegnen muß: "Nein, niemals, keine Rede davon, du fährst nach Wien eine oder auffe, weil wir immer drinnen und oben sind und ihr daher draußen und unten." Deswegen hat man uns in den Bundesländern so wahnsinnig gern.

 

Das seestädtische Grauen führte dazu, daß ich bewußtlos zusammenbrach.

Als ich aus meiner Ohnmacht erwache, finde ich mich in einer wimmelnden Menschenmenge wieder: Osama-bin-Laden-Gedächtnisbärte, enge T-Shirts über postpubertären Bierbäuchen, grausame Transgenderei und schnarrende Stimmen, die das bundesdeutsche Idiom von sich geben, das seit dem neuen Anschluß zur vorherrschenden Sprache in Cisdanubien geworden ist. Ich blicke mich um und sehe, daß ich mich im einst würdigen Messepalast befinde, der vor Jahren zum hochsubventionierten Kultur- und Drogenhandelszentrum umfunktioniert und mit dem attraktiven Namen "EmmKuu" bedacht wurde.

Hier, inmitten einer zutiefst perversen Architektur, gegen die der Gemeindebauirrsinn wirkt wie ein klassisches Schrebergartenidyll, ist alles völlig verkehrt. Hier hält man Charlotte Gainsbourg und Joaquin Phoenix für attraktive Filmstars und die EU für ein Friedensprojekt. Und hier scheint keiner zu merken, daß der Schiach endgültig ausgebrochen ist. Als die FM4-hörenden Zombies auf mich aufmerksam werden und mich durch ihre Ironiebrillen geistlos anstarren, blicke ich zum Himmel auf und flehe: "Darf ich wieder nach Seestadt? Bitte?!"

 

Wissenschaftlicher Einschub 3: Gott antwortet nicht. Wie immer.

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien und zwischendurch eine Zeitlang in der Provinz. Jetzt ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Endlich.

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