Kolumnen_Depeschen an die Provinz/Episode 30

Auf der Suche nach der vergorenen Zeit

Das mit den guten Vorsätzen war auch heuer schnell vorbei. Schon ein paar Tage nach Silvester fand sich unser Kolumnist in einem Wirtshaus wieder, um die Mysterien des Alkoholismus zu ergründen.    30.06.2020

"Nehmen Sie doch bitte Platz", sagte der eine.

"Bestellns Ihnen was zum Trinken", forderte mich der andere auf.

"Oba gach!" polterte der Dritte ungeduldig.

Ich hatte lange um den Termin mit den drei Herren nachgesucht. Sie waren geradezu mythische Gestalten, Kapazunder auf dem Gebiet des Alkoholkonsums und leuchtende Vorbilder für Trankler aus allen Grätzln. Ihre Bewunderer nannten sie die "Heiligen Drei Angsoffenen" - und niemand wußte genau, wie sie aussahen (wahrscheinlich, weil man nach einem Treffen mit ihnen unweigerlich gröbere Erinnerungslücken hat).

Ehrlich gesagt, weiß auch ich nur mehr ungefähr, was sich in dieser langen Nacht abgespielt hat, aber ich hatte gottlob mein treues Aufnahmegerät dabei und kann daher einiges rekonstruieren.

"Einen roten Spritzer, bitte!" rief ich dem Wirten zu. "In an Krügerl!"

Der noblere meiner Gesprächspartner hob anerkennend eine Augenbraue. "Sehr gut", lobte er. "Mit der Bestellung hätten Sie in den Schnöselbezirken gleich Lokalverbot riskiert."

"Deswegen treff ma uns ja in einem Vorstadtbeisl", sagte der Gemütliche. "Da tut wenigstens keiner so, als ob er ein Weinkenner wär, der beim ersten Schluck vom bessern Roten das Goscherl spitzt, ein bisserl gurgelt und dann 'hmmmm' und 'aahhh' macht, obwohl er von nix eine Ahnung hat."

"Genußtrinker, depperte!" brauste der Zwidere auf und haute sein Bierglasl auf den Tisch, um Nachschub zu bestellen. "Dabei sauft ma jo ned zum Vergnügen, sondern wäu ma möglichst schnell im Öl sein wü. Dei erste Lektion hast glernt, Burli!"

"Geh, red doch den Herrn Redakteur nicht so von der Seitn an, ich bitt dich", wies der eine Trankler-Schutzpatron den anderen zurecht. "Also, was wollns denn wissen, nicht mehr ganz junger Mann?"

Ich trank erst aus, bestellte mit der weltbekannten kreisenden Handbewegung eine Runde nach und fragte dann: "Na gut ... Wenn nicht zum Spaß, warum trinken die Leute dann? Und warum grad in Wien soviel?"

"Also, wissen Sie, das mit Wien ist ein Gerücht. Bei uns wird auch nicht mehr Alkohol inhaliert als anderswo in der zivilisierten Welt. Nur rennt halt hier nicht jeder gleich in so ein wichtigtuerisches Zwölf-Schritte-Programm ..."

"Do riskiert er liaba, daß eam glei nochn zweitn Schritt auf die Goschn haut. Und dann steht er auf und sauft weida, bis die Leber hoat is wia Granit. Sicher, do kannst zgrundgeh dran - oba wenigstens derlebst as ned nüchtern."

"Irgendwie hat der Kollege recht, wissens? Als Trinker weiß man eh ziemlich genau, daß irgendwann die Organe aufgeben oder einen die Demenz derwischt. Aber wie sagt schon der Sandler, der Spiritus sauft und vom Arzt gewarnt wird, daß er darauf blind werden kann? A Aug riskier i ..."

"In Wahrheit ist die Sache ganz einfach", erklärte mir der eine, nachdem wir mit dem vierten doppelten Obstler angestoßen hatten. "Man trinkt, weil man die Menschheit nicht anders erträgt. Ob es jetzt die dauernd schlecht gelaunte Ehefrau daheim ist ..."

"... oder der Abteilungsleiter im Büro, der selber zu kretinös zum Bleistiftspitzen ist, aber einem trotzdem was anschaffen darf. Oder die angfressenen Gsichter in der Straßenbahn. Also geht man ins Wirtshaus und stellt sich ein Viertel nach dem anderen rein, bis man die anderen Gäste aushält. Ziel erreicht, Prüfung bestanden. Heimwackeln."

"Und dann gibts no die, die si söba ned aushoitn, denen is ganz schwa zum Höfn. Schauns amoi, der do drübn: Zerscht hot a si a Stund mit sein Smart-Export-Handy wichtiggmocht, bis er gmerkt hat, daß des kan interessiert. Dann hot er mit olle anghängt, wegen nix und wida nix, nur wäula a Trottl is. Und jetz is soweit - jetz foit er an jedn uman Hois und sogt: Ich liebe dich, Oida, wirklich, du bist mei bester Freund! Interessiert natürlich a kan Menschn ... Um zwöfe schlaft er endlich ein und wart, daß eam wer außetragt. Und am nächstn Tog kummt a wida, kann si an nix mehr erinnern und fangt von vurn an."

Ich starrte in mein Bierglas und versuchte krampfhaft, mir in meiner Fettn eine Frage auszudenken. "Und ... des ... des is leiwand?" stammelte ich schließlich.

"Nein, leiwand ist das nicht", antworteten die Herren unisono. "Aber es beruhigt. Unheimlich."

Dem konnte ich von meinem gemütlichen Platz unterm Tisch aus nur zustimmen. Und habe es wahrscheinlich auch getan - doch zu diesem Zeitpunkt hatte mein Akku schon aufgegeben. Und Sperrstund war auch ...

Wird fortgesetzt.

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien und zwischendurch eine Zeitlang in der Provinz. Jetzt ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Endlich.

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