Print_Chuck Palahniuk - Das letzte Protokoll

Liebes Tagebuch ...

In seinem neuen Roman verpanscht der Fight-Club-Autor Gesellschaftskritik, Horror- und Krimi-Elemente gnadenlos mit sich selbst. Ob das gut geht?    20.06.2005

An der Kunstakademie lernt Misty Wilmot den Frauenheld "Peter den Rammler" kennen, verliebt sich in ihn und startet ein neues Leben auf seiner Heimatinsel Waytansea. Die beschauliche Idylle entpuppt sich schnell als kafkaeske Hölle: Seit seinem mißlungenen Selbstmordversuch liegt Ehemann Peter im Koma; Tochter Tabbi ist verkorkst und gerät zunehmend unter den Einfluß der bösen Schwiegermama Grace; Geldsorgen fressen Misty auf: Tag und Nacht schuftet sie in miesen Jobs und hält sich nur mit Drinks und Schmerzmitteln auf den Beinen. Die ganze Insel scheint verrückt zu spielen: Das einstige Paradies verwandelt sich in eine touristische Müllhalde nörgelnder Urlauber. Vor seinem Unfall hat ihr Gatte deswegen heimlich einzelne Zimmer der Ferienhäuser der Insel zugemauert und darin Drohungen gegen alle Fremden an die Wand gesprüht. Wegen diesem Unsinn hat Misty auch noch die Polizei am Hals, die nach ausländerfeindlichen Gruppierungen fahndet. Drohungen findet Misty auch in der Fachliteratur: Frühere große Künstlerinnen aus Waytansea kritzelten Warnungen in ihre Kunstbücher, Warnungen fast direkt an Misty, die Bibliothekarinnen aber schnell ausradieren. Als die unglückliche Misty auch noch von einer unerklärlichen Vergiftung niedergeworfen wird, beginnt sie wieder zu malen - und entspricht damit ganz dem Wunsch einer ungeheuren Verschwörung, die ihren Tod im Sinn hat.

Keuch. Mal wieder schwere Kost von Palahniuk, dem Spezialisten für unglaubwürdige, dick aufgetragene, absolut synthetische und dennoch höchst unterhaltsame Bücher. Wer den Autor nach seinem platten Akte-X-Ausrutscher "Lullaby" schon aufgegeben hat, kann versöhnlich zugreifen: Es steckt genug Chuck P. in diesem Buch, um Disney-Flitterwochen an Lotteriegewinn-Traumstränden in klebriger Düsternis zu ersticken. Manche meinen sogar, "Das letzte Protokoll" - erzählt aus Mistys Tagebuchperspektive - sei sein bestes Buch. Da kann man natürlich auch anderer Meinung sein: "Flug 2039" ("Survivor") und "Der Simulant" ("Choke") sind weit besser, ebenso das wahrscheinlich aus Verlegerfeigheit nie übersetzte "Invisible Monsters" oder die gleichfalls unübersetzte Reportagensammlung "Stranger Than Fiction: True Stories". Denn Misty Wilmots "Diary" - beknackt und unnötig fehldeutbar übersetzt mit "Das letzte Protokoll" - ist einfach zu viel von allem. Zu viel Style. Zu viel Kritik. Zu viel Kunst. Zu unglaubwürdig. Zu dick aufgetragen. Zu synthetisch. Okay: Chuck ist hier immer noch große klasse, liest sich packend, und so weiter - doch der einst erfrischende Ton verkommt zunehmend zur bloßen Masche. Wäre schade, wenn das so weitergeht. Wer übrigens des Englischen mächtig ist, ist mit dem Original "Diary" erheblich besser bedient.

Andreas Winterer

Chuck Palahniuk - Das letzte Protokoll

ØØØ 1/2


Goldmann (D 2005)

 

Teaser-Photo © Chris Chapman

 

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